Ich bin schwer krank – und hätte mir früher Online-Schooling gewünscht

Illustration: FDE

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Home-Schooling bedeutet für viele Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern zusätzlichen Stress und Einschränkungen während der Pandemie. Für unseren Gastautor allerdings bedeutet es Erleichterung. Als chronisch Kranker fühlt sich der Abiturient im digitalen Unterricht zum ersten Mal beteiligt und mitbedacht. Darüber schreibt er nicht nur auf einem Blog sowie auf seinem Twitter-Profil, sondern auch in diesem Gastbeitrag. Seinen echten Namen möchte der 18-Jährige im Internet nicht lesen, sondern stattdessen mit seinem Pseudonym „Katheterkarambolage“ genannt werden. Er will damit Menschen in seinem Umfeld schützen.

„Seit etwa einem Jahr reden wir über Unterricht Zuhause, immer wieder. Ein Konzept, das vor Corona in Deutschland undenkbar war und auch jetzt noch verteufelt wird. Kinder bräuchten ja gute Betreuung und vor allem andere Kinder, war und ist die Überzeugung. Aber was, wenn der Kontakt zu Lehrer:innen und Gleichaltrigen kein Bedürfnis mehr ist, sondern zur Gefahr werden kann? Und das nicht nur, wenn gerade Pandemie ist? Ist es dann im Einzelfall egal?

Ich bin seit einem Jahrzehnt schwer chronisch krank und habe insgesamt mehr als zwei Jahre stationär im Krankenhaus verbracht. Mein Alltag bestand in den vergangenen Jahren vor allem aus heftigen Medikamenten, vielen Operationen und Isolation. Trotzdem wollte ich lernen. Aber der tägliche Gang zur Schule war mir oft nicht möglich, da mich meine Erkrankung im Alltag sehr schwächt. Ein Schultag ist sehr ermüdend. Oft schaffte ich es nicht, mehr als zwei Tage am Stück zur Schule zu gehen. Darauf folgten jeweils mehrere Fehltage, da ich mich wieder von diesen zwei Tagen erholen musste. Dauerhaft musste ich mich vor Infekten schützen und habe immer wieder Sorge, mich mit Virus- oder bakteriellen Erkrankungen anzustecken. Mein Immunsystem funktioniert anders als das Gesunder und ich habe stets die Gefahr, durch banale Infekte eine Sepsis zu entwickeln. 

Trotzdem war und ist mir schon lange klar, dass ich das Abitur machen und anschließend Medizin oder Psychologie studieren will. Ich habe deshalb schon früh gemeinsam mit meiner Mutter dafür gekämpft, zuhause lernen zu dürfen. Wir bemühten uns um eine Hauslehrkraft und Videozuschaltungen aus dem Klassenzimmer. Beides wurde mir verwehrt. Dafür begegnete ich Menschen, die mir keine höhere Bildung zugestehen wollten. Im Laufe der Jahre ertrug ich ätzenden Krankenhausunterricht, der mehr aufgezwungene Beschäftigungstherapie als Vorankommen war, wegen zu langer Fehlzeit ein Jahr Sonderschule und besonders dort die Bewertungen wildfremder Menschen über mein Leistungsvermögen und die damit verbundene zermürbende Zukunftsangst. 

Für andere mag Home-Schooling Einschränkung bedeuten – für mich ist es eine Chance

Inzwischen bin ich volljährig, weiterhin schwer krank und besuche die 13. Klasse der gymnasialen Oberstufe einer Regelschule. In diesem Jahr werde ich Abitur machen. Und wegen Corona ist plötzlich eines möglich: Von zuhause zu lernen. Für andere mag das eine Einschränkung bedeuten – für mich und andere Schwerkranke oder auch Menschen mit bestimmten Beeinträchtigungen ist es eine Chance. Natürlich ist selbstständiges Lernen der Abiturthemen auch für mich schwierig – aber zum ersten Mal haben wir alle die gleichen oder zumindest ähnliche Bedingungen: Jetzt sitzen wir alle Zuhause und damit irgendwie im selben Boot. Und plötzlich klappt es: Meine Lehrkräfte sind offen gegenüber Live-Zuschaltungen im Unterricht, Mailkontakt und kreativen Lösungen. 

Plötzlich gab es für mich sogar Sonderregelungen, die vorher nie umgesetzt worden waren: In dem Halbjahr, in dem die gesunden Schüler:innen bis zum zweiten Lockdown Präsenzunterricht hatten, wurde ich digital beschult. Meine Tutorin schaltete mich in den beiden Abiturfächern, die sie unterrichtet, via Webcam am eigenen Laptop zu. Zumindest versuchte sie es. Die Qualität der Sprachaufnahmen im Klassenzimmer sind leider von Nebengeräuschen überlagert, sodass die Versuche leider scheiterten.

Eine andere Lehrkraft erkundigte sich, wie ich mit dem selbstständigen Lernen zurecht käme und schilderte mir den Wissensstand ihres Kurses. Von ihr erhielt ich Wochenaufgaben, die ich ihr jeweils montags zumailte. Ein anderer Lehrer sendete mir Bilder der Arbeitsbögen und schriftliche Aufgaben, bei denen ich das Gelernte direkt anwenden musste. All das hat nach anfänglichen Startschwierigkeiten gut funktioniert. Bedingt durch Corona habe ich sogar verfrüht mein Halbjahreszeugnis entgegennehmen können und freue mich über ein sehr gutes Zeugnis. Meine schlechteste Note ist eine 3+. Man sieht – meine Arbeit im Home-Schooling lohnt sich.

Mir fällt es schwer, nachzuvollziehen, dass und wie schwierig die veränderten Bedingungen für gesunde Schüler:innen sein können. Denn mir tun sie nur gut. Der erste Lockdown aufgrund der Pandemie fing wenige Wochen vor den Abiturklausuren 2020 an. Natürlich war es ärgerlich, dass man sich nach zwölf bis dreizehn Jahren Schule kurz vor dem Ende mit zusätzlichem Stress herumschlagen muss und den restlichen Stoff nur komprimiert vermittelt bekommt. Es wurden Petitionen gestartet, um die schriftlichen Abiturprüfungen ausfallen zu lassen, die Abiturnote also ohne Prüfung allein anhand der Zeugnisse zu berechnen. Auch ich habe sie unterschrieben, weil ich der Meinung bin, dass die Abiturprüfungen generell kaum repräsentativ zur bis dahin aufgebrachten Leistung sind. Auf der anderen Seite hatte das, was ich unterschrieb, einen faden Beigeschmack für mich.

Die in der Petition kritisierten Dinge sind mein persönlicher Dauerzustand

Denn darin wurde als Argument aufgeführt, dass durch die Pandemie Ängste und Sorgen entstanden seien, die vom Lernen ablenken. Es sei auch nicht mehr möglich, sich in Lerngruppen auf das Abitur vorzubereiten und sie hätten dadurch, dass sie drei Wochen vor dem Abitur keinen Präsenzunterricht mehr hatten, Nachteile. Damit führte mir die Petition wieder vor Augen, wie groß der Abstand zwischen den Realitäten chronisch gesunder Schüler:innen und derer mit schweren Erkrankungen ist. Die in der Petition kritisierten Dinge sind mein persönlicher Dauerzustand, sie sind seit Jahren meine Normalität. Für unbegrenzte Zeit, keine drei Wochen. Nur selten erfuhr ich dabei Solidarität durch andere Schüler:innen. Eher war es so, dass ich unsichtbar wurde, sobald ich wieder mal in der Schule fehlte. Einzelfall halt. 

Nun aber ist alles anders und mich macht fassungslos, was innerhalb extrem kurzer Zeit möglich gemacht wurde, da nun plötzlich eine Mehrheit zwangsläufig zuhause lernen muss. Klassen lernen via Zoom-Meetings, Hausaufgaben werden organisiert und gebündelt online versendet und abgegeben. Lernplattformen bieten freie Zugänge an und Lehrkräfte finden Konzepte, zuhause lernende Schüler:innen zu bewerten. Es werden digitale Plattformen programmiert, um Onlineunterricht zu ermöglichen. Warum erst jetzt, obwohl wir die technischen Möglichkeiten dafür schon lange haben? Warum gibt es solchen Strukturen nicht schon länger speziell für junge Menschen, die nicht zur Schule gehen können? Wir haben diese technischen Voraussetzungen nicht erst seit wenigen Tagen.

Genau das, was inzwischen praktisch aus dem Boden gestampft wurde, hätte mir bereits vor Jahren Einiges erleichtert. Und ich hoffe deshalb sehr, dass andere Schüler:innen in einer ähnlichen Situation in Zukunft von den schulischen Auswirkungen der Krise profitieren werden – und sei es nur dadurch, dass sich das Mindset ihrer Lehrkräfte geändert hat. Endlich sehe ich eine Möglichkeit für Menschen wie mich, gleichberechtigt lernen zu dürfen.

Ob deshalb alles funktionieren wird, wie ich es mir für mich und meine Zukunft vorstelle, weiß ich noch nicht. Zielstrebig kleine Schritte zu gehen und jede geschaffte Etappe zu würdigen, wurde für mich im Laufe der Jahre immer wichtiger. Darum denke ich erstmal an die jeweils nächste Hürde – das nächste Halbjahr und das selbstständige Lernen fürs Abitur. Von Zuhause aus.“

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