Wie sicher ist Couchsurfing?

Und was tun andere Sharing Plattformen, um ihre Nutzer*innen vor Übergriffen zu schützen?
Von Sarah Tekath

Collage: Daniela Rudolf-Lübke / Fotos: lifeforstock / Freepik

Meggies* Couchsurfing-Geschichte beginnt damit, dass sie mitten in der Nacht in einem Zimmer in Köln aufwachte und ihr dieser Mann gegenüberstand, völlig nackt. Er starrte auf sie herab wie der Jäger auf seine Beute. Dann warf er sich auf sie. Meggie hatte aber Glück. Sie war größer und stärker als ihr Angreifer und konnte das Schlimmste verhindern.

Katie* wollte eigentlich in Haifa übernachten und wurde von ihrem Gastgeber am Bahnhof abgeholt, aber dann fuhr der Mann plötzlich ganz woanders hin. Irgendwo ins Nirgendwo. Kathie hatte keinen Handyempfang, keine anderen Menschen, um sich aus der Situation zu befreien. Zurückfahren wollte er sie nicht, weil er schon getrunken hatte. Im Haus begann der Mann dann, intime Fragen zu stellen und wurde zudringlich. Ob sie rasiert sei und wie es mit ihrem Partner im Bett so laufe, wollte er wissen. Nur mit sehr klaren Worten und einem Taschenmesser in der Hand konnte sie ihn in dieser Nacht davon abhalten, übergriffig zu werden.

Martin* reiste 2017 in Laos Hauptstadt Vientiane, kam dort in einer etwas abgelegenen Gegend unter. Er fühlte sich krank und ging am Abend früh ins Bett. Mitten in der Nacht wachte er auf und fühlte die Hand des Gastgebers in seinem Schritt.

Der Zugang zur Couchsurfing-Community ist sehr niederschwellig

Couchsurfing ist ein internationales Netzwerk mit nach eigenen Angaben 14 Millionen Mitgliedern aus 200 000 Städten auf der ganzen Welt. Die Idee ist simpel. Couchsurfing bringt Menschen mit einer freien Couch und Menschen, die eine kostenlose Übernachtung wollen, zusammen. Couchsurfing spricht gern von ‚Freunden, die du noch nicht kennst‘. Dass nicht alle Menschen auf Couchsurfing Freunde sind, zeigen aber die Geschichten von Meggie, Katie und Martin.

Tatsächlich ist der Zugang zur Community sehr niederschwellig:  Wer mitmachen möchte, erstellt sich ein Profil und kann, wenn gewünscht, seinen Ausweis, seine Adresse und seine Telefonnummer verifizieren lassen. Verpflichtend ist das jedoch nicht. Bis Mitte Mai 2020 war das Erstellen eines Accounts kostenlos, außer jemand legte Wert auf ein verifiziertes Profil. Die Kosten dafür sind 60 US-Dollar. Der grüne Haken, den Nutzer dafür neben ihrem Namen bekommen, schafft Vertrauen und Vertrauen bedeutet mehr (bestätigte) Anfragen zum Übernachten. Seit der Corona-Krise fordert Couchsurfing, zum Ärger vieler Nutzer, einen Monatsbeitrag von 2,39 Euro bzw. einen Jahresbeitrag von 14,29 Euro. Mehr Mitglieder bedeuten mehr Umsatz. Daher ist es für das Unternehmen sinnvoll, möglichst vielen Menschen Zugang zu gewähren. Nach der Übernachtung oder auch nur dem Treffen (Couchsurfing bietet auch eine Hangout-Funktion an) schreiben die Mitglieder füreinander Bewertungen, die zukünftigen Surfern als Empfehlung dienen sollen. Die Schlafplatz-Tauschbörse startete im Jahr 2003 als NGO, im Jahr 2011 wurde sie jedoch zu einer gewinnorientierten Organisation.

„Wir sind überzeugt, dass jeder gemeldete Fall von Missbrauch, in welcher Form auch immer, innerhalb von maximal sechs Stunden eine Reaktion erhält“

Wie geht Couchsurfing also mit der Problematik möglicher Übergriffe auf Frauen und schwule Männer um, so wie sie Meggie, Katie und Martin passiert sind? Für Notfälle hat Couchsurfing ein Safety-Team, das rund um die Uhr kontaktiert werden kann. Dort arbeitet zum Beispiel Florian, der sagt: „Wir geben keine Informationen über unser Unternehmen preis und das umfasst auch die Anzahl der Mitarbeiter. Doch wir verfügen über genug Mitarbeiter, um eine 24/7-Betreuung zu garantieren und wir sind überzeugt, dass jeder gemeldete Fall von Missbrauch, in welcher Form auch immer, innerhalb von maximal sechs Stunden eine Reaktion erhält.“ Die Frage nach der Größe des Safety-Teams, das 14 Millionen Mitglieder betreut, bleibt demnach unbeantwortet. Nach Recherche der Welt waren es 2016 20 Mitarbeiter.

„Wir empfehlen nachdrücklich, die Übergriffe bei den Behörden vor Ort anzuzeigen"

Florian sagt weiter: „Jeder Fall, der uns gemeldet wird, wird durch einen dafür trainierten Experten geprüft. Wir arbeiten eng mit der Person zusammen, die den Zwischenfall gemeldet hat, um sicher zu gehen, dass die Sicherheit in unserer Community gewährleistet ist. Außerdem leiten wir die notwendigen Schritte ein, um sicher sein zu können, dass unsere Entscheidung auf den vollständigen den Fall betreffenden Informationen beruht.“ Ob das bedeutet, dass der Beschuldigte mit den Vorwürfen konfrontiert wird, will Couchsurfing nicht spezifizieren. Auch eine Anzeige bei der Polizei durch Couchsurfing selbst erfolge nicht, erklärt Florian. „Wir empfehlen nachdrücklich, die Übergriffe bei den Behörden vor Ort anzuzeigen. Falls notwendig, ist Couchsurfing bereit, mit den örtlichen Behörden im Rahmen des Datenschutzes und der geltenden Gesetze zusammenzuarbeiten.“

Wird ein Mitglied wegen ungebührlichen Verhaltens bei Couchsurfing gemeldet, werde dessen Profil von der Seite entfernt. Da aber Nachweise der eigenen Identität, persönliche Angaben sowie Kontaktdaten nicht zwingend erforderlich sind, um auf Couchsurfing aktiv zu werden, ist die Barriere, mit einem leicht veränderten Namen und einer anderen E-Mail-Adresse ein neues Profil zu erstellen, denkbar niedrig. In diesem Zusammenhang weist Florian daraufhin, dass das Erstellen mehrerer Profile gegen die Nutzungsbedingungen verstoße.

Dino M. hat mehr als 16 Frauen, die bei ihm übernachtet haben, mit starken Tranquilizern betäubt, um sie anschließend zu missbrauchen

Wie verheerend die Folgen des unzureichenden Sicherheitssystems von Couchsurfing sein können, zeigt ein Fall aus Italien. Der Polizist Dino M. legte sich bei Couchsurfing mehrere Profile an. Ermittlungen haben gezeigt, dass er mehr als 16 Frauen, die bei ihm übernachtet haben, mit starken Tranquilizern betäubt hat, um sie anschließend zu missbrauchen. Dies wurde unter anderem von dem deutschen Recherchebüro CORRECTIV aufgedeckt. Am nächsten Morgen fühlten sich die Frauen schlecht, konnten sich aber an nichts erinnern und verließen kurz darauf die Stadt oder sogar das Land. Bekannt wurde der Fall erst, als eine Frau, die mit ihren zwei minderjährigen Töchtern bei Dino M. übernachtete, es am Morgen nicht schaffte, ihre Tochter zu wecken. Dabei entdeckte sie, dass ihr Kind keine Unterwäsche mehr trug. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Beamten das starke Betäubungsmittel, eine illegale Waffe, versteckte Kameras und massenweise Pornografie.

Einige Männer nutzen Couchsurfing, um Frauen gezielt rumzukriegen 

Tatsächlich gibt es auch Männer, die sich ganz offen einen Sport daraus machen, Frauen auf Couchsurfing zu verführen. Daher hat sich Couchsurfing unter Reisenden mittlerweile einen Ruf aufgebaut, der dem von Tinder ähnelt. „Nützliche“ Ratschläge für den maximalen Erfolg gibt es online. So etwa auf der Seite MaverickTraveler, wo ein gewisser James Schritt für Schritt angibt, wie man aus seiner Erfahrung weibliche Couchsurferinnen verführen könne. Auch ein gewisser Marko Chinosome bietet auf Amazon das E-Book „How to hook up with Couchsurfer girls“ an. Alternativ gibt es dazu auch noch den Guide „Using Couchsurfing to hook up: The unspoken culture of sexsurfing“ von der Webseite Matador Network. Hier zeigt sich eine Kultur unter Männern, die es schon als Herausforderung zu verstehen scheinen, Frauen bei Couchsurfing rumzukriegen.

„Es ist wichtig, einen Plan B zu haben. Am besten hat man immer für den Notfall eine Adresse von einem Hostel greifbar“

Ein Umstand, der von Couchsurfing scheinbar gar nicht zur Kenntnis genommen wird. So wird auf der Couchsurfing-Webseite immer wieder verstärkt auf die Eigenverantwortung hingewiesen. Die Kommunikation soll einzig über Couchsurfing erfolgen, das Profil des anderen soll genau geprüft werden und der oder die Surfer*in soll sich mit der örtlichen Kultur vertraut machen. Unter der Überschrift „Trust your Instincts“ wird auf der Webseite erklärt: wer ein schlechtes Gefühl hat, soll die Situation umgehend verlassen.

Das bestätigt auch der ehemalige Couchsurfing-Ambassador Peter vom Reiseblog Rooksack, der Jahre lang selbst in der Community aktiv war. Als Freiwilliger vor Ort hat er beispielsweise Events organisiert. Heute sagt er: „Es ist wichtig, einen Plan B zu haben. Am besten hat man immer für den Notfall eine Adresse von einem Hostel greifbar. Die paar Euro, die man dort einspart, sind das Risiko wirklich nicht wert.“ Zudem betont er die Eigenverantwortung der Surfer. „Da das Couchsurfing-Safety-Team nur begrenzte Möglichkeiten hat, Mitgliedern zu helfen und in einigen Fällen nur zögerlich reagiert, empfehle ich Couchsurfern, sich lieber selbst so weit möglich abzusichern.“

Wie schützen ähnliche Plattformen wie Uber & Airbnbn ihre Nutzer? 

Allerdings ist das Sharing-Modell von Couchsurfing natürlich nicht das einzige auf dem Markt. Auch Airbnb und Uber bedienen sich dieser Idee. Auch dabei ist man mit fremden Menschen auf engem Raum zusammen und muss auf sein Bauchgefühl vertrauen. Der Unterschied ist aber der aktive Versuch, die Sicherheit der Nutzer zu gewährleisten. Airbnb gleicht nach eigenen Angaben auf der Webseite Gastgeber und Gäste in den USA mit öffentlichen Strafregistern sowie Sexualstraftäter-Verzeichnissen ab. Bei Gästen und Gastgebern außerhalb der USA werden Vor- und Nachnamen des Nutzers sowie das Geburtsdatum nach dem jeweiligen geltenden Recht in Datenbanken mit Hintergrund- und Sexualstraftäter-Verzeichnissen kontrolliert. Das kann man aus Datenschutz-Gründen kritisch sehen und es ist keine Garantie, dass Übergriffe verhindert werden. Aber zumindest wird nicht jeder reingelassen, so wie bei Couchsurfing. Weiter behält sich Airbnb das Recht vor, nach Ausweisdokumenten zu fragen. Ebenso haben Gastgeber die Möglichkeit, nur Gäste zu akzeptieren, deren Dokumente beim Betreiber vorliegen.

Uber bietet etwa in den USA seinerseits gleich mehrere Sicherheitsfeatures in seiner App. So gibt es einen Notfall-Button, über den sofort telefonischer Kontakt mit der örtlichen Polizei aufgenommen werden kann. Wird dieser Button aktiviert, werden Automarke, Standort und Kennzeichen an die Beamten übermittelt. Ebenso wird das Sicherheitsteam von Uber über den Notfall informiert und meldet sich, um auf dem Laufenden gehalten zu werden. Weiter haben Fahrgäste bei Uber die Möglichkeit, die gesamte Fahrt per GPS zu verfolgen und können die Informationen in einem Familienprofil mit anderen in der App teilen.

Eine Variante, um Couchsurfing für alle Reisenden sicherer zu gestalten, wäre das Konzept, das Airbnb mit seinen Superhosts anwendet. So könnte es möglich sein, wie auch mit den Couchsurfing-Ambassadors, ein Netzwerk von sicheren und verlässlichen Gastgebern in jeder Stadt aufzubauen, deren Profile auf der Webseite und in der App explizit markiert sind.

„Couchsurfing spricht niemanden davon frei, die Sicherheitsvorkehrungen für sich zu treffen, die sie im Alltag auch treffen würden“

Zahlreiche Menschen reisen mit Couchsurfing und haben glücklicherweise nie schlechte Erfahrungen gemacht. Allerdings macht es das System von Couchsurfing, das buchstäblich jeden reinlässt, sehr einfach für Männer mit entsprechenden Absichten. Die Französin Annelie* war von 2007 bis 2010 Mitglied des Safety-Teams und vergleicht Couchsurfing mit Autofahren: „Wenn man eine Strecke zu oft fährt, dann vergisst man, dass es auch Risiken geben kann.“ Trotzdem bekräftigt sie, dass sich die meisten Zwischenfälle während ihrer Zeit bei Couchsurfing bei den Events und den Treffen ereignet hätten, nicht unbedingt bei den Personen zu Hause. Oftmals sei dabei Alkohol im Spiel gewesen. „Couchsurfing spricht niemanden davon frei, die Sicherheitsvorkehrungen für sich zu treffen, die sie im Alltag auch treffen würden.“ Auch hier wird die Verantwortung ganz klar dem Surfer zugeschoben, wobei hier die Grenze zum Victim Blaming auffallend schmal ist.

Ein Restrisiko bleibt immer

Sicher sind Flirten und einvernehmlicher Sex bei Couchsurfing genauso legitim, wie überall sonst, allerdings sollte dabei im Hinterkopf behalten werden, dass hier völlig verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, was zu Missverständnissen führen kann. Wer also schon nicht genau sagen kann, was z.B. ein eindeutiges Signal beim Flirten in einem neutralen Raum ist, der sollte darüber nachdenken, wie es dann mit Sprachbarriere, Jetlag und Kulturschock so aussieht. Selbst, wenn die Mehrheit der Männer auf Couchsurfing nur interessante Menschen aus aller Welt kennenlernen will, so bleibt das Restrisiko, das noch dadurch verstärkt wird, dass Frau sich mit der Stadt sowie mit der Sprache und Kultur nicht vertraut fühlt und sich eben doch physisch im Haus eines Fremden befindet.

* Namen von der Redaktion geändert

Wie man Anbieter bei Couchsurfing kritisch überprüfen kann

  • Mitglieder sollten das Profil des Gastgebers genau prüfen und im Besonderen die Bewertungen kritisch betrachten. Gibt es nur Bewertungen von Frauen, sollte schon ein gesundes Maß Skepsis mitgebracht werden. Das Gleiche gilt, wenn der Gastgeber viele Bewertungen aus z. B. dem eigenen Land hat, da es sich hierbei um Fake-Profile handeln kann, die einzig zum Zweck positiver Referenzen erstellt wurden.
  • Wer eine negative Erfahrung mit einem Gastgeber gemacht hat, sollte dies unbedingt melden und einen negativen Kommentar hinterlassen. Diesen am besten im neutralen Ton formulieren und die Situation genau erklären. Erhält ein weibliches Mitglied selbst eine negative Bewertung, weil sie etwa Annäherungsversuche abgewehrt hat, kann sie diese Bewertung per Kommentarfunktion erläutern und so andere Surfer warnen.
  • Eine Möglichkeit ist es auch, den Gastgeber erst einmal an einem neutralen Ort (z. B. für einen Kaffee) zu treffen, um zu sehen, was das Bauchgefühl so sagt. Danach kann die Reisende dann immer noch an einem anderen Tag bei ihm übernachten. Natürlich ist das auch keine Garantie, aber der erste Eindruck kann ja schon helfen.
  • Es kommt auch vor, dass ein Gastgeber ebenfalls eine Negativbewertung androht, weil der Surfer etwas Negatives schreiben will. Auch in diesem Fall sollte dies deutlich kommuniziert werden.
  • Ebenso spricht auch nichts dagegen, eine Frau, die eine negative Referenz bei einem Gastgeber hinterlassen hat, einfach anzuschreiben und nachzufragen.
  • Außerdem kann es helfen, sich von einem vertrauenswürdigen Gastgeber, bei dem alles okay gewesen ist, Gastgeber in anderen Städten empfehlen zu lassen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es auch dort nicht zu Zwischenfällen kommen wird, weil man sich bereits in jemandes Bekanntenkreis befindet.
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