Wenn Influencerinnen kein Wasser mehr trinken

Jede*r kann auf Instagram Ratschläge zum Thema Ernährung geben. Das birgt Risiken.
Von Katharina Steinhäuser

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke / Fotos: Unsplash

Knackige Obstsalate, grüne Smoothies, Yoga unter Palmen – so präsentiert die Bloggerin Sophie Prana ihren Lifestyle auf Instagram. Auch auf ihrem Blog teilt die gebürtige Österreicherin Tipps zum Thema Essen, Sport und Nachhaltigkeit. Im Netz erhielt Sophie Prana vor kurzem besonders viel Aufmerksamkeit für einen ganz bestimmten Aspekt ihrer Ernährung: Sie hat sich entschieden, kein Wasser mehr zu trinken. Das sorgte für diverse negative Schlagzeilen.

In einem Telefongespräch mit jetzt betont Sophie allerdings, dass sie sehr wohl bis zu 2,5 Litern Flüssigkeit zu sich nehme: „In den Medien wurde es dargestellt, als würde ich gar nichts mehr trinken. Das ist totaler Blödsinn. Ich trinke nur kein normales Wasser mehr, sondern decke meinen Bedarf über frische Säfte, Obst oder Kokoswasser.“ Auch auf ihrem Instagram-Account stellte sie klar, dass sie nicht komplett auf Flüssigkeit verzichtet.

„Ein Missverständnis.“

Trotzdem widerspricht die Influencerin mit ihrem Ansatz den gängigen Empfehlungen, wie Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) bestätigt. „Der Flüssigkeitsbedarf sollte vor allem durch Wasser gedeckt werden, da es kalorienfrei ist“, sagt sie. Zudem können große Saftmengen durch den hohen Fruchtzuckergehalt abführend wirken.

Keto-Diät, Saftkuren, Superfoods – die Liste der Trends lässt sich endlos fortsetzen

Der Verzicht auf Wasser ist nur einer von vielen vermeintlichen „Ernährungsweisheiten“, die über soziale Medien verbreitet werden. Keto-Diät, Saftkuren, Superfoods – die Liste der Trends lässt sich endlos fortsetzen. Essen ist eines der Top-Themen auf Instagram. Der Hashtag #healthyfood liefert mehr als 72 Millionen Ergebnisse. Jeder kann seine Erfahrungen und Tipps verbreiten. Das kann gefährlich werden, da die Informationen nicht immer richtig oder vollständig sind. Teilweise werden vermeintliche „Fakten“ einfach von anderen Influencer*innen übernommen – so erzählte es beispielsweise die Influencerin Julia Rawsome in einem Interview mit Puls.

Bei einer Studie aus Großbritannien wurden die Diättipps der zehn populärsten Accounts untersucht. Das Ergebnis: Nur einer gab vertrauenswürdige Ratschläge. „Ein Risiko entsteht, wenn eine sehr einseitige Ernährungsweise, wie zum Beispiel der Verzicht auf Kohlenhydrate bei der ketogenen Ernährung, propagiert wird“, sagt Silke Restemeyer von der DGE. Je extremer die Ernährungsweise, desto größer sei die Gefahr, dass wichtige Nährstoffe und Ballaststoffe fehlen. „Wenn man plötzlich aufhört, kohlenhydrathaltige Lebensmittel zu essen, kann es zu Darmbeschwerden, Übelkeit, Unterzuckerung oder sogar Übersäuerung kommen. Das Risiko für Nierensteine und Gicht steigt“, erklärt Silke Restemeyer. Sie rät zu einer vielseitigen und ausgewogenen Ernährung, auch wenn man abnehmen will.

Sophie Prana sagt, sie sei sich ihrer Verantwortung als Person des öffentlichen Lebens bewusst. Sie probiere gerne unterschiedliche Ernährungsformen aus und teile lediglich ihre persönlichen Erfahrungen mit. Nicht alles würde die Influencerin auch ihren knapp 19 000 Follower*innen empfehlen. Jeder Körper sei anders. Ab und zu weist sie tatsächlich in ihren Beiträgen darauf hin, dass nicht alles einfach so übernommen werden kann. In vielen Postings verschmelzen aber auch persönliche Erfahrung und faktische Aussagen. In einem Beitrag zeigt sie beispielsweise, wie sie eine Wassermelone zu Abend ist. Im Text beschreibt sie vor allem Vorteile, die es für Verdauung und den Körper bringen soll, wenn eine Mahlzeit aus nur einem Lebensmittel besteht.

Ähnlich sieht es bei einem Post zum Thema Kaffee aus. Sie erklärt erst sehr faktisch, was Kaffee im Körper auslöst und warum das schädlich sein kann. Danach folgt ein fließender Übergang zu ihren eigenen Erfahrungen mit Kaffeeverzicht.

Ihren Fans, die Sophie Pranas Angaben zufolge zwischen 25 und 45 sind, traut sie zu, selbst zu prüfen, welche der Tipps zum eigenen Lebensstil passen.

Natürlich sei jede*r für die eigene Ernährungsweise verantwortlich, bestätigt die Ernährungspsychologin Cornelia Fiechtl. Sie bewertet es grundsätzlich positiv, dass im Netz ein Austausch über Ernährung stattfindet. Schwierig wird es aus ihrer Sicht, wenn persönliche Erfahrungen als allgemeingültige Wahrheit ausgegeben würden. „Es gibt sehr viele widersprüchliche Informationen und viele Leute sind dadurch verwirrt“, sagt Cornelia Fiechtl. Ernährungstipps würden im Netz aber oft auch zu wenig hinterfragt – immerhin vertrauen die Nutzer*innen ihren Vorbildern: „Viele Menschen wollen so sein wie eine Influencerin, weil sie sich in den Medien gut darstellt oder eine tolle Figur hat. Sie ernähren sich wir ihr Vorbild, um auch so auszusehen. Das wird aber nie passieren.“

„Der Übergang zur Essstörung ist fließend“

Aus Sicht der Ernährungspsychologin müssten sich Influencer*innen ihrer Macht noch viel mehr bewusstwerden und aktiv auf individuelle Unterschiede beim Thema Ernährung hinweisen. Sie erfährt die Auswirkungen von Social Media auch bei ihrer täglichen Arbeit: „Ich hatte letztens einen Jungen bei mir, der irgendeinem Bodybuilder auf Instagram folgt und sich komplett nach dessen Ernährungsplan richtet. Da muss ich dann erst einmal erklären, dass das keine Ernährung ist, die für einen 14-Jährigen passt.“

Die Verbreitung von Fehlinformationen ist also das eine Problem. Ein anderes sieht Cornelia Fiechtl im fließenden Übergang von ungesundem Essverhalten zur Essstörung. Während diagnostizierte Essstörungen als reale Gefahr wahrgenommen werden, würden manche ungesunden Verhaltensweisen in der Gesellschaft sogar als positiv angesehen: „Wenn eine Frau sich zügelt und nur Salat ist, dann wird sie als zielstrebig und diszipliniert betrachtet.“ Influencer*innen entsprechen diesem Bild oft und stacheln ihre Follower*innen bewusst oder unbewusst an, ihnen in ihrem Ernährungsstil zu folgen.

Kritisch wird es laut der Ernährungspsychologin, wenn Essen den Alltag bestimmt und Leistung oder Befinden beeinflusst: „Wenn ich morgens schon plane, was ich heute essen darf. Oder wenn ich Lasagne esse und das dann mit drei Stunden Sport kompensieren muss.“ Ernährung und Selbstwert sind eng verknüpft. Oft soll mit einer bestimmten Ernährung irgendetwas optimiert werden, viele wollen Abnehmen. Denn das Gewicht spielt für viele eine große Rolle und wird mit Gesundheit verbunden. Das ist laut Fiechtl falsch. „Ich kann dünn sein und eine Fettleber oder Essstörung haben“, sagt die Ernährungspsychologin. Wer abnimmt, bekommt Komplimente, dabei kann dahinter eine Krankheit stehen.

Doch warum sind Ernährungstipps in den sozialen Medien überhaupt so erfolgreich? Sophie Prana ist nur eine von vielen Influencer*innen, bei denen Essen im Fokus steht. Der Kanal „fruehlingszwiebel_“ zeigt zum Beispiel Rezepte zum Abnehmen und gibt immer genau an, wie viele Kalorien enthalten sind. Das interessiert 162 000 Menschen. Bianca Zapatka inszeniert auf ihrem Account vegane Gerichte wie in einem Hochglanzkochbuch. Damit begeistert sie 565 000 Fans. Doch nicht nur Influencer*innen teilen ihre Ernährung in den sozialen Medien. Unter dem Hashtag #WhatIEatInADay zeigen Tausende Nutzer*innen, was sie pro Tag essen. Auch Youtube wimmelt nur so von Ernährungstipps, die dünner, fitter oder gesünder machen sollen.

„Was gesund ist und guttut ist für jeden Menschen individuell“

Die Erklärung der Ernährungspsychologin ist einfach: „Menschen suchen nach Regeln, an die sie sich halten können.“ Es gebe viele verschiedene, teils widersprüchliche Informationen: „Gestern ist Weizen total furchtbar, morgen ist Weizen wieder gut.“ Cornelia Fiechtl erklärt, woher die scheinbaren Widersprüche und ständig wechselnden Erkenntnisse kommen: „Was gesund ist und guttut ist für jeden Menschen individuell. Auch Expert*innen können kaum allgemeingültige Aussagen treffen.“ Hinzu käme, dass Essen auch immer mit Werten und Emotionen verknüpft ist und keine rein rationale Entscheidung. Essen kann eine bestimmte Haltung zeigen oder als Statussymbol dienen. „Es macht einen Unterschied, ob ich zeige, wie ich Kaviar oder ein Schinkenbrot esse“, sagt die Ernährungspsychologin. Auch Silke Restemeyer von der DGE glaubt, dass der Erfolg der Foodblogger*innen nicht unbedingt auf rationalen Fakten basiert. „Viele Nutzer*innen können sich mit persönlichen Erfahrungen besser identifizieren“, erklärt sie. Dabei sei die Zuverlässigkeit der Informationen oft nachrangig.

Weder Influencer*innen noch Expert*innen können also eine pauschale Lösung zum Thema Ernährung anbieten. Doch woran kann man sich dann orientieren? Ernährungspsychologin Cornelia Fiechtl rät, mehr auf das Bauchgefühl zu hören: „Nur, weil etwas für 20 andere gut ist, muss es nicht auch für mich passen.“ Ein Grundwissen über die nötigen Nährstoffe sei gut. Ansonsten empfiehlt sie: Intuitiv essen und einfach mal experimentieren.

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