„Wenn du on the road lebst, brauchst du Geld auf der Bank“

Für viele Menschen ist ein Van der Inbegriff der Freiheit. Aber ist er das wirklich?
Illustration: FDE

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Wer vorhat, sich den Oscar-prämierten Film „Nomadland“ im Kino anzusehen, wird dort unter anderem Bob Wells kennenlernen: Der 66-jährige Mann spielt darin nämlich einen der modernen Nomaden. Allzu schwer dürfte ihm die Rolle nicht gefallen sein – denn Bob lebt auch in Wirklichkeit in einem Van. Er ist sogar eine Art Guru für die Baby-Boomer-Generation der Nomad*innen in den USA. Er bewirbt seinen minimalistischen, rastlosen Lebensstil des „Vandwelling“ auf seinem Youtube-Kanal, teilt dort Tipps fürs Van-Life und viele Lebensweisheiten. Im Video-Call mit jetzt wird er davon auch einige los – und erklärt, warum er unsere Gesellschaft für grundlegend beschädigt hält.

jetzt: Als Nomade besitzt du wenige Dinge. Aber gibt es irgendeinen Gegenstand, den du nicht mehr missen willst? 

Bob Wells: Mein Smartphone. Es ist ein Computer, es verbindet mich mit der Außenwelt, mit meinen Freunden. Ich kann damit Fotos und Videos machen. Es ist einfach praktisch. 

Stimmt es, dass man gerade, wenn man wenig besitzt, die Dinge, die man noch hat, umso wertvoller findet?

Hm, wir sind alle so unterschiedlich, deswegen kann ich das nicht für jeden einschätzen. In meinem Leben gibt es allerdings keine Gegenstände, zu denen ich sentimentale Gefühle hege. Ich besitze nichts, was ich unbedingt haben muss – und nichts, was ich immer bei mir haben muss.

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Bob Wells am Set von „Nomadland“.

Foto: Disney

Das sogenannte „Van Life“ ist auch ein Trend unter jungen Menschen. Auf Instagram sieht das aber ziemlich anders aus als in „Nomadland“ – glamouröser. 

Nomadisches Leben ist wie ein großes Zelt. Es gibt viele Gruppen, die sich darunter versammeln und ihre eigenen kleinen Zelte einrichten. Ein großer Teil der Nomaden sind ältere Menschen zwischen 60 und 70. Die meisten davon leben aus der Not heraus nomadisch. Nicht alle, aber viele – so wie auch Fern, die Protagonistin in Nomadland. Sie ist ein typisches Beispiel: Eine Frau, die älter wird, nicht genug Geld zum Leben hat und deshalb in einem Van lebt. 

„Gerade infolge der Finanzkrise 2008 sind viele junge Menschen zu Nomaden geworden“

Und die anderen? 

Wie du gesagt hast, gibt es auch vermehrt junge Menschen, die sich für diesen Lifestyle entscheiden, typischerweise sind das Millennials um die 30. Manchmal liegt es auch bei denen an einer ökonomischer Notwendigkeit. Gerade infolge der Finanzkrise 2008 sind viele junge Menschen zu Nomaden geworden. Häufiger ist der Grund aber, dass sie von unserer modernen Kultur desillusioniert sind. Sie sind ernüchtert angesichts des Konsumdenkens und der Leere des modernen Lebensentwurfs, wollen frei davon sein, wieder mit der Natur und mit anderen Menschen in Kontakt treten. Die beste Art, unabhängig zu leben, ist das Leben in einem Van.  

Wie viel Planung und wie viel Spontaneität gehören zum Nomadenleben?

Jeder sollte vorausplanen und einen Notfallfonds haben. Wenn du on the road lebst, brauchst du Geld auf der Bank. Man muss also vorher Geld zusammenbekommen – danach kommt es auf die langfristige Finanzierung an. Ich persönlich muss meiner Pension wegen nicht arbeiten, aber ich entscheide mich freiwillig dazu. Viele von uns arbeiten sechs Monate im Jahr und die restlichen sechs Monate nicht. Da muss man sich natürlich rechtzeitig einen Job organisieren und pünktlich zum Standort hinreisen. Aber die sechs Monate, in denen man nicht arbeitet, kann man dafür ziemlich frei und spontan gestalten.

Woran orientiert ihr euch dabei?

Wir Nomaden orientieren uns nur am Wetter. Wir nennen uns „Snowbirds“. Denn wie die Vögel fahren wir im Sommer Richtung Norden und im Winter Richtung Süden. 

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Das Leben im Van hat für Bob nicht nur finanzielle Vorteile – es entspricht auch seiner Lebensphilosophie.

Foto: Disney

Glaubst du eigentlich an den amerikanischen Traum? Dass man durch harte Arbeit reich und glücklich werden kann?

Naja, für mich ist eigentlich alles simple Mathematik: Du hast vielleicht 70, 80 Jahre auf diesem Planeten. Was willst du damit anstellen? Die Gesellschaft sagt dir, du sollst die ersten 60 Jahre damit verbringen, dein Leben überhaupt nicht zu genießen, dich nur zu vergnügen, solange es der Arbeit nicht im Weg steht. Wenn der Urlaub anfängt, liebst du es, aber sobald die Hälfte vorüber ist, denkst du nur noch daran, dass es bald wieder vorbei ist: „In einer Woche muss ich wieder arbeiten, in drei Tagen muss ich wieder arbeiten“ und so weiter. Dafür sollen dann die letzten Jahre deines Lebens nach der Arbeit großartig sein. 

„Mach dir heute den besten Tag, den du haben kannst“

Das sind sie aber nicht immer ...

Ja, für mich geht das nicht auf. Die letzten 20 Jahre des Lebens werden eben nicht großartig sein – für die meisten auf jeden Fall nicht. Dein Körper verfällt, deine Knie tun weh, deine Sehkraft verschlechtert sich, deine Gesundheit kollabiert. Deshalb ist mein Vorschlag: Nimm dir die großartigen Tage deines Lebens jetzt – genau jetzt! Mach dir heute den besten Tag, den du haben kannst.

Ich hatte bei „Nomadland“ den Eindruck, dass Gemeinschaft und Mitgefühl für das Nomadenleben wichtig sind. Trotzdem scheint es eher ein einsamer Lifestyle zu sein. Kann man eine Beziehung führen, wenn man Nomad*in ist oder korreliert das mit der Unabhängigkeit?

Auf Youtube gibt es hunderte, tausende Van-Life-Videos von Paaren. Ich habe auch schon solche Paare getroffen. Deshalb glaube ich schon daran, dass eine enge Partnerschaft mit dem nomadischen Leben vereinbar ist. Das geht genauso, wie wenn du in einem Haus lebst. Der Unterschied ist nur, dass man sich in einem Haus leichter aus dem Weg gehen kann. Das geht in einem Van natürlich nicht. Man könnte also sagen: Wenn du als Paar in einem Van lebst, zeigt sich, wie die Beziehung wirklich ist. Man kann sich nichts vormachen.

Als ich deine Youtube-Videos geschaut habe, ist mir aufgefallen, dass du Zitate und Lebensweisheiten magst. Hast du ein Lieblingszitat – eins, das jede*r kennen sollte? 

Woran ich da sofort denken muss, ist ein Zitat vom Dalai Lama: „Wenn du andere glücklich sehen willst, übe dich in Mitgefühl. Wenn du selbst glücklich sein willst, übe dich in Mitgefühl.“ Ich glaube, wenn wir alle dieser Weisheit nachkommen würden, dann wäre das Leben echt gut. 

„Wenn du dich perfekt an ein krankes System angepasst hast, wirst du selbst erkranken“

Ich habe dir auch ein Zitat mitgebracht und würde gerne wissen, was du davon hältst. Es stammt von dem deutschen Philosophen Theodor W. Adorno und lautet: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. 

Ich liebe es! Und es erinnert mich an ein Zitat, das ich sehr gerne mag. Das geht so: „Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.“ Das bedeutet: Wenn du dich perfekt an ein krankes System angepasst hast, wirst du selbst erkranken. Ich bin der Meinung, dass unsere Gesellschaft grundsätzlich beschädigt ist. Und wenn du da nicht hineinpasst, bist du der Gesunde.

Wie kommst du darauf?

Wir wurden dem nomadischen Leben entrissen, das eigentlich unsere gesunde und ursprüngliche Lebensweise ist. Wir sind umhergereist und sind nie lange an einem Ort geblieben. Nur einen Bruchteil unserer Geschichte, die vergangenen 10 000 Jahre, leben die meisten Menschen an einem Ort. Die Menschen haben die Umwelt domestiziert – die Tiere, die Pflanzen, Grund und Boden –, aber wir haben auch uns selbst domestiziert. Und das macht uns einfach fertig.   

Mal angenommen, ich hätte Angst davor, einfach so aus dem gängigen gesellschaftlichen System auszubrechen und ein so unkonventionelles Leben zu führen wie du: Was würdest du mir raten?

Ich wurde gerade erst geimpft. Und was ist so eine Impfung? Im Grunde ein kleines Bisschen der Krankheit, das ich injiziert bekomme, damit mein Körper sie zu bekämpfen lernt. Und wenn du Angst vor etwas hast, das dich eigentlich gesünder macht, solltest du dich auch impfen lassen. Was ich meine, ist: Du kannst dir die Angst nehmen, in dem du dich einer kleinen Dosis davon aussetzt. Du hast wahrscheinlich ein Auto? Das hat ja heutzutage fast jeder. 

Nein, ich habe nicht mal einen Führerschein. 

Okay (lacht). Aber naja, es gibt ja bestimmt auch öffentliche Verkehrsmittel, da wo du wohnst. Damit könntest du ja auch in die Natur fahren. Warst du schon mal campen?   

Ja, das war schön.

Gut! Und das ist so ziemlich das, was wir Nomaden machen. Ich gehe für den Rest meines Lebens campen. Du kannst dich gegen die Angst impfen, indem du immer mal wieder campen gehst. Schnapp dir ein Zelt und setz dich in die Natur. Du wirst dich besser fühlen – und mehr davon wollen.  

Könntest du dir überhaupt vorstellen, jemals wieder in einem Haus zu leben? Nein. Ich würde erst wieder in einem Haus leben, wenn mein Körper aufgibt. Wenn ich keine Wahl mehr hätte. Man müsste mich dazu zwingen. Ein Haus wäre wie ein Gefängnis für mich. So ist es für mich – und für viele andere von uns Nomaden auch. 

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