Kehrt nun die Erlebnis-Obsession zurück?

Corona hat auch unserer FOMO vorübergehend ein Ende gesetzt. Was machen wir aus dieser Erfahrung?
Von Johanna Warda

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Selten hat es in der Weltgeschichte ein derart einschneidendes kollektives Erlebnis gegeben, bei dem man so wenig erlebt. Die Corona-Krise stellt die Welt komplett auf den Kopf – und doch hatten die meisten von uns in den vergangenen drei Monaten so wenig zu erzählen wie lange nicht mehr. Denn die Pandemie zwang uns zur Erlebnislosigkeit. Reisen? Durchzechte Nächte? Kultur abseits von Online-Streams? All das war nicht mehr möglich – für niemanden von uns. Das war ein ziemlich absurder Zustand in einer Gesellschaft, die von vielen Theoretiker*innen gerne als

Erlebnisgesellschaft beschrieben wird: Eine Realität, in der das Event – in welcher Form auch immer – ein Prestigeobjekt geworden ist. Und in der das Gefühl, diese Events zu verpassen, zu einer echten Belastung geworden ist.

FOMO – also „Fear of missing out“ oder die Angst, etwas zu verpassen – ist kein komplett modernes Phänomen. Denn der Begriff beschreibt eine zutiefst menschliche Emotion: die Angst vor sozialer Isolation, vor dem Ausgeschlossenwerden. Zu einer gesellschaftsübergreifenden Pathologie ist FOMO dennoch erst mit dem Beginn der Smartphone-Ära geworden. In einer Studie von 2013 fanden britische Sozialforscher*innen heraus, dass das das Phänomen eng mit Social-Media-Nutzung verknüpft ist. Da soziale Plattformen die Möglichkeit bieten, ständig über die Erlebnisse

anderer informiert zu bleiben, ist es unmöglich, dabei selbst nichts zu verpassen. So entsteht ein hoher Erlebnisdruck, dem man nichts entgegensetzen kann und der schließlich Gefühle der Isolation und Einsamkeit hervorrufen kann. Je mehr Zeit eine Person auf Social Media verbringt, desto wahrscheinlicher ist sie von FOMO betroffen; FOMO wiederum führt oftmals zu einer gesteigerten Nutzung von Social Media.

Mit der Corona-Krise hatte die „Pflicht zum Abenteuer“ plötzlich ein Ende

Für viele Menschen, die anfällig für FOMO sind, hat die Isolation durch Corona – wie ironisch – ein Ende des Isolationsgefühls bedeutet: Denn wo Social-Media-Feeds früher mit pittoresken Urlauben, wilden Parties, exklusiven Events und teuren Restaurants gespickt waren, sah man einige Monate lang vor allem die jeweils eigenen vier Wände und hier und da ein selbst gebackenes Bananenbrot. Erlebnisressourcen waren plötzlich

ziemlich fair verteilt – denn egal, wie beliebt und beschäftigt man normalerweise ist: Man musste zu Hause bleiben. Das galt für den Promi im Strandhaus in Malibu genauso wie für die Bankangestellte aus Lüdenscheid. Reich, arm, jung, alt – niemand hat mehr etwas erlebt. Das war für viele Menschen, trotz der widrigen Umstände, eine Verschnaufpause – ein Ende dessen, was der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski die „Pflicht zum Abenteuer“ nennt.

Dieser Erlebnis-Entzug hat allerdings auch dazu geführt, dass manche ihre digitale Aufmerksamkeit verlagerten – und ihre Produktivität in der Quarantäne inszenierten. Home-Work-Outs, Handwerkerprojekte, aufwendige selbst gekochte Gerichte: All das diente in den vergangenen Monaten als Event-Ersatz. Ähnlich wie der Urlaub in Südostasien erlaubt das Inszenieren dieser Tätigkeiten, dass man seinen Mitmenschen

vermittelt: Ich hole das Beste aus meiner Lebenszeit heraus. Den Umständen entsprechend. Und wer deprimiert zu Hause sitzt und es noch nicht wie alle anderen geschafft hat, einen Sauerteig anzusetzen, der schaut auf sein Smartphone und denkt sich abermals: Ich verpasse etwas.

Das digitale Inszenieren von Erlebnissen hat unsere Welt und unseren Alltag verändert

Schon in den frühen 1980er-Jahren hat der Soziologe Pierre Bourdieu die Beobachtung gemacht, dass das Inszenieren und Teilen von Erlebtem sich in Prestige umwandeln lässt – in einem Essay über touristische Fotografie. Das war, wohlgemerkt, in den längst vergangenen Zeiten des Dia-Abends. Heute tragen wir stets eine vernetzte Kamera in unserer Hosentasche, mit der wir unsere Erlebnisse in Echtzeit mit nahezu allen Menschen teilen können, die wir kennen. Dieser Umstand hat ganze Branchen – allen voran den Tourismus – revolutioniert und ganz neue Karrieremodelle entstehen lassen: wie das des Influencers oder der Influencerin. Restaurants ändern ihre Beleuchtung, sodass das Essen auf Fotos besonders gut aussieht und Städte werben damit, wie instagrammable sie sind. Das digitale Inszenieren von Erlebnissen hat unsere Welt und unseren Alltag verändert. Das Smartphone wird so zu einer kleinen Prestige-Fabrik und das Konsumieren der Erlebnisse anderer schnell zum mentalen Stresstest.

Die Folge dieser neuen Quelle an Prestige ist unter anderem, dass nahezu alles zum Event stilisiert wird: So werden Einkaufszentren als „Einkaufserlebnis“ vermarktet, Erlebnisrestaurants wie das Hard Rock Café wurden zu weltweiten Erfolgsgeschichten. Tourismus boomt wie nie zuvor – je abenteuerlicher und erlebnisreicher, desto besser. Und selbst politische Mitbestimmung erfährt eine Eventisierung: beispielsweise in Form von „12062020 Olympia“ – dem inzwischen abgesagten Event im Berliner Olympiastadion, bei dem 70 000 Menschen in diesen Tagen gemeinsam Petitionen unterschreiben sollten.

Eine Distanzierung von gängigen sozialen Netzwerken wäre gleichbedeutend mit sozialer Isolation

FOMO klingt zunächst wie ein ziemliches Luxusproblem. Aber das stimmt zumindest für junge Menschen – auf der ganzen Welt – nicht wirklich, denn die besagte Studie belegt, dass FOMO sich sowohl auf die allgemeine Stimmungslage als auch auf die Lebenszufriedenheit negativ auswirkt und Depressionen fördern kann. Gleichzeitig findet das Sozialleben in jüngeren Generationen zu einem Großteil in sozialen Netzwerken statt – eine Distanzierung von den gängigen Plattformen wäre gleichbedeutend mit

sozialer Isolation. Stattdessen versuchen einige Menschen im Internet, FOMO anders die Stirn zu bieten: Unter dem Hashtag #JOMO – „Joy of missing out“ – posten Menschen Bilder von sich im Bett, beim abendlichen Nichtstun. Es ist der Versuch, das Verpassen neu zu besetzen und es salonfähiger zu machen.

Nun, da das soziale Leben langsam wieder hochgefahren wird, steigt mit ihm auch der Erlebnisdruck erneut, der zu unserer Normalität vor der Corona-Krise gehörte. Ob wir zum Normalzustand des Dauerverpassens zurückkehren werden, sobald Influencer*innen wieder an Stränden in Südostasien liegen dürfen und Promis wieder zum Coachella reisen? Bis dahin wird noch einige Zeit vergehen, aus der wir etwas lernen könnten. Zum Beispiel, dass es ziemlich guttun kann, das Erlebnis-Hamsterrad

hin und wieder zu verlassen – auch ohne Pandemie. Vielleicht hat Corona uns ein bisschen abgehärtet, was das Verpassen angeht – und vielleicht gelingt es uns in Zukunft besser, kurz innezuhalten, bevor wir unsere Terminkalender wieder bis zum Anschlag mit Events füllen, bevor Freizeit zum Stress und das Erleben zum reinen Prestigeobjekt wird.

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