Warum du die Doku „Disclosure“ sehen solltest

Sie zeigt, wie trans* Menschen in Hollywood lange nur als Witzvorlage dienten – und auch, warum sich das ändern muss.
Von Magdalena Pulz
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Foto: Netflix; Bearbeitung: jetzt

„Oh mein Gott!“, sagt Ace Ventura, alias Jim Carrey, im Film „Ace of Ventura“ (1994). Und dann mit allem Ekel, den er zur Verfügung hat: „Einhorn ist ein Mann.” Auf diese Enthüllung über die Person Lois Einhorn folgt eine vielsagende Schnittmontage: Ventura übergibt sich in die Toilette, und zwar zweimal, benutzt eine ganze Tube Zahnpasta um seine Zähne zu putzen, wechselt nicht nur seine gesamte Kleidung, sondern zündet sein vormaliges Outfit auch noch in einer Mülltonne an, um schließlich weinend in der Dusche zusammenzubrechen. All das wegen eines (eigentlich einvernehmlichen) Kusses zwischen Ace und Lois: Denn Lois Einhorn, so fand Ace danach heraus, ist trans Frau. Der Film soll eine Komödie sein, ist aber vor allem eines: eine Erniedrigung für trans Personen. Und es ist nur einer von vielen solcher Filme. Das zeigt die neue Netflix-Doku „Disclosure: Trans Lives on Screen“.

„Seit Jahrzehnten bringt Hollywood den Menschen bei, auf trans Personen zu reagieren: Und zwar mit Furcht“, sagt Nick Adams von der „Allianz von Schwulen und Lesben gegen Diffamierung” (GLAAD) darin.

Wer die ganze Doku angeschaut hat, wird Adams Aussage am Ende wohl zustimmen müssen. Denn sie zeigt: Die Mehrheit der Filme, die vor 2010 erschienen sind und in denen trans Charaktere vorkommen, ist, sagen wir mal: problematisch. Und deswegen ist es an der Zeit zu reflektieren, mit was für Bildern und Geschichten man da eigentlich sozialisiert wurde.

Disclosure | Official Trailer | Netflix

Der queere Regisseur Sam Feder kombiniert in „Disclosure“ Interviews mit mehr als 20 trans Autor*innen, Schauspieler*innen, Filmemacher*innen, sowie Wissenschaftler*innen, mit Archiv-Szenen der vergangenen hundert Jahre aus Filmen und Serien; ordnet ein, erklärt, und vor allem: zeigt. Manchmal reichen dafür schon fünfsekündige Ausschnitte: Wenn etwa in alten Schwarz-Weiß-Filmen Männer in schlechtsitzenden Rüschen-Kleidern herumlaufen, und das soll dann schon lustig sein. 

Dabei erfährt man nicht nur ein Stück Trans-Geschichte, sondern es ist auch für Film-Nerds cool. Es ist erstaunlich, wie weit die gemeinsame Geschichte von Film und andersartigen Gender-Konzepten zurückreicht: Es werden etwa Clips von gender-bending Männern in Frauenkleidern gezeigt, etwa aus 1901 („Old Maid having her Picture taken“), 1904 („Meet me at the Fountain“) oder 1924 („The Masquerade“). Solche Darstellungen gab es im gesamten Verlauf der Filmgeschichte: „Trans und Film sind miteinander aufgewachsen“, sagt die Sozialwissenschaftlerin und Filmemacherin Susan Stryker. Dabei sind auch hier die Inhalte nicht gerade transfreundlich, aber interessant ist es trotzdem zu sehen, dass es ein Thema ist, das Filmemacher*innen wohl schon immer fasziniert hat. 

Oft wurden Trans Personen als „geistig gestörte“ Mörder*innen dargestellt

Gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Transgender vor allem als lächerliche Personen dargestellt; als männliche Freaks in Kleidern, über die man Witze macht. Die trans Person als Punchline ist bis heute noch nicht ganz passé, wenn auch der Doku zufolge nicht mehr ganz so häufig. Und dieses Narrativ hat echte Auswirkungen auf das Leben von trans Menschen. Cox, die die Doku auch mitproduziert hat, erzählt, dass sie gerade in ihrer frühen Zeit der Transition oft in der New Yorker U-Bahn ausgelacht wurde. Irgendwie hätten die Leute gedacht, es sei normal, so auf eine trans Person zu reagieren. 

Später wurden Trans-Attribute auch oft mit geistiger Verwirrung und/oder schweren Straftaten vermischt: Man denke nur an „Psycho“ (1960), wenn der mörderische Norman Bates im Kleid seiner toten Mutter auftritt. Oder an „Dressed to Kill“ (1980), wo Robert Elliott ein weibliches, ebenfalls mörderisches Alter Ego hat. Auch hier gibt es in der Doku eine persönliche Anekdote, die zeigt, warum das so heikel ist: Als Schauspielerin und Autorin Jen Richards einer Kollegin erzählte, dass sie trans sei, habe die sie gefragt: „Du meinst, wie Buffalo Bill?“ Buffalo Bill ist ein Serienmörder in „Das Schweigen der Lämmer“ (1991), der sich die Haut seiner weiblichen Opfer überstreift, um sich ihre Form anzueignen.

Aber auch andere Strukturen in Filmen und Serien, die trans Personen oft verletzen, werden in „Disclosure“ thematisiert: Trans Menschen als stetige Opfer der Gewalt, die quasi durchweg als Prostituierte arbeiten. Oder, dass trans Frauen häufiger als Trans Männer gezeigt werden. Oder weshalb es trans Personen so schadet, wenn sie im Kino von cis Darsteller*innen gespielt werden. Und und und. Selbst, wer sich für einigermaßen „woke“ hält, kann in dieser Doku noch etwas über das öffentliche Bild von trans Menschen lernen. 

„Ich habe alles an mir, das Trans war, gehasst“

„Disclosure“ füllt eine wichtige Lücke: Nur etwa 16 Prozent der US-Amerikaner*innen kennen einer Studie zufolge eine trans Person. Eine Zahl, die auch in Deutschland nicht viel höher sein dürfte, allein schon, weil es viel weniger trans als cis Menschen gibt. Der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität zufolge sind gerade einmal 0,25 Prozent der Menschen Transgender. Dass es so wenig realen Kontakt gibt, bedeutet für die meisten Hetero-Cis-Menschen, dass ihr Wissen über Transgender also tatsächlich vor allem aus den Medien stammt. 

Was zu bedenken bleibt: dass es auch den meisten trans Personen so geht. Auch sie kennen gerade in jungen Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit niemanden, der oder die dasselbe durchmacht wie sie. Deswegen müssen auch sie sich darauf stützen, was ihnen medial vermittelt wird – und davon hängt bei ihnen noch viel mehr ab: ihr Selbstbild, ihr Selbstwert, ihre Bereitschaft, auf ihre Intuition zu hören, diesen großen Schritt zu wagen, und sich zu dieser Gruppe dazuzuzählen. Cox erzählt etwa, wie hart es für sie war, sich selbst und die damaligen Film-Narrative zu vereinen: Sie sei so erzogen worden, dass sie erfolgreich sein wollte. „Aber wenn ich den Fernseher eingeschaltet habe, sah ich all diese Bilder, die nicht die Person darstellen, von der ich eigentlich wusste, dass ich es war. Ich habe alles an mir, das trans war, gehasst.“ Eine Reflexion und Aufklärung über die Bilder, mit denen man da aufgewachsen ist, ist mehr als nötig, um marginalisierte Gruppen wie trans Personen besser in die Gesellschaft zu integrieren.

Natürlich ist nicht alles schlecht: Der Film nennt auch positive Beispiele, gerade aus den vergangenen Jahren. So wird etwa die Frauengefängnis-Serie „Orange is the new Black“ (2013-2019), oder das zum Teil von trans Personen produzierte „Pose“ (seit 2018), ja sogar ein alter Bugs-Bunny-Film („What's Opera, Doc?“, 1957) gelobt.

Wie immens die Macht von Filmen und Serien auch im Positiven ist, erzählt noch einmal Schauspielerin Jen Richards. In einer Reality-TV-Show habe sie eine Talkrunde von Eltern, deren Kinder trans sind, gesehen. Dort habe ein Vater gesagt, ein trans Kind zu haben, sei wie mit einem Einhorn zu leben: „ein großartiges Wesen“, „jemand, der so tapfer, so cool, sich selbst so nahe ist“. Richards gesamte Weltsicht sei mit diesem einen Kommentar zusammengebrochen, erzählt sie: Sie habe sich selbst nie als etwas Tolles wahrgenommen. „Ich musste das erst [im Fernsehen] sehen. Und jetzt, wo ich das habe, möchte ich auch so gesehen werden.“ Und das sagt eigentlich schon alles.

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