Wird in anderen europäischen Ländern gegendert?

Das haben wir Sprachwissenschaftler*innen gefragt.
Von Maximilian Senff

Illustration: Julia Schubert

Nicht erst seit Annegret Kramp-Karrenbauers fragwürdigem Büttenreden-Gender-Fauxpas sorgt die Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit für kontroverse Debatten in Deutschland. Das Anliegen der Befürworter und Befürworterinnen gendergerechter Sprache: Sie soll Wertschätzung gegenüber allen Menschen zeigen. Die Adressierung und Nennung aller Geschlechter soll helfen, stereotype Rollenbilder aufzuheben. 

In Deutschland wird oft versucht, dabei sehr genau und fair zu sein. Egal, ob Rechtschreibreform, Jugendwort des Jahres oder eben Gendern – die Diskussion um Sprache scheint endlos. Zwischen Gender-Stern, Binnen-I, Schrägstrich, Unterstrich, Klammer und Plural stellt sich die Frage: Spielt gendergerechte Sprache in anderen Ländern eigentlich auch so eine große Rolle wie in Deutschland? Sprachwissenschaftler geben einen Einblick, wie die Diskussion in einigen anderen europäischen Staaten abläuft:

Spanien: Debatte ähnlich wie in Deutschland

Die Debatte um gendergerechte Sprache wird nicht nur in Spanien geführt, sondern auch in den spanischsprachigen Länder Südamerikas. „Argentinien ist zum Beispiel in dieser Hinsicht weitaus weniger konservativ als Spanien“, sagt Professor Carsten Sinner vom Institut für angewandte Linguistik und Translatologie der Universität Leipzig. Im Spanischen ist es etwas komplizierter als im Deutschen, gendergerecht zu schreiben, da es neben der weiblichen und der männlichen Form der Adjektive auch eine weitere gibt, die beide Geschlechter umfasst. Also müssten auch die Adjektive gegendert werde.

„Es gibt ähnliche Debatten wie im Deutschen“, sagt Carsten Sinner. Der Hauptpunkt der Diskussion sei die Frage danach, ob der männliche Plural die Frauen mit einschließe. Die Grammatik sage „Ja“, aber es gebe Untersuchungen, die zeigten, dass Leser bei der Pluralform erst an Männer dachten. „Leute, die sich gendergerecht ausdrücken wollen, machen das längst. Sie nennen einfach beide Geschlechter oder verwenden im Plural in der geschriebenen Sprache zum Beispiel Formen mit der Endung ‚-es’ anstelle von ‚-os’ für männliche oder gemischte Gruppen oder ‚-as’ für weibliche Gruppen.“

Auf der Gegenseite stünden oftmals die Real Academia Española und die Sprachakademien der restlichen spanischsprachigen Länder, die für die spanische Sprache, egal in welchem Land, zuständig sind. „Die Real Academia lehnt viel ab, das sich in der Gesellschaft eigentlich schon durchgesetzt hat. Sie wird oft für ihre antiquierten Ansichten kritisiert“, erklärt Carsten Sinner.

„Die Gleichberechtigungs-Bewegung ist in den spanischen Ländern viel weiter als in Deutschland. Die Debatte wird auch viel weniger unter der Gürtellinie geführt als bei uns. Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens für die Nennung beider Geschlechter.“ Oftmals werde einfach die weibliche Form für Berufsbezeichnungen gebildet – auch wenn diese grammatisch eigentlich falsch sei. Ein Beispiel hierfür ist „la presidenta“ statt „la presidente“, was sich in Argentinien schell durchsetzte, als es mit Christina Kirchner die erste weibliche Staatschefin gab. „Die aktuelle Debatte wird weniger von Leuten geführt, die die Sache wirklich ernst nehmen. Die Lauten sind die, die ohnehin davon überzeugt sind, Frauen gehörten einfach nur hinter den Herd“, sagt Carsten Sinner. „Es ist zu befürchten, dass der Diskurs sich zunehmend populistisch entwickelt.“

Italien: keine großen Diskussionen

„Im Italienischen wird das Gendern nicht so stark thematisiert wie im Deutschen“, sagt Teresa Barberio von der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Die gebürtige Italienerin erklärt: „Die Sensibilisierung ist in der Gesellschaft noch nicht so angekommen.“ Die Politik gehe ein bisschen auf das Thema ein, im wissenschaftlichen Kontext sei die Diskussion aber noch gar nicht derartig präsent.

„Aufgrund der linguistischen Bewegungen ist das eher ein deutsches Thema“, sagt Teresa Barberio. „Gender-Sternchen, -Striche und –Klammern werden in Italien nicht diskutiert.“ Italienische Linguisten setzten sich mit gendergerechter Sprache kaum auseinander, da weniger Projekte diesbezüglich finanziert würden. Bei Generalisierungen gebe es im Italienischen derzeit keine neutralen Begriffe, es werde vornehmlich die männliche Form verwendet.

„Es gibt ein paar Berufe, wo es seit längerer Zeit verschiedene Berufsbezeichnungen für beide Geschlechter gibt. Es gibt zum Beispiel ‚den Lehrer’ und ‚die Lehrerin’, auch ‚die Ministerin’, aber bei ‚Ingenieur’ wird beispielsweise nur das Maskulinum verwendet“, sagt Teresa Barberio. Das deutsche Wort „Menschheit“ werde im Italienischen sehr häufig mit „der Mann/die Männer" (l'uomo/gli uomini) übersetzt. Große Diskussionen würden deswegen aber nicht entstehen.

„Ich glaube schon, dass das Thema gendergerechte Sprache immer wieder diskutiert werden wird.“ Das große Problem in Italien sei die geringe Förderung von Projekten, die sich mit dem Gendern beschäftigen. „Ich merke, dass die Sensibilisierung grundsätzlich ganz anders ist, wenn man in einem Land wohnt, wo das Gendern ein großes Thema ist. Ich organisiere gerade eine Veranstaltung für ein italienisches Publikum in Deutschland. Da achten wir auch auf gendergerechte Sprache. Das hätten wir vielleicht vor ein paar Jahren nicht gemacht.“

Niederlande: wenig Aufregung

„In den Niederlanden gibt es keine solche Diskussion über  geschlechtergerechte Sprache wie in Deutschland“, sagt Professor Matthias Hüning vom Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin. In den 1970er- und 1980er-Jahren sei eine feministische Linguistik Thema gewesen, die Diskussion sei aber zur Jahrtausendwende fast gänzlich verschwunden.

Anders als im Deutschen muss das Geschlecht nicht immer sprachlich  gekennzeichnet werden, wenn ein Substantiv verwendet wird. „Im  Niederländischen fallen die männliche und die weibliche Form zusammen“, erklärt Matthias Hüning. „Außerdem gibt es bei einigen Wörtern, wie zum Beispiel ‚Professor’, gar keine weibliche Form. Die ursprünglich männliche Form hat sich in den Niederlanden in den letzten 20 Jahren für die geschlechtsneutrale Verwendung weitgehend durchgesetzt."

„Warum regt sich da eigentlich keiner auf?“, fragt Matthias Hüning. Ein Erklärungsansatz, der eine prinzipielle pragmatische Haltung und eine wenig emotional geführte Debatte als Begründung liefert, wäre spekulativ. „Die Diskussionen um Gender und Unisextoiletten beispielsweise gibt es in den Niederlanden auch, aber sprachliche Konsequenzen hat das überhaupt nicht.“ Die Verwendung des generischen Maskulinums habe auch im Niederländischen historische und sprachstrukturelle Gründe. Im Deutschen funktioniere die Verweiblichung fast immer durch das Anhängen von „–in“. Diese Möglichkeit gab es auch im Niederländischen, sie werde aber nicht mehr genutzt.

Frankreich: zwei gemäßigte Lager

Im Französischen gibt es grob zwei Lager: Eines, das sich für gendergerechte Sprache einsetzt und eines, das dagegen ist. „Die Debatte wird von beiden Seiten moderat geführt“, sagt Professor Ralph Ludwig vom Institut für Romanistik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Es ist eine sensible Frage. Die Rolle der Frau steht auch in Frankreich im Blickpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das berührt auch die gendergerechte Sprache. Was ich auch sehr stark mitkriege, ist eine heftige Debatte um die Hautfarbe von Menschen. Diese Diskussion, die auf der Basis der Kolonialisierung geführt wird, fließt manchmal mit der Debatte um die Geschlechter-Minorisierung zusammen.“ Vor allem auf den französischen Übersee-Inseln sei dies eine große Diskussion.

„In Frankreich gibt es Menschen, die dem Thema gendergerechte Sprache große Aufmerksamkeit zukommen lassen. Ihnen gegenüber stehen Personen, die ihre Ablehnung öffentlich, jedoch nicht vernichtend, sondern eher offen und ironisch äußern“, erklärt Ralph Ludwig. Es stelle sich dabei die Frage, ob die Genderdebatte, die bis dato mit humorvoller Distanz ausgetragen wurde, vor dem Hintergrund verhärteter Kulturdebatten nicht doch noch aufflammen könnte. Eine solche Verhärtung der Fronten wäre in Frankreich nichts neues, wie das aktuelle Beispiel der Gelbwesten-Proteste zeige.

„Die Autorin Alpheratz hat eine ‚Grammatik inklusiver Sprache’ veröffentlicht. Dem Thema kommt aktuell also auf jeden Fall wieder Aufmerksamkeit zu“, sagt Ralph Ludwig. „Welchen Weg die Diskussion einschlagen wird, bleibt aber abzuwarten. In Frankreich gibt es derzeit eine gesteigerte Aufmerksamkeit für alle sozialen Hemmnisse, egal ob Gelbwesten-Proteste, ethnische Diskussionen oder Gender-Fragen.“ Die französische Sprache schwanke zwischen einer konservativen Norm einerseits und der Sprengung dieser Konventionen auf der anderen Seite. „Jeder geht sehr vorsichtig an gender- und sprachwissenschaftliche Fragen heran, weil sie aktuell sehr relevant und gerade deswegen auch durchaus heikel zu besprechen sind“, erklärt Ralph Ludwig.

England: gendergerechte Sprache

Im Englischen ist der geschlechtsneutrale Sprachgebrauch zumindest in formalen Kontexten sehr gebräuchlich. Bei Berufsbezeichnungen zum Beispiel ist es üblich, „officer“ (statt „policeman“) für Polizistinnen und Polizisten zu verwenden. „Die aktuellen Diskussionen zum Thema Gendern finden überwiegend in akademischen Kontexten und in der LGBT-Community statt“, sagt Professorin Daniela Wawra vom Lehrstuhl für Englische Sprache und Kultur der Uni Passau.

Sie beobachtet eine Entwicklung: „Früher wurde empfohlen, in der Anrede nicht mehr zwischen ‚Mrs’ (verheiratete Frau) und ‚Miss’ (unverheiratete Frau, Fräulein) zu differenzieren, da dies bei Männern in der Anrede ‚Mr’ auch nicht getan wird. Das hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch – genau wie im Deutschen – weitestgehend durchgesetzt. ‚Miss’ wird nur noch sehr eingeschränkt verwendet.“ Eine neuere Entwicklung sei nun der Vorschlag, „Mx" als geschlechtsneutrale Anrede zu verwenden. Diese Neuform hat es sogar schon ins Online Oxford English Dictionary geschafft. Zudem wird der Gebrauch von genderneutralen Pronomina diskutiert, wie zum Beispiel „ze“ als neutrale Form von „he“ oder „she“ zu verwenden.

„Während der Trend im Englischen also überwiegend dahin geht, eine neutrale Sprache zu verwenden und eine Kategorisierung nach Geschlecht aufzuheben, ist vor allem in der LGBT-Community auch eine gegenteilige Bewegung zu beobachten: nämlich möglichst genau zwischen verschiedenen Genderidentitäten zu differenzieren und sie zu definieren“, sagt Daniela Wawra. Gender wird dabei als konstruiert und fluide angesehen, Individuen können sich also mal so und mal anders einordnen.

„Die LGBT-Community hat sehr differenzierte Termini und Definitionen eingeführt, die es jedem Individuum ermöglichen sollen, sich so einzuordnen und zu bezeichnen, wie es sich fühlt“, erklärt Daniela Wawra. „Diejenigen, die mit den bestehenden Etikettierungen nicht einverstanden sind, sollen im Englischen demnach die Chance haben, die Etiketten zu bestimmen, mit denen sie gut leben können.“