„Ich habe das als Angriff auf mich selbst wahrgenommen“

Nach den militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Hamas kam es auch in Deutschland zu Demonstrationen.
Fotos: Dirk Knofe / Carsten Koall / picture alliance/dpa

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Anna Fuhrmann zeigt, dass sie Jüdin ist. Wenn sie ihre Wohnung verlässt, trägt sie eine silberne Halskette mit einem Davidstern, auf ihrem Jutebeutel steht: Feminist and Zionist. „Meine Eltern sind nicht vor 20 Jahren aus der Ukraine nach Deutschland gekommen, damit ich meinen Davidstern verstecke“, sagt Anna. Auch als an Schawuot, dem jüdischen Erntedankfest, die Eskalation im Nahen Osten ihren Höhepunkt erreichte, habe sie ihre Kette sichtbar um den Hals getragen. Trotz der Beleidigungen, die sie in den vergangenen Wochen auf Instagram und Twitter lesen musste. Trotz der Angriffe auf Synagogen. Trotz der Angst vieler ihrer Freundinnen und Freunde, die den Davidstern aus Vorsicht unter ihr T-Shirt stecken.

Die vergangenen zwei Wochen kamen vielen Jüdinnen und Juden in Deutschland wie ein Albtraum vor. Während im Nahen Osten die Hamas bis zum Waffenstillstand am vergangenen Freitag Raketen auf Israel schoss und die israelische Regierung Bomben auf Gaza warf, verbrannten in Deutschland Menschen Israel-Fahnen, beschädigten Synagogen oder riefen wie in Gelsenkirchen oder Berlin-Neukölln Hetzparolen gegen Jüdinnen und Juden. Die antisemitischen Angriffe gingen häufig von Menschen mit arabischem oder türkischem Migrationshintergrund aus, die gegen die israelische Politik und den Staat Israel demonstrierten. 

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Anna trägt ihre Kette mit Davidstern gerne sichtbar um den Hals – obwohl sie sich vor antisemitischen Angriffen fürchtet.

Foto: privat

CDU-Chef Armin Laschet sprach daraufhin von einem „eingewanderten Antisemitismus“ und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann von der CSU forderte, offen antisemitische Migranten abzuschieben. Solche Aussagen provozierten wiederum Widerspruch in antirassistischen und liberalen Lagern. Sie verwiesen auf Statistiken, die zeigen, dass die große Mehrheit antisemitischer Taten in den vergangenen Jahren von Rechtsradikalen verübt wurden. Doch was sagen junge Jüdinnen und Juden zur These vom „importierten Antisemitismus“? Und was für Auswirkungen hat der Vorwurf auf Palästinenser und arabische Migrantinnen – also auf jene, die aufgrund ihrer Herkunft nun verstärkt mit Antisemitismus in Verbindung gebracht werden?

„Dass Antisemitismus in Deutschland importiert sei, ist von vorne bis hinten gelogen“

Anna ist 23 Jahre alt und Regionalgruppensprecherin der Organisation Keshet München. Sie ist sich sicher: „Dass Antisemitismus in Deutschland importiert sei, ist von vorne bis hinten gelogen und spiegelt überhaupt nicht die Lebensrealität von Juden und Jüdinnen in Deutschland wider.“ Anna erinnert sich noch gut an die Bilder von Querdenkern, die sich mit gelbem Stern als Opfer stilisierten, an Attila Hildmann, der in einer Telegram-Gruppe zum Mord an Juden aufrief, an den NSU 2.0. Und natürlich an den rechtsradikalen Anschlag auf die Synagoge in Halle vor eineinhalb Jahren. „Das alles haben viele anscheinend schon wieder vergessen.“ 

Dass der Antisemitismus auch nach der NS-Zeit immer zu Deutschland gehörte, weiß Anna, seit sie als Kind an Pessach von ihrer ukrainischen Oma ermahnt wurde, die Matzot, ungesäuerte Fladenbrote, vor den anderen zu verbergen. Damit diese nicht merkten, dass sie Jüdin ist. Anna sagt: „Seit es jüdisches Leben in Deutschland gibt, gibt es Antisemitismus.“ Lange vor den Nazis versagte im Mittelalter die christliche Mehrheitsgesellschaft im Heiligen Römischen Reich der jüdischen Gemeinde ein gemeinschaftliches Zusammenleben. Jüdinnen und Juden waren rechtlich nicht gleichgestellt, es kam bis in die jüngere Vergangenheit immer wieder zu Pogromen, bei denen Jüdinnen und Juden beraubt, vertrieben und getötet wurden.

Anna will sich als Jüdin nicht für Hetze gegen Musliminnen und Migranten instrumentalisieren lassen. Gleichzeitig ist es ihr wichtig, dass jede antisemitische Tat klar benannt wird. Vor zwei Wochen erfuhr Anna, dass pro-palästinensische Aktivisten gegen die israelische Politik und die Vertreibung von Palästinenserinnen und Palästinensern aus ihren Häusern in Sheikh Jarrah in Ost-Jerusalem demonstrieren wollten. Sofort hatte sie, selbst Gegnerin der israelischen Siedlungspolitik, Bilder von brennenden Israel-Fahnen im Kopf – für sie ein symbolischer Angriff auf das Existenzrecht des jüdischen Staates. Auf Twitter schrieb sie: „Egal wie man sich zu diesem Konflikt positioniert, als Jüdin löst das unglaublich viel in mir aus, wenn ich sofort Bilder von brennenden Israel-Flaggen & antisemitischen Slogans vor Augen habe.“ In den Stunden danach erhielt sie Nachrichten, in denen der Holocaust verharmlost wurde. Sie sagt: „Ich konnte vor Aufregung in dieser Nacht keine einzige Minute schlafen.“

Drei Tage später erfuhr Anna im Zug von Berlin nach München, dass die Glasfront der Mannheimer Synagoge, ihrer Heimatgemeinde, eingeschlagen worden war. Es war der erste antisemitische Angriff auf das Haus seit 34 Jahren. „Auf dem Weg nach Hause habe ich geweint. Das war ein Angriff auf lebendiges Judentum in Deutschland“, sagt sie. „Ich habe das auch als Angriff auf mich selbst wahrgenommen.“

„Eure jüdischen Freund*innen hören euer Schweigen und es ist ohrenbetäubend“

Anna macht es wütend, dass bei Anschlägen wie diesen alle Juden für die Vorgänge im Nahen Osten verantwortlich gemacht werden, egal ob sie sich mit Israel und der gegenwärtigen israelischen Politik identifizieren, oder nicht. „Allein die Tatsache, dass ich Jüdin bin, reicht Menschen, um mich als Kindermörderin zu betiteln. Meine politische Positionierung spielt da überhaupt keine Rolle.“ Sie kann nicht verstehen, warum viele ihrer nicht-jüdischen Freunde sich nicht mit den Jüdinnen und Juden in Deutschland solidarisieren. Warum sie stumm bleiben. Am 14. Mai postete Anna auf Instagram: „Your Jewish Friends can hear your silence and its deafening“, zu Deutsch: „Eure jüdischen Freund*innen hören euer Schweigen und es ist ohrenbetäubend.“ Sie erhielt zwar viel Zuspruch von anderen Usern. Aber meistens kam er von anderen Juden.

Auch Ramy Othman, 30, ist in Deutschland mit Vorurteilen und Rassismus konfrontiert. Er ist Palästinenser und musste früh lernen, dass die Erwähnung seiner Herkunft starke Meinungen zum Nahost-Konflikt hervorruft – und manchmal auch radikale Ablehnung ihm gegenüber. Als Ramy neu in Marburg war, dem Ort an dem er studiert, stand in einer Kneipe ein Student einfach auf und ging, als er sich als Palästinenser vorstellte. Andere reagierten auf seine Herkunft mit einem Vortrag über den Nahost-Konflikt, bei dem von Anfang an klar war, wer die Guten und wer die Bösen sind. 

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Ramy ist Palästinenser. Er achtet deshalb oft sehr darauf, was er sagt.

Foto: privat

Aus diesem Grund verschweigt Ramy heute meistens, dass er Palästinenser ist. Wenn er gefragt wird, woher er kommt, sagt er lieber: Jerusalem. Diese Antwort ist zwar nicht falsch, aber eben nur die halbe Wahrheit. Sie verrät nicht, dass er in Ostjerusalem als Palästinenser aufgewachsen ist, mit der ständigen Angst, auf einer Demo von israelischen Polizisten ohne Grund verhaftet und von Soldatinnen an den Checkpoints schikaniert zu werden. Die Antwort verrät nicht, dass er in Israel weniger Rechte hat als seine israelischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. 

Ramy hat das Gefühl, dass er einen wichtigen Teil seiner Geschichte verleugnen muss, um in Deutschland als guter Araber zu gelten

Als Palästinenser in Ostjerusalem hat Ramy lediglich eine Aufenthaltsgenehmigung, die er alle fünf Jahren wieder erneuern muss, und die von israelischen Behörden wieder aberkannt werden kann. Laut der israelischen NGO B’Tselem ist es der palästinensischen Bevölkerung  nach einem israelischem Gesetz in den besetzten Gebieten seit 1967 nicht erlaubt zu demonstrieren. Dieses Verbot wird von den israelischen Militärgerichten aufrechterhalten, die in den palästinensischen Gebieten in Sicherheitsverfahren über die Palästinenser urteilen. Nach Angaben der NGO verwehrt Israel der palästinensischen Bevölkerung regelmäßig, zwischen den besetzten Gebieten zu reisen.

Ramy ist der Meinung, dass der israelische Staat Menschen wie ihn unterdrückt. Doch das sagt er normalerweise nicht laut, aus Sorge, dass seine Kritik am Staat Israel mit Antisemitismus verwechselt wird. „Ich habe Angst, dass sich die Person dann in ihrer Meinung bestärkt fühlt und sagt: ‚Der ist halt Palästinenser, natürlich ist der Antisemit.‘“

Ramy hat das Gefühl, dass er einen wichtigen Teil seiner Geschichte verleugnen muss, um in Deutschland als guter Araber zu gelten. Er glaubt, dass das auch an der öffentlichen Debatte über den Nahost-Konflikt liegt, in der jeglicher palästinensischer Widerstand oft als Bedrohung für die Existenz Israels dargestellt werde. Das fange schon damit an, dass viele Artikel über arabischen Antisemitismus mit Fotos von Demonstranten mit Palästina-Fahnen bebildert werden. „Dadurch wird ein Bezug hergestellt zwischen Palästina und Antisemitismus.“

Umso wütender machen ihn die antisemitischen Parolen mancher Demonstrantinnen und Demonstranten. Ramy hat die Videos von den Demos in Gelsenkirchen und Berlin gesehen, er selbst war auf keiner pro-palästinensischen Demo. „Die jüdische Bevölkerung in Deutschland hat nichts mit dem Nahostkonflikt zu tun. Warum wird ihr die Schuld gegeben? Ich verstehe das nicht und finde es einfach nur falsch.“

Ramy sagt, die Demonstrierenden missbrauchten den politischen Kampf der Palästinenser. „Sie verstehen nicht, worum es den Menschen geht, die in Sheikh Jarrah oder im Westjordanland protestieren. Die gehen auf die Straße, um für ihre Menschenrechte zu kämpfen.“ Die Beleidigung von Juden habe nichts mit dem Kampf für die Rechte der Palästinenserinnen zu tun. „Das ist reine Diskriminierung. Genauso wie es Diskriminierung ist, wogegen Palästinenser in Jerusalem oder Gaza demonstrieren.“ 

„Auf der Demo habe ich mich gefühlt, als würde ich nach Hause kommen“

Michael Sappir hat am 15. Mai in Leipzig gegen die Zwangsräumungen in Sheikh Jarrah demonstriert. Er ist Israeli und der Meinung, dass der israelische Staat auf der Vertreibung und Unterdrückung von Palästinenserinnen und Palästinensern beruhe. Vor 14 Jahren ist er nach Leipzig gezogen, weil er nicht mehr in Israel leben wollte. Seit einem Jahr ist er Mitglied von Jüdisch-Israelischer Dissens Leipzig, einem Netzwerk jüdischer Israelis. Michael sagt: „Auf der Demo habe ich mich gefühlt, als würde ich nach Hause kommen.“ Er sagt aber auch: „Manches war für mich als jüdischer Israeli nicht angenehm.“   

Eine Gruppe von Demonstranten habe etwa auf arabisch gerufen: „Palästina ist arabisch, muslimisch und christlich!“ Das sei ein Spruch, der ihn als Jude ausschließe. Ein Teil von Michaels Familie lebte im 19. Jahrhundert als Juden in Palästina. „Das war schon hart“, sagt Michael. „Aber die Demo war mehr als dieser Spruch. Insgesamt habe ich die Stimmung als freundlich wahrgenommen.“ Michael erzählt, wie er sich mit Palästinensern unterhielt und mit ihnen „Free Palestine“ rief, wie seine jüdisch-israelische Gruppe von den Organisatoren begrüßt wurde und ein Gruppenmitglied eine Rede gegen die Siedlungspolitik hielt. Und er berichtet von der Gegendemo. Ihr Motto: „Gegen jeden Antisemitismus – Solidarität mit Israel.“

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Michael ist jüdisch und demonstrierte gegen die israelische Politik, rief unter anderem „Free Palestine“.

Foto: privat

Michael war entsetzt von diesem Titel. „Das kann man nicht anders verstehen, als dass in deren Augen jede politische Opposition gegen die Vertreibungen in Sheikh Jarrah antisemitisch motiviert sein muss.“ Für Michael entspricht das der Logik von israelischen Rechten, die jede Kritik an der Politik Israels als Angriff auf das jüdische Volk werten. „Als hätten alle Juden dieser Welt etwas mit dieser Politik zu tun. Das reproduziert ein Bild von Juden als politisch einheitlich.“ Er findet es gefährlich, wenn Kritik am Staat Israel, auch radikale jüdische Kritik, vorschnell als Antisemitismus bezeichnet wird. „Dieses Urteil fällt oft automatisch“ und mache auch ihn, einen jüdischen Antizionisten, zum Antisemiten. Michael ist das Enkelkind einer deutschen Holocaust-Überlebenden. Dass er als selbst solcher seine Gedanken zum Nahost-Konflikt nicht frei äußern könne, nehme ihm seine Stimme.   

In Deutschland hat Michael gelernt, wie sehr ihn die jüdische Kultur geprägt hat

In Deutschland hat Michael gelernt, wie sehr ihn die jüdische Kultur geprägt hat. Auch wenn er gar nicht an Gott glaubt und aussieht, wie man eben so aussieht, wenn man links ist und in Leipzig wohnt. Statt Kippa und Davidstern trägt Michael Tattoos und lackierte Fingernägel. Judenfeindlichen Anfeindungen sei er im Alltag bisher nicht ausgesetzt. Trotzdem müsse er immer mit ihnen rechnen. „Die Schwurbler-Bewegung hat den Nazis einen roten Teppich ausgerollt. Im letzten Jahr gingen in israelischen Chatgruppen mehrmals Warnungen rum: Passt auf, Nazis sind in der Stadt.“ Michael lebt inzwischen lange genug in Leipzig, um zu wissen: Antisemitismus ist in Deutschland nie verschwunden.

Umso gefährlicher findet er die These, dass sich Deutschland mit arabischen Migrantinnen und Muslimen diesen Antisemitismus ins Land hole. „Ich finde es fast schon komisch, das erklären zu müssen, angesichts der Geschichte dieses Landes. Das erinnert mich daran, wie früher Antisemiten behauptet haben, die Juden würden den gefährlichen Virus des Kommunismus ins Land bringen.“ Michael hat nicht den Eindruck, dass es in der pro-palästinensischen Bewegung viele Antisemiten gibt. Aber natürlich gebe es sie. In vielen Fällen sei es aber komplizierter, als man auf den ersten Blick glaube.

Für Michael macht es einen Unterschied, ob ein Neonazi „Kindermörder Israel“ brüllt, oder eine palästinensische Geflüchtete aus Gaza. Denn die Palästinenserin meint vermutlich etwas anderes mit dieser Aussage als der Rechtsradikale, womöglich kennt sie auch die antisemitische und sehr europäische Ritualmordlegende nicht, dass Juden in der Osterzeit kleine Kinder töten und deren Blut am Pessachfest zu Matzot verarbeiten würden. Das mache ihre Aussage im Kontext der deutschen Geschichte noch immer problematisch. Aber anders als aus dem Mund des Nazis, sei sie bei ihr nicht eindeutig antisemitisch. „Denn der eine feindet Israel stellvertetend für ‚die Juden‘ an, die andere hat ein konkretes Problem mit den Taten des Staates Israel.“

Arabische und muslimische Migrantinnen unterschieden sich noch in einem anderen Punkt von Neonazis: Genauso wie Juden gehörten sie einer diskriminierten Gruppe an. Das befreie sie natürlich nicht von jeglicher Schuld, sagt Michael. „Aber diese Gruppe als Gefahr für den deutschen Status Quo zu sehen, finde ich nicht in Ordnung. Dahinter steckt ganz klar Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.“ Statt solche Menschen abzuschieben, müsse man mit ihnen reden und voneinander lernen. Israelis von Palästinenserinnen, Muslime von Juden, Deutschland von seinen Minderheiten. Damit der Nahost-Konflikt zumindest in diesem Land friedlich bleibt.

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