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Foto: Annie Spratt / unsplash

Vor etwa einem Jahr wachte Mike nach einer Party in einem durchnässten Bett auf. „Vielleicht der Alkohol“, dachte er zunächst und dann nicht weiter darüber nach. Am nächsten Abend passierte es wieder, diesmal nüchtern, auf der Couch. Seither ist es nicht mehr besser geworden, Mike ist inkontinent. „Ich muss richtig Windeln tragen, wie ein Baby“, sagt der 27-Jährige.

Dabei tragen Windeln eben nicht nur Babys oder alte Menschen. Etwa jeder zehnte Deutsche ist inkontinent, darunter auch viele junge Erwachsene. Bei Frauen gilt die Harninkontinenz, begonnen bei Blasenschwäche, sogar als die am weitesten verbreitete chronische Krankheit überhaupt. Ursula Peschers ist Direktorin der Gynäkologie im Isar-Klinikum und Mitglied im Expertenrat der Deutschen Kontinenz Gesellschaft. Sie erklärt das so: „Damit alles dicht hält, müssen Gehirn, Nerven, Muskeln, Bänder, Becken und Beckenboden zusammenarbeiten. Das Steuerungssystem für Harn- und Stuhlausscheidungen ist also sehr komplex und deshalb in jedem Alter anfällig.“

In den meisten Fällen entsteht die Inkontinenz laut Peschers bei jungen Menschen durch ein mechanisches Problem. Wenn also Bänder, Muskeln oder das Becken beschädigt sind und der Körper nicht mehr richtig dichtmachen kann. „Das kann dann fast immer sehr gut therapiert werden“, sagt Peschers. Inkontinenz sei so zu 80 Prozent heil- bzw. linderbar. „Wenn das Problem bei den Nerven oder gar im Gehirn liegt, ist die Heilung schon schwieriger und manchmal leider gar nicht möglich.“

Mechanische Probleme haben in den allermeisten Fällen Frauen nach der Geburt eines Kindes. Frauen wie Gabi. Seit zwei Jahren ist die 37-Jährige inkontinent. Wie es dazu kam, lässt sich bisher noch nicht genau sagen. Eine lange Pressphase im Kreißsaal könnte ihren Beckenboden und ihre Nerven geschädigt haben. Physiotherapien und tägliche Beckenbodenübungen helfen ihr seither, ihre Ausscheidungen immer besser zu kontrollieren.  

„Junge Frauen sind heute viel selbstbewusster und sprechen Probleme offener an“

Die ersten Wochen und Monate nach der Geburt waren die schlimmsten für Gabi. Denn sie war nicht nur auf einmal harn- und stuhlinkontinent, sie hatte auch heftige Schmerzen im Becken. „Ich konnte damals nicht richtig laufen“, erzählt sie heute. „Ich fühlte mich, als hätte ich nur noch ein riesiges Loch unten, aus dem alles sofort rauskommt.“ Das Ganze hat sie auch psychisch sehr belastet. Sie fühlte sich vollkommen allein mit ihrem Problem. Erst die Physiotherapeutin, zu der Gabi kurz später ging, konnte helfen: „Sie war eine tolle Stütze, auch mental. Mit ihr konnte ich reden. Sonst mit niemandem, weil es keiner nachvollziehen konnte.“  

Dass Inkontinenz ein Tabuthema ist, über das sich viele Betroffene ausschweigen, weiß auch Peschers. Angaben der Deutschen Kontinenz Gesellschaft zufolge gehen etwa 60 Prozent der Betroffenen aus Scham nicht damit zum Arzt. „Ich habe aber den Eindruck, dass sich das zunehmend ändert“, sagt die Ärztin. „Heutzutage können sich Betroffene anonym im Internet informieren und stellen fest, dass man das meist gut behandeln kann und sie nicht allein sind.“ Peschers glaubt außerdem, dass auch die Emanzipation der Frau etwas mit dem Wandel zu tun hat: „Junge Frauen sind heute viel selbstbewusster und sprechen Probleme offener an.“

Auch Gabi spricht inzwischen offen über ihre Beschwerden. Noch immer hat sie Schmerzen, durch die Therapien sind sie aber erträglich. Ihre Inkontinenz ist ebenfalls besser geworden, sie verliert nur noch wenig Urin und findet sich erstmal damit ab, Einlagen tragen zu müssen.  

„In der Männertoilette gibt es keine Mülleimer. Ich muss deshalb immer kreativ werden“

Peschers kennt das von ihren Patientinnen: „Frauen sind ja gewohnt, Binden zu tragen. Viele stören sich also gar nicht groß dran, wenn sie Einlagen tragen müssen. Männer haben damit oft mehr zu kämpfen.“

Für Mike, der nun schon seit rund einem Jahr Windeln trägt, ist seine Inkontinenz vor allem deshalb schlimm, weil sie gesellschaftlich verpönt ist. Seine langjährige Partnerin unterstützte ihn zwar von Anfang an. Doch er hat Angst davor, dass Bekannte wie Fremde ihn verurteilen könnten. Deshalb erzählte er zunächst nur noch seiner Familie und drei Freunden davon. Seine Schwiegereltern wissen inzwischen ebenfalls Bescheid: „Ich brauche pro Tag sechs Windeln. Wenn ich über Nacht wo bin, habe ich also mindestens zwei Pakete dabei. Die zu verstecken, wäre zu schwierig gewesen.“

Das Problem mit dem Verstecken hat Mike nicht nur, wenn er wo übernachtet. Sondern auch wenn er unterwegs oder im Büro die Windeln wechseln muss. „In der Männertoilette gibt es keine Mülleimer. Ich muss deshalb immer kreativ werden, wo und wie ich die Windel entsorge.“

Mike würde über solche Probleme gerne mit anderen reden. „Aber in meinem Umfeld wird das Thema totgeschwiegen. Wer davon weiß, akzeptiert es. Mehr wissen, will aber keiner. Die Leute kapieren einfach nicht, wie es ist, wenn dir an der Supermarkt-Kasse die Windel undicht wird.“

„Plötzlich stürmte eine Frau auf mich zu und sagte, ich sei wohl ein Perverser“

Dennis will das ändern. Der 31-Jährige ist nicht nur harn-, sondern auch stuhlinkontinent. Das wird so bleiben, denn vor dreizehn Jahren brach er sich bei einem Unfall die Wirbelsäule. Dabei wurden die für Kontinenz zuständigen Nervenstränge durchtrennt. Während er sich anfangs kaum aus dem Haus getraut hatte, geht Dennis inzwischen offen damit um.

Dazu inspirierten ihn Ereignisse wie dieses: Als er gerade achtzehn war und erst seit wenigen Wochen inkontinent, beugte er sich im Supermarkt ein Stück nach vorne, um eine Packung Milch aus einem niedrigen Regal zu nehmen. Seine Windel guckte dabei am Bund der Hose heraus. „Plötzlich stürmte eine Frau auf mich zu und sagte, ich sei wohl ein Perverser, der kleine Kinder ficken würde. Das war ziemlich schlimm für mich. Zum Glück kam dann aber eine alte Frau, die mich verteidigte und meinte, sie müsse auch Windeln tragen.“

Dennis nimmt sich die Frau heute zum Vorbild. Heute weiß jeder, der ihn kennt, von seiner Inkontinenz. „Frei nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung“, sagt Dennis. Dieses Motto legt der 31-Jährige auch anderen Betroffenen nahe. „Ich kenne über Foren rund 20 andere Inkontinente. Die allermeisten davon verlassen das Haus nicht mehr; aus Angst, dass jemand was riechen, sehen, denken könnte. Das liegt auch an den Produkten, die nicht dicht halten.“

„Es gibt auch ein Produkt, das die Kasse zahlt – dann kann ich aber auch Löschpapier nehmen“

Dennis, der ebenso wie Gabi und Mike weiterhin arbeiten kann, gibt im Monat rund 150 Euro für gute Windeln aus. „Es gibt zwar auch ein Produkt, das die Kasse übernimmt – dann kann ich aber auch Löschpapier nehmen“, sagt er. „Ich hab das Kassenprodukt mal genommen, da ist es mir durch die Folie durch ausgelaufen. Nicht am Bund oder am Rand, durch die Folie durch!“ Beschwerden bei der Kasse hätten ihn bisher nicht weitergebracht. Sie übernimmt weiterhin monatlich nur rund 20 Euro.

Dass er Windeln braucht, schränkt Dennis aber auch ansonsten im Alltag ein. Wenn der 31-Jährige das Haus verlässt, hat er immer einen Rucksack dabei. Darin: Feuchttücher, Windeln und Cremes, manchmal auch Wechselkleidung. Wo immer er hingeht, sieht er sich erst einmal nach der Toilette um und Schwimmen ging er seit 2005 nur zweimal: „Denn wenn das große Geschäft im Becken passiert, ist das natürlich schrecklich unangenehm.“  

Mindestens genauso unangenehm ist es vielen Betroffenen, wenn sie beim Sex Urin oder Stuhl verlieren. Das weiß auch Peschers von ihren Patientinnen: „Im Gegensatz zu Männern, deren Körper das Urinieren beim Sex automatisch verhindert, verlieren viele Frauen dabei Urin. Das ist für sie meistens ein viel größeres Problem als für ihre Partner. Während die oft sogar denken, die Partnerin sei einfach nur schön feucht, schämen sich Betroffene sehr und leiden darunter.“ Stuhl verlieren inkontinente Männer und Frauen beim Sex in etwa gleich häufig, der Schließmuskel funktioniert bei beiden gleich.

„Wenn beim Sex etwas daneben geht, muss man darüber lachen können“

Bei Gabi ging noch nie was schief, sie hat beim Sex auch keine Schmerzen. Auch Mike hat beim Sex mit seiner Freundin noch keine Probleme gehabt. Er entleert die Blase zur Sicherheit vorher vollständig. Nur Dennis gibt zu, dass „da schon mal was daneben gegangen“ ist. Das sei aber kein Problem gewesen. Schließlich habe seine Frau viel Verständnis und vor allem: Humor. „Man muss darüber lachen können“, sagt Dennis. „Deswegen bin ich auch froh, dass ich nie auf der Suche nach One Night Stands oder so war. Denn mit jemanden, den du nicht gut kennst, will dir das nicht passieren.“

Gabi, Mike und Dennis gehen zwar alle unterschiedlich mit der Inkontinenz um, sind sich aber in einem einig: Sie sprechen über ihr Problem, damit andere es auch tun. Damit das Stigma durchbrochen wird und auch junge Betroffene sich von Ärzten helfen lassen können.

Mike allerdings wird bis auf Weiteres Windeln tragen müssen. Und damit ist er weitgehend sogar okay. Denn die Inkontinenz hat ihn aufmerksamer gemacht, ihn ins Krankenhaus gehen lassen. Dort haben die Ärzte sein Gehirn gescannt und einen bösartigen Tumor gefunden, der die zuständigen Nerven abdrückte. Dass er inkontinent ist, ist Mikes geringstes Problem. Und hat sein größtes aufgedeckt.

Wenn du glaubst, selbst inkontinent zu sein, oder noch weiter am Thema interessiert bist, findest du Infos und eine Suche nach Experten in deiner Nähe auf der Website der Deutschen Kontinenz Gesellschaft.

Junge Leute können aber auch noch an ganz anderen Dingen leiden: