Influencerin Josi ist an Magersucht gestorben

Dank eines Videos kennen Millionen Menschen ihre Geschichte. Welche Rolle spielen soziale Medien für Magersüchtige wie sie?
Von Leonie Sanke
josi influencerin

Die Influencerin Josi Maria wollte mit ihrem Video und auf Instagram über Magersucht aufklären und auf die Gefahren von Mobbing aufmerksam machen.

Foto: privat

Josi Maria wollte, dass alle sehen, wie der Kopf einen Körper zugrunde richten kann. Wie wenig körperliche Kraft und Lebensfreude bleiben, wenn die Magersucht die Kontrolle hat. Sie sehe aus wie ein Skelett, sagt die 24-Jährige in einem Youtube-Video. „Es ist wichtig, dass ich das weiß, damit ich mir immer wieder vor Augen führe: Du musst verdammt nochmal essen!“ In dem Video reflektiert Josi Maria mit dem 23-jährigen Bonner Youtuber Leeroy Matata ihre Krankheit. Sie wolle nicht „die eine von zehn Magersüchtigen“ sein, die an der Krankheit stirbt. Auch das sagt sie im Gespräch mit Matata. Sie bezieht sich damit auf eine Schätzung, die oft zitiert wird. Matata hat das Video vor etwas mehr als einer Woche auf seinem Funk-Kanal „Leeroy will's wissen!“ hochgeladen, mit dem Titel „Wie ist das, magersüchtig zu sein?“. Und dem Zusatz: „R.I.P. Josi“. Josi Maria ist Ende November an den Folgen ihrer Krankheit gestorben.

Innerhalb einer Woche wurde das Video mehr als vier Millionen Mal aufgerufen. Die Entscheidung, das Interview zu veröffentlichen, sei in Absprache mit ihren Eltern gefallen, sagt Leeroy Matata zu Beginn des Videos. Sie seien sich einig, dass Josi es gewollt hätte, dass ihre Geschichte verbreitet wird. Auch die Eltern selbst treten deshalb in einem anderen Beitrag auf seinem Kanal auf. Auf Anfrage bittet Matata um Verständnis, dass er sich gegenüber den Medien nicht dazu äußern wolle.

Josi Maria, gelernte Bankkauffrau aus Kiel, war Influencerin. Auf Instagram hatte sie etwa 150 000 Follower*innen, die sie an ihrem Leben teilhaben ließ. Sie postete fast nur Fotos von sich selbst, die meisten zeigen sie in einer Zeit, in der sie für Außenstehende gesund aussah. Damals habe sie sich „richtig geil“ gefühlt, sagt Josi Maria im Interview mit Leeroy Matata. Sie veröffentlichte aber auch immer wieder aktuellere Fotos, die eine andere Josi zeigen: bis auf die Knochen abgemagert. Unter der Überschrift „Magersucht Tagebuch“ dokumentierte sie in den Texten dazu ihren Kampf gegen die Krankheit. Aufklärung über Magersucht, auf einer Plattform, die problematische Körperbilder vermittelt – zwischen den eigenen, „perfekten“ Bikini-Fotos?

Als Josi Maria magersüchtig wurde, gab es noch kein Instagram

Für die Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendpsychiaterin Silke Naab ist das nicht unbedingt ein Widerspruch. Doch sie macht eine klare Einschränkung: „Ich sehe es kritisch, wenn eine Person, die noch sehr krank ist und der man das zudem auch ansieht, andere öffentlich dazu motivieren will, die Krankheit zu bekämpfen.“ Naab leitet die Jugendabteilung der Schön Klinik Roseneck. Magersucht betrifft vor allem Mädchen und junge Frauen, entsprechend sind fast alle ihre Patient*innen weiblich. Sie rate ihnen davon ab, in dieser Phase an die Öffentlichkeit zu gehen – in erster Linie, um sich selbst zu schützen. Neben vielen positiven Kommentaren habe sie schon erlebt, dass Patientinnen online beschimpft wurden. „Eine Person, die psychisch labil ist, kann damit nur schwer umgehen“, sagt Naab.

Als Josi Maria magersüchtig wurde, gab es noch kein Instagram. Es brauchte kein Smartphone, um ihr ein gefährliches Körperbild einzureden. Sie war damals elf. Im Video erzählt sie von mobbenden Mitschüler*innen, die ihre Pausbäckchen als Waffe gegen sie einsetzten, und später, als sie längst magersüchtig war, ihre fehlende Oberweite.

Magersucht ist eine multifaktorielle Krankheit, sagt Naab. Mobbing, wie Josi Maria es erlebt hat, könne dazu beitragen, aber auch Probleme in der Familie, mit Freund*innen oder Bekannten, in der Schule. Oder die Erfahrung, dass sich der Körper und die Rolle als Frau mit der Pubertät verändern. Magersüchtige seien außerdem meist sehr selbstkritisch: „Das sind oft junge Mädchen, die über ein schlechtes Selbstwertgefühl verfügen. Orientierung und Bestätigung finden sie dann möglicherweise bei Fitness-Influencern.“ So werden die sozialen Medien zu einem weiteren Faktor. Doch mit einem Streben nach einem Schönheitsideal hat Magersucht nur bedingt zu tun. Es geht um Kontrolle, Erfolgserlebnisse. Um den Versuch, die eigentlichen Probleme mit der Magersucht zu regulieren. „Es ist nicht nur der Wille, dünn zu sein, sondern ein Symptom“, so sagt es Josi Maria im Video.

Bei der Suche nach den Ursachen für dieses Symptom fragen Naab und ihre Kolleg*innen auch immer danach, wie Patient*innen soziale Medien nutzen. Den meisten sei bewusst, dass vor allem Plattformen und Accounts, die Magersucht verharmlosen, schädlich für sie sind. Doch das Gefühl von Gemeinschaft kann einen Sog erzeugen. Aus gutem Grund hat Instagram etwa den Hashtag #thinspiration von der Plattform verbannt. Sucht man nach Fotos zu Hashtags wie #anorexia oder #bonespiration, werden ein Warnhinweis und ein Link zu Hilfsangeboten angezeigt. Doch das lässt sich leicht ignorieren. Auch manche Fotos von Josi Maria markiert Instagram als „sensiblen Inhalt“.

Soziale Medien: Nur eine Gefahr oder auch eine Chance?

Gleichzeitig gibt es viele Influencerinnen und wenige Influencer, die auf „Recovery Accounts“ ihre Heilung dokumentieren. Silke Naab erzählt von einer Patientin, die nach Abschluss ihrer Therapie einen solchen Account gegründet und gute Erfahrungen damit gemacht hat: „Die Rückmeldungen der anderen Nutzerinnen haben sie motiviert – sie fühlte sich verpflichtet, ihre Ratschläge auch selbst zu beherzigen.“ Möglich sei das nur gewesen, weil sie sich in der Therapie kritisch mit ihrer Social-Media-Nutzung auseinandergesetzt hatte. So kann Instagram vom Teil des Problems zum Teil der Lösung werden. „Wichtig ist, dass solche Accounts nach vorne blicken: Was hilft mir? Welcher Weg liegt noch vor mir?“, sagt Naab. Gefährlich seien dagegen Angaben wie das niedrigste Gewicht oder die wenigen Kalorien, die Erkrankte in ihren schlimmsten Zeiten zu sich genommen haben. Solche Zahlen können den schädlichen Wettbewerbsgedanken befeuern, der zur Krankheit gehört. Und zu Instagram.

Dass soziale Medien zu einer Magersucht beitragen können, ist so unbestreitbar wie die Tatsache, dass sie zum Leben junger Menschen gehören. Ob psychisch gesund oder nicht. Die Frage ist aber auch, ob nicht gerade darin eine Chance liegen könnte: Indem man das Problem dort sichtbar macht, wo eine der Ursachen zu finden ist. Wird ein Schicksal wie das von Josi Maria sogar zum abschreckenden Beispiel?

#EinLichtfürJosi soll der scheinbar heilen Welt auf Instagram etwas entgegensetzen

Über präventive Maßnahmen werde viel diskutiert, sagt Naab. Sie und ihre Kolleg*innen klären in Schulen über die Krankheit auf. Sie beschreiben die Symptome, mögliche Hilfsmaßnahmen und Folgen. Auch dass eine Magersucht tödlich sein kann, verschweigen sie weder den Schüler*innen noch den Patient*innen. Doch zur Heimtücke der Krankheit gehört auch: „Was letztlich bei den Patienten ankommt, sind ihre eigenen Erfahrungen. Oft hat es erst einen Effekt, wenn sie selbst spüren, was die Krankheit anrichtet“, sagt Naab.

Im Youtube-Video fragt Josi Maria nach einigen Minuten nach einem Kissen für den Stuhl, auf dem sie sitzt. „Mir fehlen die Reserven“, sagt sie. Die Magersucht hat sie nicht nur körperlich aufgezehrt. Sie wolle die „verrückte Josi“ wiederfinden und überlege, wieder in eine Klinik zu gehen. Dann treffen sie und Leeroy eine Vereinbarung: „Lass uns im Sommer wieder treffen, dann ist Corona vorbei, dann komme ich in meiner Sommer-Shape“, sagt Josi. Der Moment ist so beklemmend, dass er die Botschaften, die folgen, noch einmal verstärkt: Holt euch Hilfe. Mobbing ist gefährlich.

Um diese Botschaften weiter zu verbreiten, hat Matata die Aktion „Ein Licht für Josi“ gestartet und dazu aufgerufen, ein Foto von Josi zu teilen. Es ist auch der Versuch, ihrem Tod, einen Sinn abzuringen, sofern das überhaupt möglich ist. Und der scheinbar heilen Welt auf Instagram etwas entgegenzusetzen.

Die Websites www.bzga-essstoerungen.de und www.anad.de bieten Informationen und Hilfsangebote für Menschen, die an einer Essstörung leiden, und deren Angehörige. 

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