„Der Nachwuchs ist vor allem abseits der Leinwand politisch“

Anne Ballschmieter und Jennifer Stahl über ihren Film-Nachwuchspreis „First Step Awards“ und das junge deutsche Kino.
Interview von Franziska Koohestani
first steps interview

Foto: Florian Liedel

Für Studierende der Filmhochschulen in Deutschland gehören die „First Steps Awards“ zu den wichtigsten Auszeichnungen auf dem Weg in die Branche. Dieses Jahr wurden 203 Einreichungen für Drehbücher sowie Werbe-, Dokumentar- und Spielfilme akzeptiert. Nominiert sind kurze, mittellange, sowie abendfüllende Spielfilme von Studierenden sowie Absolvent*innen der Filmhochschulen in Berlin, Babelsberg, München oder Köln. Die Verleihung wird im Livestream auf Prosieben.de verfügbar sein (14. September, 19 Uhr),  moderiert von Schauspielerin Nilam Farooq. 

Wir haben mit den beiden neuen künstlerischen Leiterinnen Anne Ballschmieter und Jennifer Stahl über den Film-Nachwuchs in Deutschland und Diversität in der Branche gesprochen.

„Fack ju Göhte“, „Der Schuh des Manitu“ oder „Otto – der Film“. Diese drei Komödien sind drei der kommerziell erfolgreichsten Filme in Deutschland seit 1968. Kann man heutige Nachwuchs-Filme mit solchen Kassenschlagern vergleichen? 

Jennifer Stahl: Thematisch sind die Filme, die in diesem Jahr nominiert sind, weit entfernt von diesen Top 3. Gerade, wenn man ins Filmemachen einsteigt, bewegt man sich meistens dort, wo man sich selbst wohlfühlt und in Themen, die mit einem selbst zu tun haben. Die Filme haben darum oft mit autobiografischen Erlebnissen, mit Heimat oder Identität zu tun. Und dadurch, dass jeder Jahrgang für sich mittlerweile so divers ist – im Hinblick auf politische Haltung, Gender, soziale Herkunft und so weiter – sind es also auch die Geschichten und Perspektiven. 

Anne Ballschmieter: Ein Vorteil von Filmhochschulen ist auch, dass die Studierenden in ihrem Umfeld viel mehr Freiheit haben, Filme so zu machen, wie sie es wollen. Bevor sie in die Branche, also auf den Markt gehen und, platt ausgedrückt, Geld verdienen müssen. Sie wollen keine Filme ausschließlich fürs große Publikum machen. Klar möchten sie ins Kino, klar möchten sie erfolgreich sein. Aber: Erfolg definiert sich unter jungen Filmschaffenden nicht über eine Millionen Zuschauer – sondern darüber, in den Zuschauern etwas zu bewegen.

„Die Filme des deutschen Nachwuchs sind näher an der Realität“

Was hat der Nachwuchs filmisch zu bieten?

Jennifer Stahl: Vor allem Vielfalt, sowohl thematisch, als auch im Hinblick auf die Formate. Sie spielen damit. Die Dokumentarfilme, die in diesem Jahr nominiert sind, bewegen sich weg vom klassisch Dokumentarischen. Sie betten Interviews und Archivmaterial ein, inszenieren Situationen – anders als das, was man aus dem Kino gewohnt ist. 

Anne Ballschmieter: Die jungen Filmemacher·innen in Deutschland sind mutiger als die Akteur·innen in der etablierten Branche. Sie haben den Anspruch, die Gesellschaft breiter abzubilden als es in der Branche gerade noch der Fall ist. Und in ihren Filmen setzen sie das auch oft genau so um. Man könnte also sagen: Die Filme des deutschen Nachwuchs sind näher an der Realität. Ein gutes Beispiel für die selbstverständliche Diversität ist ein Sieger-Film aus dem vergangenen Jahr, „Futur Drei“, der uns in die Erfahrungswelten deutscher Migrant·innen mitnimmt, zwischen Fremdsein, Ausgrenzung und Bleiberecht, Dabei setzt er sowohl vor als auch hinter der Kamera auf Diversität.

Was heißt das mit Blick auf die in diesem Jahr nominierten Filme?

Anne Ballschmieter: Wir sehen beim Werbefilm zum Beispiel mehr Filme, die sich mit sozialen Themen beschäftigen. Der Werbefilm „The Beauty“ handelt von der Plastikverschmutzung im Meer. Viele Filme beschäftigen sich generell mit gesellschaftlich relevanten Themen: Zum Beispiel um neoliberalistische Strukturen von Großkonzernen in „Automotive“. Oft geht es auch – im weitesten Sinne – um Heimat, etwa in „Trading Happiness“ oder „Dreck“. 

„Sie fordern, dass das Kollektiv den Applaus bekommt und nicht die Einzelleistung“

Wie politisch sind die Filme der jungen Filmemacher*innen in Deutschland?

Anne Ballschmieter: Ich habe den Eindruck, dass sie nicht unbedingt den Anspruch haben, politisch zu sein, zumindest nicht in dem Sinne, dass ihre Filme sagen: „Fahne hoch, wir müssen uns durchsetzen!“ Es geht ja oft um die eigenen Lebensrealitäten der Filmschaffenden. Trotzdem würde ich sagen, dass sie wichtige Themen frühzeitig aufgreifen. Themen, die schon ein „Politikum“ sind. Der Kurzfilm „Interstate 8“, der sich mit Diskriminierung in den USA beschäftigt, ist noch vor den jüngsten „Black Lives  Matter“-Protesten entstanden.

Sie sind also politisch relevant, haben aber keine filmische Manifest-Haltung?

Jennifer Stahl: Ja. Dem würde ich nur anfügen: Da, wo die jungen Filmschaffenden expliziter politisch sind, ist auch außerhalb von dem, was man im Film sieht. Der Nachwuchs ist vor allem abseits der Leinwand politisch. Viele haben eine Agenda, mit der sie Diskurse voranbringen wollen. Das wäre dann filmpolitisches Agieren. Der Nachwuchs hängt nicht mehr so an den klassischen Hierarchien, dass also dieselbe Person Regie und Drehbuch macht und die Macht hat, so Tarantino-mäßig. Ihnen geht es mehr um die Arbeit im Kollektiv. Sie fordern, dass das Kollektiv den Applaus bekommt und nicht die Einzelleistung, zum Beispiel das „Jünglinge“-Kollektiv um Regisseur Faraz Shariat.

Zum Beispiel?

Jennifer Stahl: Die jungen Filmschaffenden wollen der Branche vor Augen führen: Eure Themen sind weiß, eure Figuren sind weiß geschrieben. Natürlich möchte niemand Quoten einführen. Aber sie wollen zeigen, was hinter der Kamera falsch läuft. Dass die Branche in Bereichen wie Drehbuch, Regie und Casting noch nicht divers genug ist. Also da, wo die Geschichten geschrieben werden. Wo man kreativ am Prozess des Filmschaffens beteiligt ist. Da wird durch den Nachwuchs viel in Bewegung gesetzt.

„Natürlich machen junge Filmemacher·innen coolere Serien, weil sie mit cooleren Serien aufwachsen“

Wie wichtig ist es für die Nominierten, den Preis zu gewinnen, um in der Branche Fuß zu fassen?

Anne Ballschmieter: Bei uns stehen die Nominierten im Vordergrund. Wir haben ein großes Alumni-Netzwerk mit Leuten aus der Branche, die wir mit ihnen in Verbindung setzen können, sodass nicht nur die Preisträger·innen profitieren. Mia Spengler zum Beispiel, eine ehemalige Nominierte mit ihrem Film „Back for Good“, hat gerade die zweite Staffel „How to sell drugs online (fast)“ gemacht. 

Jennifer Stahl: Unsere Branche sagt immer, First Steps sei die Kontaktbörse. Durch uns haben einmal im Jahr alle Etablierten die Möglichkeit, junge und inspirierende Leute kennenzulernen. Unsere Preisträgerin für das Drehbuch vor drei Jahren, Daphne Ferraro, wurde direkt von Jurymitglied Jantje Friese entdeckt, die „Dark“ geschrieben hat. Sie hat Daphne mit in den Writers Room genommen.

„Dark“ und „How to sell drugs online (fast)“ sind zwei international erfolgreiche deutsche Serien – vor allem bei einem jungen Publikum. Wie sehr beeinflussen diese Produktionen die jungen Filmemacher*innen?

Jennifer Stahl: Ich würde eher sagen: Es sind die jungen Filmschaffenden, die bei der Entwicklung dieser Serien mitwirken – und damit mehr ausprobieren, filmisch experimentieren.

Anne Ballschmieter: Stichwort: Mediensozialisation. Natürlich machen junge Filmemacher·innen coolere Serien, weil sie mit cooleren Serien aufwachsen. Die kennen ganz andere Erzählstrukturen als die klassische Branche. Da können wir noch viel erwarten, weil die Branche auch offen wird für Neues. Vermutlich, weil sie merkt: Da muss noch mehr passieren. Das Potential – die Leute, die Neues können – ist da. Man muss es eigentlich nur abgreifen.

Die „FIRST STEPS Awards“ sind eine Veranstaltung der Deutschen Filmakademie in Partnerschaft mit ProSiebenSat.1 TV Deutschland, UFA und Warner Bros, unterstützt durch den Bayerischen Rundfunk sowie den Rundfunk Berlin-Brandenburg.

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