Popkultur hilft mir, mental gesund zu bleiben

Ich kann mich in ihre vermeintliche Belanglosigkeit flüchten, wenn die Corona-Pandemie und Rassismus mir zusetzen.
Von Nhi Le
the female gaze cover 7

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke; Foto: dpa, afp

„Gab es in letzter Zeit etwas, was sie besonders belastet hat?“, fragte mein Chiropraktiker, während er auf meinem Rücken rumdrückte, um den Schmerz zu lokalisieren. „Naja, Sie wissen ja, dass wir in einer globalen Pandemie stecken und dann gibt es noch eine Menge andere Themen“, antwortete ich knapp. Er meinte daraufhin, dass wir uns mit Problemen beschäftigen, aber nicht von ihnen auffressen lassen sollten. Aber wie soll das klappen? Manchmal fühlt es sich an, als sei ich ein Schwamm, der jedes bisschen Weltschmerz aufsaugt. All die Katastrophen 2020 lösen in mir ein Gefühl der Hilflosigkeit aus: Erst die Brände in Australien, dann Covid-19, dazu noch die Explosion in Beirut, rechtsextreme Übergriffe in Deutschland. Wie soll man das aushalten?

„Je weiter der März voranschritt, desto mehr Popkultur-Momente grub ich aus“

Was mir bei der Nachrichtenflut hilft, die Nerven zu behalten: Zeit mit meinen Freund*innen, Ausflüge – und ein ordentlicher Schwung Popkultur. Gerade zu Beginn der Pandemie musste ich auf die ersten beiden Optionen verzichten, sodass hauptsächlich mein Medienkonsum dazu beitrug, dass ich nicht völlig durchdrehte. Ich arbeitete meine Watchlist ab, ließ mich von meinen liebsten Serien aus der Kindheit berieseln und erstellte Playlists mit den besten Pop- und R&B-Songs aus den 2000er Jahren. 

Während die Infektionszahlen von Tag zu Tag stiegen und über den Sinn einer Maskenpflicht debattiert wurde, lag ich auf der Couch und schaute wie TJ und seine Freund*innen in „Disneys Große Pause“ den Schulhof unsicher machten und Jeanne die Kamikazediebin gegen Dämonen kämpfte. Ich suchte nach deutschen Pop-Hits und musste feststellen, dass weder „Do You“ noch „I Believe“ von Bro’Sis auf Spotify sind und meine „Deutsche Throwback Pop“-Liste deshalb lächerlich dünn blieb. Je weiter der März voranschritt, desto mehr Popkultur-Momente grub ich aus, um mich die erschütternde Nachrichtenlage auszugleichen. 

Das war auch dringend nötig, da die intensiven Pandemie-Monate nicht nur von Unsicherheit, sondern auch von steigendem Rassismus gegenüber verschiedenen asiatischen Menschen geprägt war, die als „Virusschleudern“ stigmatisiert worden sind. Klar – Die Realität holt eine*n immer wieder ein, vor allem, wenn man im Journalismus tätig ist und via Twitter oder anderen Apps sowieso ständig Nachrichten liest. Trotzdem hat es mir geholfen, mich durch alte Serien und Musik-Clips zu wühlen. Denn, wenn ich an die Pop-Momente der 2000er denke, dann schießen mir Erinnerungen durch den Kopf, wie ich vor dem Abendbrot bei meinen Großeltern fernsehen durfte und immer zwischen Viva, MTV und Super RTL zappte. Die Nostalgie fühlt sich gut an. Denn sie trägt mich in eine Zeit, in der ich kaum Verantwortung hatte und die einzige Sorge war, wo ich das neuste Diddl-Blockblatt herbekommen könnte.

Jetzt bin ich Mitte 20 und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht über einen rassistischen Vorfall lese, und keine Woche, in der es keinen Skandal über rechtsradikale Strukturen in einer deutschen Behörde gibt (an dieser Stelle danke an die Recherche-Teams, ohne die wir das gar nicht wüssten). Ohne popkulturelle Belanglosigkeiten würde ich meine mentalen Batterien gar nicht mehr aufladen können. 

Ich kenne es von mir und vielen engen Freund*innen, dass man sich gerade zum Thema Rassismus und anderen Diskriminierungsformen selten eine Auszeit gönnt. In Deutschland wird sowieso zu wenig darüber gesprochen, sodass man immer denkt, man müsse jetzt auf etwas aufmerksam machen, bevor es untergeht und als Betroffene entkommt man dem sowieso nicht. Ein Freund meint, dass diese Überinformation hilft und uns das Gefühl gibt, dem Kontrollverlust entgegenwirken zu können.

„Jede*r muss mal pausieren und auf den eigenen mentalen Zustand achten“

Ich bin aber davon überzeugt, dass man gerade als marginalisierte Person nur ein bestimmtes Maß an Informationen erträgt, ohne völlig zu resignieren. Deshalb ist umso wichtiger, sich Bewältigungsstrategien zu suchen. Um richtig abzutauchen, gehe ich daher beispielsweise auf Reddit. Dort scrolle ich durch die verschiedenen Communities und Fan-Theorien, lache über Memes und lese mit, wenn respektvoll diskutiert wird.

Wenn ich mich aufheitern will, schaue ich Live-Performances von meinen liebsten Künstler*innen. Ich stelle mir vor, wie ich mir im Publikum die Seele aus dem Leib geschrien hätte, als Beyoncé Destiny’s Child beim Super Bowl wiedervereinte oder wie mich Lady Gaga geschockt hätte als sie bei ihrer Video Music Award-Performance plötzlich blutend über die Bühne torkelte. Überhaupt mag ich Award Shows gerne. Ein Haufen Prominenter macht sich schick, um über einen roten Teppich zu laufen und im Laufe des Abends auf Auszeichnungen zu hoffen. Künstler*innen performen ihre neusten Songs vor einer aufwendigen Kulisse und zwischendrin halten die Preisträger*innen mal mehr mal weniger schnulzige Reden, von denen sich einige für besonders subversiv halten. Es ist eine aufgeblasene Glitzerwelt, die in ihrer Inszenierung nicht sonderlich viel mit der Realität zu tun hat. Mir das anzuschauen und mich einlullen zu lassen, erlaube ich mir aber bewusst.

Denn jede*r muss mal pausieren und auf den eigenen mentalen Zustand achten. Wir sind alle mehr als die Summe unserer Diskriminierungserfahrungen oder unserer Sorgen. Ich will nicht ständig über „die harten Themen“ sprechen und schreiben oder auf meinen Social Media-Kanälen posten wie belastend ich alles finde. Manchmal will ich einfach nur entspannen und loslassen – und das klappt eben am besten mit einem Nachmittag auf der Couch und kitschiger Popkultur. 

  • teilen
  • schließen