„Sie urteilen nur danach, woher ich komme“

Foto: Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

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Ein gewöhnliches WG-Zimmer etwas außerhalb von Mainz. Über einer weißen Ikea-Kommode hängt ein Spiegel, in dem sich Ghofran Majied prüfend betrachtet. Sie rückt ihren Hijab zurecht und legt ein Ende des Schals über ihre rechte Schulter. In ihrer WG trägt sie das Kopftuch nur selten, da sie mit zwei Frauen zusammenlebt. Zu ihren Mitbewohnerinnen hat sie ein gutes Verhältnis. Zum ersten Mal, seit sie von daheim ausgezogen ist.  

Für ihren Bachelor in Innenarchitektur wollte die heute 21-Jährige in Mainz in eine WG ziehen, fand aber keine und verbrachte deshalb die ersten drei Semester in einem Studierendenwohnheim. Wohl gefühlt habe sie sich dort nicht, sagt Ghofran. „Alle Mitbewohnerinnen, die ich hatte, sind nach einem Semester wieder ausgezogen, von manchen kannte ich nicht mal die Namen. Die wollten keinen Kontakt zu mir.“ Nach den Gründen habe sie nicht fragen wollen. Es habe auch kaum Möglichkeiten dazu gegeben, weil ihre Mitbewohnerinnen so selten in der WG gewesen seien. Schließlich kündigte Ghofran das Wohnheimzimmer und versuchte, innerhalb der dreimonatigen Kündigungsfrist eine neue Bleibe zu finden. Eine schwierige Suche begann. „Anfangs hatte ich bei der Plattform WG-Gesucht ein Bild von mir mit Kopftuch drin und eine Profilbeschreibung, in der ich etwas über mich und mein Engagement an der Uni erzählt habe. Es wurde nur mein Vorname angezeigt. Zu dem Zeitpunkt habe ich nie Antworten auf meine Nachrichten bekommen.“  

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Ghofran hatte bei ihrer Suche nach einem WG-Zimmer lange keinen Erfolg.

Foto: Alina Willing

Ghofran suchte auch bei anderen Immobilienportalen und in den sozialen Medien nach einer WG. Mehrere Wochen später hatte sie immer noch keine Rückmeldung erhalten und entschied, das Bild und die Beschreibung zu löschen. Von da an lief die Suche besser, sie habe sogar ein paar nette Gespräche über die Chatfunktion des Portals geführt. Nachdem sie mit einigen Menschen die Nummern ausgetauscht hatte, setzte aber die anfängliche Frustration wieder ein. „Es kam mehrmals vor, dass ich dann entweder keine Antwort auf meine Whatsapp-Nachrichten bekam oder direkt eine Absage.“ Und das, vermutet Ghofran, könnte an ihrem Profilbild bei Whatsapp gelegen haben, auf dem sie ein Kopftuch trägt. Das konnten alle sehen, die ihre Nummer eingespeichert hatten. Deshalb änderte sie auch hier ihre Profileinstellungen – ihren Namen gab sie nicht an und das Profilbild war nur noch sichtbar, wenn sie die Nummer der anderen Person eingespeichert hatte. So bekam sie schließlich vier Einladungen zu WG-Besichtigungen.  

„Als die Leute mich gesehen haben, hat sich das Verhältnis verglichen zu den netten Nachrichten vorher direkt verändert“ 

Eines der Treffen beschreibt sie so: „Als die Leute mich gesehen haben, hat sich das Verhältnis verglichen zu den netten Nachrichten vorher direkt verändert.“ Das Kennenlernen sei ihr wie eine polizeiliche Befragung vorgekommen. Nach einer anderen Wohnungsbesichtigung habe ihr jemand gesagt, sie sei wegen ihrer „strengen Religiosität“ nicht genommen worden. „Dabei haben sie mich nur über den Islam ausgefragt. Ich wurde zum Beispiel gefragt, ob ich das Kopftuch freiwillig trage“, erinnert sich Ghofran. „Ich als Person interessierte sie gar nicht.“ Sie wolle sich nicht für ihre Religion rechtfertigen müssen, da sie sich auch nicht in den Glauben anderer Menschen einmische. Freunde und Familie rieten ihr, sich nicht zu verstecken oder zu verstellen. Aber Ghofran brauchte dringend eine Wohnung. „Ich hatte keine Wahl, deshalb habe ich mir die Fragerei und die abschätzigen Blicke gefallen lassen“, sagt sie. 

So wie Ghofran ergeht es vielen Menschen in Deutschland. 35 Prozent der Befragten mit Migrationshintergrund, die in den vergangenen zehn Jahren auf Wohnungssuche waren, gaben bei einer repräsentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) an, dass sie dabei aus rassistischen Gründen diskriminiert worden seien. 2020 erhielt das Beratungsteam der ADS insgesamt mehr als 2000 Anfragen von Menschen, die sich wegen ihrer ethnischen Herkunft in verschiedenen Lebensbereichen diskriminiert fühlten. Diese Zahl hat im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen und macht ein Drittel (33 Prozent) aller Beratungsanfragen aus. Vor allem durch den Anschlag in Hanau im Februar 2020 und die Black-Lives-Matter-Proteste war rassistisch motivierte Diskriminierung weiter in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Eine repräsentative Umfrage der ADS, die Anfang 2020 veröffentlicht wurde, zeigt allerdings auch: Fast zwei Drittel der Befragten, die eine Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt erfahren haben, haben sich weder an eine Beratungsstelle gewandt, noch den Vorfall gemeldet oder Beschwerde eingereicht. Auch Ghofran erzählt, dass sie die Fälle nicht gemeldet habe. Wie hätte sie denn beweisen sollen, dass sie wegen ihres Kopftuchs nicht genommen wurde? 

Ähnlich wie Ghofran erging es auch Nofal*. Vor fünf Jahren kam er von Pakistan nach Deutschland, um seinen Master in Informatik zu machen, den er 2018 abschloss. Während er in Bonn arbeitete, suchte er nach einem WG-Zimmer. Sechs Monate und mehr als 100 Anfragen später hatte Nofal immer noch nichts gefunden. Er gab die Suche auf und wohnte die restliche Zeit in Bonn in einer Einzimmerwohnung. „Das war etwas leichter zu bekommen, weil sich die Leute nicht vorstellen müssen, mit dir eine Wohnung zu teilen“, sagt Nofal. „Jeder erkennt einen nicht-weißen Namen. Wenn Menschen mit geläufigen Namen sich auf das gleiche Zimmer bewerben, bekomme ich keine Antwort“, sagt er. Selbst wenn man es zum Besichtigungstermin für ein WG-Zimmer schaffe, gebe es in den meisten Fällen keine Zusage. „Besonders dann nicht, wenn die Leute in der WG deutsch sind und du aus einem Entwicklungsland stammst.“ Dass er aus Pakistan kommt, spreche er nicht gerne an, weil andere sonst schnell Vorurteile hätten: „Sie kennen mich nicht wirklich und urteilen nur danach, woher ich komme.“ Für die Absagen sei Nofal nie ein Grund genannt worden. „Niemand ist so dumm, heutzutage offen Rassismus zu betreiben“, sagt er. Wie Ghofran hat auch Nofal einen Satz immer wieder gehört: „Wir haben uns für jemand anderen entschieden.“ 

„In solchen Fällen ist es wichtig, sich beraten zu lassen und die Diskriminierung nicht einfach hinzunehmen“

Betroffene können gegen rassistische Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt vorgehen – der Rechtsrahmen dafür wurde 2006 mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) geschaffen. Es schützt Menschen vor Diskriminierung wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität. Wer sich diskriminiert fühlt, kann sich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes wenden, die der Jurist Bernhard Franke seit 2018 kommissarisch leitet. Das Gesetz biete in seiner jetzigen Form allerdings noch viele Schlupflöcher, die Benachteiligungen begünstigten, sagt Franke gegenüber jetzt. Nach der jetzigen Rechtslage wäre es nämlich möglich, bestimmte Personengruppen auszuschließen, wenn in der Wohngemeinschaft ein besonderes „Nähe- oder Vertrauensverhältnis“ bestehe. Bei WGs mit einer Hauptmieterin und mehreren Untermietern sei das zum Beispiel der Fall. Diese Gesetzeslücke müsse zumindest stark eingeschränkt werden, meint Franke, auch weil die repräsentative Umfrage der ADS zeigt: Mehr als die Hälfte der Befragten hätte Bedenken, ein Zimmer in ihrer Wohnung an eine nach Deutschland eingewanderte Person zu vermieten. 

Wenn jemand Diskriminierungserfahrungen bei der Wohnungssuche mache, habe die Person zwar keinen Anspruch auf die betreffende Wohnung, dafür könne man aber Schadensersatz und Entschädigung verlangen. „In solchen Fällen ist es wichtig, sich beraten zu lassen und die Diskriminierung nicht einfach hinzunehmen“, so Franke. Ein Anlaufpunkt sei zum Beispiel die Berliner Fachstelle gegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt. Auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes bietet eine rechtliche Erstberatung an.  

Um juristische Schritte einzuleiten, müssen die Betroffenen nachweisen, dass sie wegen ihrer ethnischen Herkunft diskriminiert wurden. Franke empfiehlt hierfür die Methode der „Testings“, die von der Rechtsprechung anerkannt sei und auf die auch die Betreiber von WG Gesucht verweisen: Wenn jemand behauptet, das Zimmer sei schon vergeben, kann sich eine andere Person mit deutsch klingendem Namen dort melden, um das zu überprüfen. Um internationalen Nutzerinnen und Nutzern die Suche zu erleichtern, habe das Portal den Filter „Internationals welcome“ eingeführt, sagt eine Sprecherin von WG Gesucht gegenüber jetzt. Wie oft dieser tatsächlich genutzt werde, sei allerdings nicht beeinflussbar. Aktuell seien etwa 13 Prozent aller WG-Angebote mit dem Filter gekennzeichnet. 

Als Ghofran sechs Monate alt war, flüchteten ihre Eltern mit ihr aus dem Irak nach Deutschland. Von ihnen habe sie gelernt, wie wichtig es sei, Zeugnisse und Ehrenämter vorweisen zu können, erzählt sie. Denn im Vergleich zu einer weißen Person mit deutschem Namen müsse sie sich mehr anstrengen, um beispielsweise eine Wohnung zu bekommen. Deshalb hat sie mit ihren 21 Jahren bereits 14 ehrenamtliche Tätigkeiten von mindestens sechs Monaten Länge absolviert. Es müsse mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden, schon ab dem Grundschulalter, sagt sie. „Man muss Kindern beibringen, andere Menschen und Religionen anzunehmen und nicht nur im Unterricht über andere Glaubensrichtungen wie den Islam sprechen.“ Auch Nofal findet, dass Menschen wie er in Deutschland mehr akzeptiert werden müssen. Das könne noch lange dauern, fürchtet er. Er habe aber genug Herausforderungen gemeistert, um zu wissen, dass er jede davon durchstehen könne. „Wie man sagt: Bete nicht für eine leichtere Last, bete für einen stärkeren Rücken.“ Bis alle Menschen in Deutschland die gleichen Chancen bei der Wohnungssuche haben, brauchen Menschen wie Nofal und Ghofran noch einen sehr starken Rücken. 

* Seinen vollen Namen möchte Nofal für sich behalten, er ist der Redaktion aber bekannt.

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