Warum es mir schwer fällt zu sagen: „Ich bin Feminist“

Ein Rückblick auf die vergangenen Jahre hat unserem Autor gezeigt: Auch in seinem Denken läuft noch ganz schön viel schief.
Von Raphael Weiss
feminist oder nicht cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Ich würde sagen, dass ich Feminist bin. Innerlich, zu mir selbst. Wenn mich jemand laut fragt, kommt allerdings nur ein widerwilliges: „Joah, also, wenn ich mich einschätzen sollte… dann würde ich schon, auf jeden Fall, für mich so ganz persönlich, sagen“ aus meinem Mund.

Dabei gibt es für mich eigentlich keinen noch so kleinen Grund, warum irgendjemand, geschweige denn ich selbst, die Ziele des Feminismus ablehnen sollte. Der Satz: „Ich bin Feminist“, kommt mir trotzdem nicht so einfach über die Lippen.

Woran liegt das? Zum Weltfrauentag hatte mich eine Kollegin gebeten, über dieses Thema nachzudenken. Ehrlich gesagt, große Lust hatte ich nicht. Zum einen, weil es beileibe schon genug Texte gibt, in denen Männer über Feminismus reflektieren, irgendwie an der Oberfläche rumkratzen und am Ende nicht mal ein interessanter Gedanke dabei rumkommt. Zum anderen, weil ich wusste, dass ich, wenn ich mich nicht in diese Sammlung einreihen möchte, sehr, sehr ehrlich sein muss. Und das bei einem Thema, bei dem ich lange gebraucht habe, um erstmal mir selbst gegenüber ehrlich zu sein. Ich hatte Angst, Fehler einzugestehen und noch mehr, weitere zu machen.

Ich glaube, Feminist sein ist ein Lernprozess. Und ich habe ehrlicherweise keine Ahnung, ob ich den bereits vollständig durchlaufen habe

Also hatte ich mit dem Gedanken gespielt, mich hinter dem Argument zu verstecken, dass manche Strömungen des Feminismus es nicht gutheißen, wenn sich Männer selbst zum Feministen erklären. Oder, dass ein klares: „Ja, ich bin Feminist“, von Männern ausgesprochen, oft wie Selbstbeweihräucherung wirkt. Es gibt genügend Männer, die sich selbst als kleine Margarete Stokowskis darstellen und dann später mit ihren Jungs die Nacktfotos ihrer Ex-Freundinnen analysieren.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, ist meine Angst vor dem F-Wort aber eigentlich anders begründet. Ich glaube, Feminist sein ist ein Lernprozess. Und ich habe ehrlicherweise keine Ahnung, ob ich den bereits vollständig durchlaufen habe. Ob ich es verdiene, mir den Feministen-Anstecker anzuheften.  

Dieser Prozess ist anstrengend, man muss sich ständig hinterfragen und überprüfen, in welchen Situationen man als Mann privilegiert ist, wann man einen ungerechtfertigten Vorteil hat oder hatte, wann man Ungerechtigkeit und Sexismus zulässt und wann man vielleicht selbst in seinem Leben sich sexistisch verhalten hat. Kurz gesagt sich fragen: Wann war/bin ich als Mann Teil des Problems? Und wann der Lösung?

Dass wir in einer Welt leben, in der Männer Frauen unterdrückt haben, habe ich vermutlich mit 14 in einer Nacht in Spanien verstanden. Ich stand mit meiner zwei Jahre älteren Schwester an einer Strandbar. Wir wollten einfach Spaß haben, als sich unser 22-jähriger besoffener Nachbar neben meine Schwester gestellt hat. Er laberte sie zu, umarmte und berührte sie. Sie wand sich aus seinem Griff, nur um noch fester den Arm um ihre Schulter gelegt zu bekommen. So ging das sicher 20 Minuten. Ich weiß noch, dass ich Tränen in den Augen hatte. Vor Wut. Und dem Typen sagte, dass er aufhören soll, ich ihm sonst eine auf’s Maul haue und von ihm mit einem Grinsen einfach weggeschoben wurde. Meine Schwester bat schließlich einen anderen, erwachsenen Mann um Hilfe. Von dem reichte ein entspanntes Kopfschütteln und ein „Lass gut sein“, um die Situation zu beenden. Mir hat sich diese Geschichte ins Gehirn eingebrannt. Für meine Schwester ist es eine von vielen Situationen. Sie hat oft Ähnliches und Schlimmeres erlebt. Als ich sie fragte, ob ich diese Szene für diesen Text verwenden dürfe, kam von ihr nur: „Ah ja, stimmt. Ich glaube, ich weiß was du meinst.” 

Ich erinnere mich, wie ich in der Pubertät 9Gag cool fand und ab und an energisch nickte, wenn irgendwelche Memes sagten: „Frauen verdienen vielleicht 20 Prozent weniger als wir, aber wir müssen denen auf Dates immer das Essen bezahlen. Das gleicht sich aus.“ Bis heute weiß ich nicht, warum ich damals nicht verstehen könnte, dass auch der Inhalt dieses Memes Folge und Ausdruck jahrhundertelanger Unterdrückung ist. Und dass diese Rechnung wirklich so gar nicht aufgeht und sich nie ausgleicht. Schon gar nicht, bei den zwei Dates, die ich kleiner Pimpf zu dem Zeitpunkt hatte. Aber damals hatte ich das dumme Bild von Feminismus, dass die Bewegung nicht Gleichberechtigung möchte, sondern einen unfairen Vorteil für die Frauen. Und das, obwohl ich alleine mit zwei Feministinnen aufgewachsen bin, die ich schon damals über alle Maßen bewunderte und die mir sicherlich etwas anderes beigebracht hatten. 

Unser Trainer streckte seinen Finger unter die Nase eines Mitspielers: „So riecht die Oide von innen.“ Von solchen Situationen gab es viele

Ich denke an mich im Fußballverein mit 17, 18. An die Kabine, die – wie wohl fast jede andere in Deutschland – eine Brutstätte für Sexismus war. Wie uns dort einer der Rädelsführer erklärte, nach welchem Punktesystem nun herausgefunden würde, wer der krasseste Aufreißer ist. „Fette zählen nur einen halben Punkt, Jungfrauen zählen doppelt.“ Ich wusste eigentlich, dass das vollkommen daneben war, aber irgendwie fand ich diesen Typen, mit einer Mischung aus Ironie und Bewunderung, wirklich cool. Unser Trainer sprach vor dem Spiel statt über die Mannschaftsaufstellung über seinen One-Night-Stand mit einer Spielerin aus der Frauenmannschaft. Er streckte seinen Finger unter die Nase eines Mitspielers: „So riecht die Oide von innen.“ Von solchen Situationen gab es viele. Ich schäme mich heute dafür, wie oft ich einfach mitlachte. Wie ich manchmal selbst sexistische Sprüche kloppte, auf der Suche nach Anerkennung. Nur drei Mal widersprach ich aktiv und zwar nur dann, als es auch um Frauen ging, die mir nahestanden. Ich brauchte noch zwei Jahre, um auf dieses Gefühl in mir zu hören, dass ich keine Lust hatte, Teil dieser Umgebung zu sein und die Mannschaft verließ.

Ich erinnere mich an Diskussionen mit meiner Schwester über geschlechtergerechte Sprache, in denen ich nicht zuhörte, auf meinem Standpunkten beharrte, weil ich der Meinung war, Gendersternchen brauche einfach kein Mensch. Ich dachte dabei an mich und meine Lebenswelt. Erst Monate später, als ich mir noch einmal in Ruhe Argumente für gendergerechte Sprache durchgelesen habe, habe ich verstanden, warum meine Schwester irgendwann frustriert das Zimmer verlassen hatte. Mittlerweile habe ich begriffen, welche Macht Sprache hat, dass sie ein Unterdrückungsinstrument sein kann. Deswegen benutze ich, wenn es mir vom Arbeitgeber erlaubt wird, in meinen Texten Gendersternchen und versuche in meiner alltäglichen Sprache zu gendern, auch wenn das noch immer nicht zu hundert Prozent automatisch passiert.

Aber erst durch die #MeToo-Debatte begriff ich nach und nach, wie tief struktureller Sexismus in unserer Gesellschaft verankert ist. Letzten Endes waren es nicht nur Alyssa Milano und Jany Tempel, es waren die vielen Gesprächen mit Frauen, die mir nahe stehen. Wie sie mit einer Selbstverständlichkeit von vielen, vielen verbalen und körperlichen Übergriffen erzählt haben und von dem täglichen Alltagssexismus ihrer Kollegen und männlichen Mitmenschen. Durch sie habe ich verstanden, wie fundamental sich mein Alltag, mein Berufsleben, meine nächtlichen Heimwege, meine Dates, meine Gespräche von den ihren unterscheiden.

Während ich an den kleinen, manchmal gemeinen, Beleidigungen knabbere, kriegen meine Kolleg*innen wüste Beschimpfungen

Seit ich als Journalist arbeite, wurde ich wegen meiner Arbeit und Texte oft beleidigt. Als Lächerlichkeit, als „Propagandaschleuder“, als dumm, peinlich, naiv. Während ich an den kleinen, manchmal gemeinen, Beleidigungen knabbere, kriegen meine Kolleg*innen wüste Beschimpfungen, persönliche, widerliche Worte, die nicht im geringsten etwas mit ihrer Arbeit oder Komepetenz zutun haben. Es sind Gewalt und Mordandrohungen. Kann ich Feminist sein, wenn mir das lange nicht bewusst war?

Ich weiß, dass ich viel in meinem Leben falsch gemacht habe, falsch gehandelt oder nicht gehandelt habe. Deswegen fühlt sich die Eigenbezeichnung „Feminist“ oft unehrlich für mich an. Gleichzeitig weiß ich, dass ich deshalb voraussichtlich niemals mit Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, mit Hass und Häme, mit verbaler und tatsächlicher Gewalt überschüttet, wie es Frauen regelmäßig passiert. Aber wäre es nicht auch deshalb verlogen, sich auf die gleiche Stufe mit Feministinnen zu stellen? Mittlerweile denke ich, dass das Konzept des „feminist ally“ wahrscheinlich am passendsten ist. Also ein Verbündeter, im Kampf für die Gleichberechtigung. 

Tatsächlich gibt es aber noch einen anderen Grund, weshalb es mir schwerfällt, mich Feminist zu nennen: Ich weiß nicht, was ich noch in Zukunft über mich lernen werde. Rückblickend habe ich mich schon zu oft in meinem Leben falsch verhalten und dachte damals, ich sei ein einwandfreier Teil der Gesellschaft. Ich weiß nicht, was noch immer tief in mir drin schlummert. Was mir beigebracht wurde, welche Verhaltensmuster ich verinnerlicht habe, weil ich in einer Kultur aufgewachsen bin, in der Frauen unterdrückt werden und ich es noch nicht geschafft habe, alles in mir selbst aufzuräumen. 

Ich habe zumindest in den vergangenen Jahren einen Weg gefunden, mich mit diesem Problemen zu beschäftigen. Darauf zu achten, feministische Literatur zu lesen, Studien zu beachten, die sich mit Unterdrückung und Ungleichheit beschäftigen. Vor allen Dingen habe ich gelernt, wenn die Frauen in meinem Umfeld über Sexismus sprechen, viel die Klappe zu halten, zuzuhören, Fragen zu stellen. Wenn ich mich durch ihre Worte angegriffen fühle, versuche ich das als Warnhinweis zu sehen, dass ich etwas in mir hinterfragen sollte. Ich versuche Sexismus aktiv zu bekämpfen, nicht zu denken „Das war jetzt aber sexistisch“ und trotzdem die Fresse zu halten. 

Und dennoch befürchte ich, dass ich in fünf oder zehn Jahren auf mich zurückblicke, wie ich hier sitze und diesen Text schreibe und denke: „Alter, wie naiv du warst.“ Und ich hoffe, dass die Frauen, die mir geholfen, mich selbst zu hinterfragen, die mir so viel beigebracht haben, das auch weiterhin tun werden. Vielleicht habe ich es mir ja dann sogar verdient, ohne Zucken im Hinterkopf zu sagen: „Klar bin ich Feminist.“

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