Warum wir die Langeweile wiederentdecken sollten

Selbst in Zeiten der angeblichen Entschleunigung bekämpfen wir jeden Anflug von Langeweile. Zu Unrecht. Denn wir brauchen sie.
Von Hannah Berger
langweile corona

Illustration: FDE

Schleichend, lähmend, unsichtbar – neben dem Virus fürchten wir in diesen Tagen der sozialen Isolation vor allem eins: die Langeweile. Einen Impfstoff gibt es dagegen bisher nicht. Dafür aber zahlreiche Ratschläge auf Social Media: Zehn Tipps gegen Langeweile! So überlebst du die Zeit zu Hause! Gib Langeweile keine Chance! Also haben wir in den vergangenen Wochen Kleiderschränke ausgemistet, Bücherregale umsortiert, Bananenbrot gebacken und uns durch Pamela-Reif-Workouts gequält. Selbst die verhasste Steuererklärung wird plötzlich zum verlockenden Zeitvertreib. Alles ist besser als sich zu langweilen.

Doch was wäre eigentlich so schlimm daran? Gerade in Zeiten der angeblichen Entschleunigung erscheint mir die krampfhafte Vermeidung von Langeweile manchmal paradox. Zugegeben – Langeweile ist nicht gerade angenehm. Es ist eine unfreiwillige Passivität, die nur schwer zu ertragen ist. Wir werden unruhig, fühlen uns antriebslos und unausgelastet.

Langeweile hat schon lange einen – zu Unrecht – miesen Ruf

Doch womöglich lohnt es sich, dieses Gefühl zur Abwechslung einmal auszuhalten, anstatt es sofort im Keim zu ersticken. Haben wir als Kinder nicht immer genau dann die besten Spiele erfunden, wenn wir uns zu Tode gelangweilt haben? Wie durch Zauberei verwandelte sich der Fußboden in Lava, der Kochtopf in einen Ritterhelm und das Sofa in ein Piratenschiff.  Ebendieser geistige Leerlauf fehlt den meisten von uns heute.

Ob in der Bahn, im Wartezimmer, in einer staubtrockenen Vorlesung oder in den quälend langen Werbepausen von Germany’s Next Topmodel: Lustige Katzenvideos sind nur wenige Klicks entfernt! Der geringste Anflug von Langeweile wird sofort betäubt durch Instastorys und Candy Crush.

Der schlechte Ruf der Langeweile ist tief in unserer Kultur verankert:

Als „Acedia“ gehört die Untätigkeit, die Trägheit,  zu den sieben Todsünden. Dieses miese Image scheint sich bis heute fortzusetzen: Es gibt wenig, was die moderne Leistungsgesellschaft mehr verabscheut und fürchtet als Unproduktivität und Faulheit. Vielleicht fällt es uns deshalb gerade so schwer, einfach mal die Langeweile zuzulassen.

 

In der erzwungenen Entschleunigung der Corona-Krise offenbart sich unsere Angst vor dem Nichtstun besonders deutlich

Wir haben verlernt, uns zu langweilen. Dabei brauchen wir diesen Freiraum, um kreative Energie zu schöpfen und neue Gedanken zu entwickeln. Das bestätigt die Wissenschaft: Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, gelang es Forschern der University of California im sogenannten „Ziegelstein-Test“, einen Zusammenhang zwischen Langeweile und Einfallsreichtum nachzuweisen. Probanden der psychologischen Studie fanden wesentlich mehr originelle Verwendungsmöglichkeiten für einen Ziegelstein, wenn sie sich zuvor gelangweilt hatten.

Langeweile ist also nicht zwangsläufig unproduktiv. Im Gegenteil. Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Abgrund in die furchteinflößende Leere, erweist sich als der Eingang in ein unbekanntes Wunderland.

Natürlich ist ein bisschen Langeweile nicht die Lösung aller Probleme. Nicht immer wirkt sie stimulierend. Zu viel davon macht uns unter Umständen arg melancholisch und bräsig. Und gerade in so merkwürdigen Zeiten tut es manchmal gut, sich einfach abzulenken und die Lieblingsserie zum dritten Mal zu schauen.

Aber jetzt ist auch die Zeit, um die Furcht vor der Langeweile zu überwinden, sich frei zu machen vom permanenten Produktivitätsdruck. Wann, wenn nicht jetzt, können wir es uns leisten, ohne schlechtes Gewissen einfach mal eine Weile in die Luft zu schauen. Nichts zu tun. Sich von Tagträumen treiben zu lassen. Und ganz nebenbei sich selbst und sein Konsumverhalten zu hinterfragen. Anstatt panisch Tipps gegen Langeweile zu googeln, kann es sich durchaus lohnen, dem automatisierten Griff zum Handy zu widerstehen. Denn nur wer Langeweile aushalten kann, findet heraus, worauf er oder sie gerade wirklich Lust hat. Lasst uns also diese Zeit nutzen, um die Magie der Langeweile wiederzuentdecken! Vielleicht wird dann der Boden ganz von allein wieder zu Lava ...

 

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