Warum wir uns besser vor der Sonne schützen müssen

Immer mehr junge Menschen erkranken an Hautkrebs. Und die wenigsten wissen, wie lange sie sich gefahrlos sonnen können – nämlich nicht sehr lang.
Von Caroline Bingenheimer
hautkrebs

Foto: bertys30 / Adobe Stock

Mit steigenden Temperaturen häufen sich auch die Bilder von „tan lines“ in vielen Social-Media-Feeds. Ob als Abdruck von Spaghettiträgern auf der Schulter oder als Umrisse der Birkenstocksandalen an den Füßen, eines haben diese Linien gemeinsam: Sie gelten als Beweis dafür, dass man seine Freizeit im Freien verbringt und die Sonne genießt. Wenn weiße Menschen mit heller Haut dagegen auch Ende August noch genauso blass sind wie Anfang Januar, haben sie den Sommer wohl nicht wirklich genossen, scheinen viele zu denken. Doch diese zumindest in westlichen Ländern weit verbreitete Vorstellung davon, wie unsere Haut im Sommer auszusehen hat, ist vor allem eins: gesundheitsschädlich.

Dass von der Sonne erzeugte Bräune eine Reaktion der Haut auf zu viel UV-Strahlung ist, wissen viele gar nicht. Die Strahlen, die uns in der Mittagssonne so schön auf den Bauch scheinen, können zudem später einmal Hautkrebs auslösen. Und zwar nicht erst im Senior*innenalter, sondern schon wesentlich früher. Genau das sieht Jessica Hassel täglich im Universitätsklinikum in Heidelberg. Sie leitet dort die Sektion Dermatoonkologie, eine Abteilung, die vor allem für die Behandlung von schwarzem Hautkrebs zuständig ist.

Der schwarze Hautkrebs, der auch als malignes Melanom bezeichnet wird, ist die tödlichste Hautkrebsart. Laut den Zahlen des Bundesamts für Strahlenschutz sterben in Deutschland jährlich rund 3100 Menschen an der Krankheit. Insgesamt erkranken im Jahr zwischen 20 000 und 25 000 Personen. Das Melanom ist in der Regel ein braun gefärbter Tumor, der unterschiedlich schnell wächst. Das Problem sei, dass bereits ein kleiner Tumor dazu neige, Metastasen im ganzen Körper zu bilden, sagt die Expertin. Wird ein Melanom früh erkannt, sei die Krankheit oft heilbar. Eine verzögerte Therapie ende jedoch nach wie vor oft tödlich.

Immer mehr junge Mensche erkranken

„Der erste Erkrankungsgipfel von schwarzem Hautkrebs beginnt bei einem Alter von 35 Jahren“, sagt Jessica Hassel. In der Regel seien diese Patient*innen zuvor mehr als zehn bis 20 Jahre von UV-Strahlung geschädigt worden. Daraus schließt die Expertin, dass vor allem Teenager und junge Erwachsene die Sonne oft unterschätzen. Das bestätigt auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), welches angibt, dass immer mehr jüngere Menschen an der Krankheit litten, vor allem Frauen. Während 2007 noch 7740 Frauen erkrankten, waren es 2016 rund 11 150.  

Das BfS gibt zudem an, dass bei schwarzem Hautkrebs die Anzahl der Neuerkrankungen stärker zunehme als bei allen anderen Krebsarten. Seit 1980 ist die Erkrankungsrate, die an die unterschiedlichen Alterstrukturen in der Bevölkerung angepasst ist, bei Frauen um 270 Prozent, bei Männern um 210 Prozent angestiegen.

Das Robert-Koch-Institut erklärt den langfristigen Anstieg der Neuerkrankungen des malignen Melanoms vor allem mit einem veränderten Freizeitverhalten. Das Institut geht davon aus, dass etwa die zunehmende Beliebtheit von Outdoor-Sportarten und das Sonnenbaden im Freien oder im Solarium dafür verantwortlich sind.

Denn als Hauptursache für die Erkrankung an Hautkrebs gilt der Einfluss von UV-Strahlung. Daneben erhöhen die Anzahl von Pigmentmalen, ein heller Hauttyp sowie die genetische Veranlagung das Risiko zu erkranken. Vor allem eine immer wiederkehrende intensive UV-Strahlung stellt für die Haut eine Gefahr dar: „Schwarzen Hautkrebs bekommen Patient*innen meist an den Beinen oder am Rumpf. Diese Körperteile werden oft nur im Sommer der Sonne ausgesetzt und sind somit wesentlich empfindlicher als etwa die Arme oder das Gesicht“, erklärt Jessica Hassel.

Jeder Hauttyp hat eine andere ‚sunburn time‘

„Viele Menschen überschätzen gerade im Sommer ihre ‚sunburn time‘, also die Zeit, in der man sich ungeschützt sonnen kann, ohne der Haut einen Schaden zuzufügen“, sagt die Hautärztin. Die meisten West- und Nordeuropäer*innen seien zwischen den Hauttypen eins bis drei einzuordnen: helle Haut und braunes bis blondes Haar. Für diese Gruppen liege die „sunburn time“ zwischen fünf und 30 Minuten. „Menschen aus südeuropäischen Ländern haben jedoch meist einen anderen Hauttyp und durchaus eine ‚sunburn time‘ von 45 Minuten.“ Das heißt jedoch nicht, dass Menschen mit einem dunklen Hautton eine unbegrenzte ‚sunburn time‘ haben. Wer den Hauttyp fünf oder sechs hat, sprich dunkle Haut und dunkelbraunes bis schwarzes Haar, kann etwa 60 bis 90 Minuten ungeschützt in der Sonne blieben. Anschließend sollte jedoch auch dieser Hauttyp sich vor der Sonne schützen. 

„Es gibt einfach verschiedene Hauttypen, die sich in ihrer UV-Empfindlichkeit unterscheiden“, sagt die Expertin. Dies werde vor allem von der Aktivität bestimmter Zellen im menschlichen Körper beeinflusst: „Das von den Pigmentzellen gebildete Pigment soll das Erbgut der Hautzellen schützen. Diese Zellen sind bei Menschen mit natürlicherweise brauner Haut aktiver in der Pigmentbildung. Das ist ein Grund, warum Menschen aus Kontinenten mit stärkerer UV-Belastung meist eine braunere Haut haben.“ Jessica Hassel erklärt, dass auch helle Haut sich bräunen könne, um sich vor UV-Licht zu schützen. „Dabei zeigt diese Bräunung allerdings, dass ein Zuviel an UV-Licht aufgetreten ist. Daher gibt es die sogenannte ‚gesunde Bräune‘ von heller Haut also gar nicht!“

„Ich höre oft Sätze wie: Ach, das ist jetzt ein wenig rot und morgen wird es dann schön braun. Solche Aussagen sind trügerisch! Die Forschung zeigt, dass sich bereits ein erhöhtes Hautkrebsrisiko bei dem Nachweis von nur zwei Sonnenbränden findet“, warnt die Expertin. Besonders gefährlich sei vor allem die Mittagssonne: „Steht die Sonne am Mittag hoch, haben die Strahlen einen kurzen Weg zu uns, eine sehr hohe Energie und sind daher besonders schädlich für die menschliche Haut. Die Australier nutzen daher das Sprichwort ‚From eleven to three, stay under a tree‘. Ein Spruch der absolut passend ist, denn in der Mittagszeit sollte man sich gar nicht der Sonne aussetzen.“

„Die Sonnencreme muss reichlich aufgetragen werden“

Jessica Hassel warnt außerdem vor dem Trugschluss, dass man sich eingecremt ohne Bedenken der Sonne aussetzen könne: „Sonnencremes können angewendet werden, um nicht bedeckte Hautareale zu schützen, sollten aber nicht verwendet werden, um sich der Mittagssonne auszusetzen. Das macht keinen Sinn! Prinzipiell sollte eine Sonnencreme mit einem hohen Lichtschutzfaktor verwendet werden, ganz unabhängig vom Hauttyp.“

Bei der Art des Sonnenschutzes rät sie zu keinem spezifischen Produkt. Wichtig sei neben dem hohen Lichtschutzfaktor, dass man den Schutz richtig anwende: „Die Sonnencreme muss reichlich aufgetragen werden! Viele tragen sie zu dünn auf. Man sollte eine ordentlich weiße Schicht auf der Haut haben, die dann einzieht.“

Schon mal an Selbstbräuner gedacht?

Wer seine Haut keiner Gefahr aussetzen will, aber dennoch nicht auf einen dunkleren Teint im Sommer verzichten möchten, kann laut der Hautärztin meist bedenkenlos auf eine weitere Bräunungsmethode zurückgreifen: den Selbstbräuner. Die Substanz löse eine chemische Veränderung aus, die die Haut dunkler erscheinen ließe. Das bedeute jedoch nicht, dass man dadurch „vorgebräunt“ werde und man sich anschließend stärker der Sonne aussetzen könne, betont Hassel.

Noch ein Grund, sich an diese Regel zu halten: Sonne macht nicht nur potentiell krank, sondern auch alt. „Durch UV-Strahlung altert die Haut früher, es entstehen Falten – und zwar bei jedem und jeder. Schwarzer Hautkrebs trifft immer nur Einzelne, da gehört auch Pech dazu. Hautalterung ist allerdings kein Roulette-Spiel, das trifft alle, die sich nicht schützen.“ Es gibt also mehr als genug Gründe, um unser Bild der perfekten Sommerbräune zu überdenken.

  • teilen
  • schließen