Influencer*innen im Brennpunkt

Die deutsche Social-Media-Serie „WE/R“ spielt bewusst mit Realität und Fiktion. Das ist bedenklich – wirklich neu allerdings nicht.
Von Arabella Wintermayr
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Um den Cast für diese Clique zu finden, hat die Produzentin der Serie „WE/R“ die Berliner Influencer*innen-Szene durchkämmt.

Foto: JuniqueProductions / Maxi Hötzeldt

Ihr Ziel ist ein illegaler Rave in einem Wald in Brandenburg: Polly, Karli, Luc, Emil und Neo filmen sich bei ihren Vorbereitungen auf den Kurztrip wahlweise selbst oder gegenseitig. Egal ob Karli, die sich beim Packen einfach nicht für das Nötigste entscheiden kann, Polly, die vorbeischaut, um ihr Druck zu machen oder Neo und Luc, die bereits im weißen VW-Cabrio auf die Frauen der Gruppe warten und sich über ihre Verspätung ärgern: Das Geschehen laden sie scheinbar direkt bei Instagram hoch. Selbst Emil, der wegen plötzlichen Durchfalls zu Hause bleiben muss, teilt das seinen Follower*innen ungeschönt mit.  

Das ist der Auftakt von „WE/R“, einer deutschen Produktion, deren genauere Kategorisierung nicht leichtfällt, da sie sich ganz anders präsentiert, als man es von Serien gewohnt ist: Auf Instagram statt auf Streamingplattformen, in Posts und Storys statt in regulären Episoden. Die Regisseurin Jette Volland nennt die erste Ausstrahlung des Materials im August und Oktober vergangenen Jahres, das am 24. April in abgeänderter Form auf Snapchat erschien, schlicht „Live Event“.

Diese kryptische Bezeichnung passt zum Konzept, in dem zwar eine fiktionale Geschichte erzählt wird, die aber bewusst nicht als solche gekennzeichnet ist. Im Gegenteil: „WE/R“ bemüht sich sehr um den Anschein, dass alles, was geschieht, echt ist. Auch im Gespräch mit der Autorin, Regisseurin und Produzentin spielen die Schlagworte „ehrlich“, „natürlich“ und „authentisch“ eine große Rolle.

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Jette Volland ist Autorin, Regisseurin, Produzentin von „WE/R“

Foto: Privat

Um diesen Eindruck zu vermitteln, hat Volland zunächst die Berliner Influencer*innen-Szene durchkämmt, um einen möglichst unbekannten Cast mit möglichst großem Identifikationspotenzial für die Zuschauer*innen zusammenzustellen. Zudem habe sie das Skript bewusst einfach gehalten, um den Darsteller*innen Raum für ihre eigene Wortwahl zu geben.  

Die Clique gibt sich allerdings so dermaßen betont lässig, dass die Freund*innen eher wie wandelnde Stereotype, die man der „Gen Z“ zuschreibt, als glaubhafte Vertreter*innen derselben wirken: So verkörpert Luc (Jean-Luc Caputo) den hedonistischen Techno-Jünger, dessen Liebe zur Natur so weit geht, dass er im Wald Zigarettenstummel sammelt. Polly (Emma Larsen) hingegen ist die sensible Poetin, die wahrscheinlich eine Schwäche für Sternzeichen und Duftkerzen hat. Ganz so genau weiß man es nicht, die Figurenzeichnung muss mit wenigen plakativen Verweisen auskommen. Im Ergebnis wirkt das eher wie das Zerrbild einer Generation, beziehungsweise eines kleinen wohlhabenden, besonders hippen Teils von ihr.

Fake Instagram-Profile sollen das Verwirrspiel perfekt machen

Damit „WE/R“ dennoch ganz real wirkt, wurden für die 17- bis 20-jährigen Protagonist*innen bereits vorab passende Instagram-Profile angelegt und regelmäßig befüllt. Neo (Lenius Jung) etwa fotografiert bevorzugt seine Umgebung, Karli (Karlotta Henke) ist wiederum eher mit Beauty-Produkten, wie Gesichtsmasken, zu sehen. Alles wirkt so echt, wie es das auf Instagram eben kann. Weder auf den individuellen Nutzer*innenkonten noch im gemeinsamen Account („we_r.kollektiv“) ist ein Hinweis darauf zu lesen, dass es sich um eine fiktionale Serie handelt. Dort heißt es sogar zweideutig: „Keine Fanpage, 100% real“.

Das vermeintliche „Live Event“ wurde vorab mit einem professionellen Drehteam produziert, inklusive Masken-, Kostüm- und Szenenbildner*innen, wie die Regisseurin betont. Das Filmen übernahmen die Schauspieler*innen, die bis auf Polly den gleichen Vor- oder Spitznamen wie ihre Rolle tragen, mit ihren iPhones. So, dass auch die Perspektive stimmig wirkte.

„Wir haben aber suggeriert, als ob es live wäre von den Kids. Als würde es wirklich in dem Moment von ihnen aufgenommen und auf Instagram hochgeladen werden“, erklärt Volland.

So konnten die Zuschauer*innen scheinbar in Echtzeit verfolgen, wie die Gruppe zum Rave aufbricht, ihr Auto aber unterwegs liegen bleibt und wie sie von einem dubiosen Pick-up-Fahrer mitgenommen werden.

 

Eine urbane Legende soll die „Wahrhaftigkeit“ belegen

Als sie entnervt am Ziel ankommen, ist vor Ort aber niemand. Spätestens ab hier entwickelt sich der Plot in eine Richtung, die an der Authentizität des Ganzen zweifeln lässt: Statt einer Party erwartet die Freund*innen eine Begegnung mit dem Übersinnlichen, die stark auf altbekannte Horrorklischees setzt. Solche, die an „Blair Witch Project“ und andere Teen-Gruselfilme erinnern, die im Wald angesiedelt sind.

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Die Charaktere in der Serie „WE/R“, hier: Luc, Karli, Anni und Emil.

Foto: Junique Productions / Jeremy Moeller
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Karli, Polly und Anni.

Foto: JuniqueProductions / Maxi Hötzeldt
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Karli, Luc und Emil.

Foto: Junique Productions/ Jeremy Moeller
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Emil, Neo, Theo, Caspar und Luc.

Foto: Junique Productions / Maxi Hötzeldt
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Foto: Junique Productions / Maxi Hötzeldt
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Karli, Polly und Anni.

Foto: JuniqueProductions / Maxi Hötzeldt
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Luc und Emil.

Foto: JuniqueProductions / Maxi Hötzeldt

Um die Zuschauer*innen dennoch weiterhin von der Echtheit von „WE/R“ zu überzeugen, hat man sich dafür entschieden, einen modernen Mythos in die Handlung einzuweben: So erzählt Luc die Schauergeschichte der jungen Elisabeth, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in genau dem Wald, in dem sie sich gerade befinden, von zwei sowjetischen Soldaten vergewaltigt und ermordet wurde. Seitdem spuke ihr Geist in Form von Lichterscheinungen umher, die jede*n verwirren, der ihnen begegnet.

Damit bedient sich „WE/R“ der Sage des sogenannten „Brieselanger Lichts“: „Ich wollte, dass die Community im besten Falle anfängt, sich Fragen zu stellen, vielleicht auch im Internet zu recherchieren.“ Wenn man dabei auf die Sage stoße, sei „nochmal die Wahrhaftigkeit des Ganzen belegt“ führt Volland aus.

Das Spiel mit Realität und Fiktion ist durchaus bedenklich

Doch weshalb legt „WE/R“ solchen Wert darauf, Wirklichkeit vorzutäuschen? Wegen des erhöhten Unterhaltungsfaktors sagt die Serienschöpferin selbst. Dass eine Produktion, die sich an die junge Generation richtet, auf Instagram stattfinden müsse, wäre für sie klar gewesen – weil sie sich dort sowieso bewege. Der Schritt zum Verwirrspiel wäre dann naheliegend gewesen, schließlich sei das Verhältnis von Realität und Fiktion auf Social Media sowieso nie ganz klar.

Dass man auf Instagram und anderen sozialen Netzwerken meist nicht genau weiß, was tatsächlich echt ist, stimmt natürlich. „WE/R“ macht sich mit seinen teils aufwendigen Verschleierungstaktiken allerdings zum Teil des Problems. Gerade in Zeiten allgemeiner Verunsicherung, in denen „Fake News“ und Verschwörungstheorien grassieren, ist das Spiel mit Realität und Fiktion durchaus bedenklich – gerade, wenn es so gespielt wird, dass selbst (oberflächliche) Recherchen von Zuschauer*innen, die zufällig auf eines der beteiligten Profile stoßen, keine absolute Klarheit ergeben, ob das Gezeigte real ist oder nicht.

Schließlich beantwortete das Team hinter „WE/R“ sogar direkte Nachfragen bewusst doppeldeutig: „Wir haben nicht gesagt: ‚Wir sind Realität‘. Wenn Fragen kamen, haben wir so etwas geantwortet wie ‚Super, dass du dich dafür interessierst, dass du uns supportest – bleib dran, das wird noch spannend‘.“

Erst nach dem Finale der zweiten Staffel an Halloween wurden die Zuschauer*innen endlich über die Fiktionalität aufgeklärt, nämlich als „WE/R“ in der Abblende als „Die neue Serie“ angeteasert wurde.

Zumindest laut Volland sei das Konzept bis dahin aufgegangen: „Die Leute haben geglaubt, dass es echt ist oder zumindest darüber spekuliert, ob es das ist. Und die nicht dachten, dass es echt ist, glaubten zumindest, es passiere genau jetzt in diesem Moment. Keiner ist uns dahintergekommen, dass das aufgezeichnet wurde.“

Auch wenn die Autorin, Regisseurin und Produzentin betont, wie wichtig ihnen ein sensibler Umgang mit der Community gewesen sei, die sich keinesfalls getäuscht fühlen sollte, konnte „WE/R“ nach eigenen Angaben rund 1,5 Millionen Aufrufe und über 30.000 Follower*innen generieren, die unter undurchsichtigen Vorzeichen mit Werbung konfrontiert wurden – teilweise namhafter Marken, wie die möglichst dezent platzierten „Anzeige“-Hinweise in zahlreichen Storys und Posts belegen.

Mit dem linearen Neustart auf Snapchat, wird einfach ein hippes „Berlin Tag & Nacht“ daraus

Das bereits auf Instagram ausgestrahlte Material, wurde also zu einer linear erzählten Serie zusammengeschnitten und erscheint heute im öffentlichen „Discover“-Bereich von Snapchat. Statt durch Storys und Posts, wird nun in Form von zwei- bis fünfminütigen Episoden erzählt. Damit ist „WE/R“ nun durch ihre Platzierung eindeutiger als Show erkennbar, verliert aber auch ihren vermeintlich innovativen Anstrich, den das „Live Event“ noch für sich reklamieren konnte.

Im pseudo-dokumentarischen Stil und mit vergleichsweise dünnem Skript, das den (Laien-)Darsteller*innen genug Freiraum für eigene Interpretationen lässt, erinnert die Serie plötzlich an andere „Scripted Reality“-Formate, wie „Berlin – Tag & Nacht“, die bereits vor zehn Jahren eine aufgeregte Debatte um das Spiel von Realität und Fiktion entfachten: Am Beispiel des RTL-Formats „Familien im Brennpunkt“ befand damals ein Studie, dass nur 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 18 Jahren erkannten, dass es sich um fiktionale Geschichten handelte.

Bei „WE/R“ ist allerdings nicht nur die Themenauswahl eine andere, sondern auch ihre Aufbereitung angesichts der verknappten Spielzeit. Die Kürze der Episoden lässt weder komplexe Handlungsstränge noch facettenreiche Figuren zu. Um möglichst selbsterklärend zu sein, wird stattdessen mit den bereits benannten Klischees gearbeitet.

So erzählt, erweisen sich Social-Media-Serien nicht als Novum, das Fernsehen revolutionieren könnte – sondern lediglich als Altbekanntes in verknappter Form an neuen Orten.

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