„Ich dachte nur noch an Sex“

Bei Chemsex-Partys werden Drogen konsumiert, die es möglich machen, stunden- oder tagelang Sex zu haben.
Foto: Sushil Nash / Unsplash / Bearbeitung: jetzt

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Triggerwarnung: In diesem Text geht es unter anderem um Diskriminierung, Drogen und Sucht.

Tom* ist auf einer Party in Amsterdam. Die Gäste küssen sich, ziehen sich aus, haben Sex – und nehmen gemeinsam Drogen. Ihr Verlangen scheint keine Grenzen zu kennen. All das war so geplant: Tom ist auf einer Chemsex-Party. Das sind Sex-Partys, bei denen gezielt Drogen konsumiert werden, die die Potenz steigern oder das Bewusstsein erweitern. Sie machen es möglich, stunden- oder tagelang Sex zu haben. „Durch die Fenster hat man auf die Grachten gesehen und ich hatte die ganze Zeit Sex. Es war einfach krass. Ich dachte mir: Das ist also deine Erasmus-Erfahrung.“

Während seines Auslandssemesters in Amsterdam war Tom auf mehreren solcher Partys, für ihn war das alles neu. „Bevor ich nach Amsterdam ging, war ich total brav. Ich hatte einen Freund, erst kurz davor haben wir uns getrennt“, erzählt er am Telefon. Im Auslandssemester wollte er sich ausprobieren und Erfahrungen sammeln, lernte Männer über die Datingapp Grindr kennen. Er hatte Sex mit mehreren Männern gleichzeitig und nahm Ketamin, Kokain, Liquid Ecstasy und Crystal Meth. „Meth war aber ein Versehen. Ich dachte, ich ziehe eine Line Koks – erst danach wurde mir gesagt, was es wirklich war.“ Dass er gerade kein Koks, sondern eine viel stärkere Droge konsumiert hatte, spürte er sofort. „Ich dachte nur noch an Sex. Als es vorbei war, habe ich mich aber richtig schlecht gefühlt.“ Erschöpft und niedergeschlagen sei er gewesen – und er habe ein schlechtes Gewissen gehabt, erzählt er.

„An Weihnachten saß ich mit meiner Familie beim Gebet, eine Woche vorher hatte ich Sex mit sechs Männern und war auf Meth“

Die Kombination aus Sex und dem Konsum chemischer Drogen nennt man Chemsex, geprägt wurde der Begriff vom britischen Sozialarbeiter David Stuart. In Großbritannien wird das Phänomen seit Jahrzehnten beobachtet, vor allem schwule Männer haben Chemsex. In den vergangenen Jahren berichteten Kliniken für sexuelle Gesundheit in Großbritannien außerdem, dass immer mehr Chemsex-User behandelt werden müssten. In Deutschland gibt es kaum erfasste Daten dazu, wie viele Menschen Chemsex haben. In immer mehr deutschen Großstädten gibt es jedoch Beratungsangebote für schwule Männer mit Suchtproblemen – dort spezialisiert man sich auch auf die Beratung in Bezug auf Chemsex.

Tom ging nach seinem Semester in Amsterdam zurück nach München. Was er erlebt hatte, konnte er in der Heimat kaum verarbeiten. „Ich komme aus einem eher konservativen Elternhaus. An Weihnachten saß ich dann mit meiner Familie beim Gebet, eine Woche vorher hatte ich noch Sex mit sechs Männern und war auf Meth. Da dachte ich mir: Tom, du bist 23, wie konnte das denn passieren?“ Drogen waren bis dahin weit weg von seiner Lebensrealität. Dass sie in Amsterdam Teil seines Lebens wurden, machte ihm im Rückblick Angst. Auch, weil sie nun auch zu seinem Leben in Deutschland gehörten. Tom erzählte zwar einigen – mehrheitlich heterosexuellen – Freunden von seinen Erlebnissen, verstehen konnten sie Tom jedoch nicht. Er fühlte sich alleine. Einige Monate später begann er eine Therapie. „Ich wollte das alles einfach einordnen können“, sagt er. In der Therapie wollte Tom über seine Erlebnisse sprechen, ein Entzug war anders als bei vielen anderen nicht nötig.

In der Ambulanz für sexualisierten Substanzgebrauch am Klinikum der Universität München werden pro Jahr rund 30 bis 40 Menschen behandelt, die aufgrund von Chemsex eine Drogenabhängigkeit entwickelt haben. Tobias Rüther leitet diese Ambulanz, jede Woche erhält er zwei bis drei neue Anfragen von Patienten. „In den letzten Jahren hat sich in Bezug auf Drogen vieles verändert. Es gibt immer mehr Menschen, die episodisch Drogen konsumieren, ohne dadurch abhängig zu werden“, sagt er. Für Chemsex werden jedoch ganz bestimmte Drogen wie das Lösungsmittel GBL, Methedron, das in sogenannten „Badesalzen“ enthalten ist, oder Crystal Meth konsumiert. „Das Problem dabei ist, dass man am Anfang denkt, alles im Griff zu haben. Aber das sexuelle Erleben unter Crystal Meth ist so stark, dass es das sexuelle Erleben ohne Drogen kaputt macht. Das macht dann Probleme“, erklärt Tobias Rüther.

Wer eine Drogenabhängigkeit entwickelt oder Sex nur noch unter Drogen genießen kann, erhält in der Ambulanz Hilfe. „Wir machen keine Beratung, sondern Therapie. In der Ambulanz arbeiten Suchtmediziner, die sich mit Chemsex auskennen. Wir wissen, wovon unsere Patienten sprechen, und werden auch nicht rot, wenn uns jemand erzählt, dass er drei Tage lang Sex hatte“, sagt er. Tobias Rüther und seine Kolleg*innen besprechen mit den Patient*innen die Möglichkeiten – diese reichen von einem Entzug bis zu einer ambulanten Psychotherapie. Gleichzeitig beobachten sie das Phänomen und versuchen, aus dem gewonnenen Wissen einen speziellen Therapieansatz zur Behandlung von Drogenabhängigkeit durch sexualisierten Substanzgebrauch zu entwickeln. „Es gibt zwar ein Therapie-Manual, aber da liegt der Fokus meiner Meinung nach zu stark auf dem Drogenkonsum. Ich glaube aber, um das Problem wirklich zu lösen, muss man den Grund für den Drogenkonsum finden“, erklärt er.

„Manche Leute lehnen ihre eigene Sexualität so stark ab, dass sie Drogen benötigen, um sich sexuell ausleben zu können“

Daran arbeitet Sinan Karcher. Der Medizinstudent schreibt seine Doktorarbeit über den Zusammenhang zwischen queeren Identitäten, sexuellem Selbstbild, Schamempfinden und Substanzkonsum. „Eigentlich rät man Drogenabhängigen, Assoziationspunkte mit Drogen zu vermeiden“, erzählt er. „Wenn jemand zum Beispiel heroinabhängig ist und den Bahnhof mit Heroin in Verbindung bringt, rät man dieser Person, den Bahnhof zu meiden. Man kann einem 25-Jährigen aber nicht einfach sagen, dass er keinen Sex mehr haben soll. Das wird nicht funktionieren.“  

Sinan Karcher geht davon aus, dass viele schwule Männer mit internalisierter Homophobie kämpfen – also die gesellschaftliche Abwertung schwuler Männer verinnerlicht haben und deshalb ihre eigene Homosexualität nicht akzeptieren. „Manche Leute lehnen ihre eigene Sexualität so stark ab, dass sie Drogen benötigen, um sich sexuell ausleben zu können“, sagt er. In einer Studie untersucht er mithilfe eines Online-Fragebogens das Schamempfinden der Teilnehmer*innen, ihr sexuelles Selbstbild und ihre queere Identität – also die Frage nach der sexuellen Orientierung und dem eigenen Verhältnis dazu. „Wir möchten herausfinden, wie diese drei Variablen mit Substanzkonsum während des Sex zusammenhängen“, erklärt er. Wenn die Studie zeigen sollte, dass internalisierte Homophobie ein Grund für das Phänomen ist, soll daraus ein Therapieansatz entwickelt werden. Dieser soll Betroffenen dabei helfen, ihre Sexualität zu akzeptieren und dadurch weniger oder keine Drogen mehr zu benötigen.

Tom denkt nicht, dass er Drogen konsumiert, weil er seine Homosexualität nicht akzeptieren würde. „Ich hatte ja schon einen Freund und auch meine Eltern haben immer gesagt, dass es kein Problem wäre, wenn ich schwul bin.“ Doch auch er hat mit Unsicherheiten zu kämpfen. „Wenn ich in den Club gehe, sehe ich richtig viele sexy Männer. Ich selbst fühle mich aber nicht immer so sexy“, erzählt er. Heterosexuellen mag es oft ähnlich gehen – Tom hält das Problem in der Schwulenszene aber für stärker ausgeprägt. „In Schwulenclubs trifft man immer dieselben Leute, deshalb will man auf jeden Fall einen guten Eindruck machen und gut aussehen“, erklärt er.

Dieses Empfinden teilt Jan Geiger. Der Sozialpädagoge arbeitet für das Schwule Kommunikations- und Kulturzentrum München. Dort berät er Menschen, die mit Chemsex Erfahrungen gemacht haben und gibt, falls benötigt, Utensilien zum sichereren Drogenkonsum aus. Pro Jahr betreut er zwischen 50 und 60 Betroffene. Ein negatives Körperbild erlebt er bei seinen Klienten immer wieder. „Das liegt zum einen an der internalisierten Homophobie. Um den scheinbaren Makel des eigenen Schwulseins auszugleichen, wollen sie möglichst attraktiv sein und guten Geschmack beweisen“, sagt Geiger. Doch auch die Aids-Krise der 80er-Jahre sei ein Grund für den Wunsch nach Selbstoptimierung, auch heute noch. „Früher hat man ausgemergelte Körper mit HIV und Homosexuellen in Verbindung gebracht. Das ist auch ein Grund, weshalb Schwule heute besonders gesund und muskulös aussehen wollen.“

„Im Alter von 15 bis ungefähr 21 habe ich meine Sexualität nur über Pornos ausgelebt“

Dass Männer nur wegen ihrer Unsicherheiten Drogen konsumieren, kann sich Tom nicht vorstellen. Viele würden ihre Lust einfach immer weiter steigern wollen, sagt er – der Hang zum Extremen überrasche ihn nicht. „Wenn man homosexuell ist, fehlt das langsame Herantasten an Sexualität oft. Man hat keine Pausenhofbeziehungen und kann mit seinen Freunden nicht besprechen, in wen man gerade verknallt ist. Man wächst absolut isoliert auf. Dann lädt man sich irgendwann Grindr runter – und plötzlich stehen alle Türen offen.“ Auch Pornographie habe für ihn und viele andere eine wichtige Rolle gespielt. „Im Alter von 15 bis ungefähr 21 habe ich meine Sexualität nur über Pornos ausgelebt“, erzählt er.

Diese Probleme kennt auch Jan Waizenhöfer, der gemeinsam mit dem Kollektiv „Lovers“ unter anderem sexpositive Partys in München organisiert. Dort soll Sexualität frei ausgelebt werden können – ohne Schamgefühl und ohne Druck. „Als Veranstalter führen wir keine offene Drogenpolitik. Aber wir wissen, was in der Szene passiert“, sagt der 29-Jährige. Auf sexpositiven Partys wird anders als auf Chemsex-Partys nicht zum Drogenkonsum animiert. Das Kollektiv will einen sicheren Raum zur Entfaltung bieten und die Sichtbarkeit der queeren Community erhöhen – Drogen sollen dafür nicht nötig sein.

Dass Chemsex in der Schwulenszene offenbar immer beliebter wird, macht Jan Waizenhöfer Sorgen. „Viele, die schon eine Affinität zur Party- und Drogenszene hatten, haben bisher bei gewissen Substanzen wie Crystal Meth eine Grenze gezogen. Diese Grenze geht gerade verloren.“ Begonnen habe diese Entwicklung in London, von dort aus sei das Phänomen in andere Schwulenmetropolen wie Amsterdam und Berlin gewandert. „Wir sind in München fast schon ein bisschen hinten dran, aber jetzt merkt man es auch hier. Das ist schade, weil man frühzeitig absehen hätte können, was passieren wird.“ Jan Waizenhöfer distanziert sich bewusst davon. „Wenn mich auf einem Date jemand fragt, ob es mich stört, wenn er etwas raucht, sage ich: ‚Ja, das stört mich.‘ Das ist dann meistens ein Wendepunkt, dann beginnt ein ehrliches Gespräch.“

Dass gerade schwule Männer einen Hang zum Drogenkonsum haben, liegt seiner Meinung nach auch an ihrer geschlechterspezifischen Sozialisierung. „Ich denke, Männer werden zu stoischen, rationalen Einzelkämpfern erzogen. Dadurch entsteht eine Diskrepanz zwischen der Gefühlswelt und dem Ego“, sagt Waizenhöfer. Diese Einschätzung unterstützt auch Sozialpädagoge Jan Geiger. „Es gibt die These, dass Männer schwierig sind, weil Männlichkeit schwierig ist“, sagt er. Wegen ihrer Sozialisierung hätten Männer Probleme, Gefühle zuzulassen und darüber zu sprechen. „Diese prekäre Männlichkeit schützen sie, indem sie Substanzen konsumieren“, sagt Jan Geiger. Dass manche versuchen, sich ausgerechnet durch Drogenkonsum vor Unsicherheiten zu schützen, sei auf die Ursprünge schwuler Kultur zurückzuführen. „Die Schwulenszene ist im Nachtleben entstanden. Früher gab es keine bürgerliche Variante von schwulem Leben, nur im Nachtleben konnte man sein, wie man wollte“, sagt er. Dadurch sei automatisch eine Nähe zu Drogen entstanden – und Drogenkonsum Teil schwuler Kultur geworden. „Viele Schwule versuchen deshalb, ihr Bedürfnis nach Nähe und Intimität durch Substanzkonsum, also mit einem Mittel ihrer eigenen Kultur, zu stillen.“

„Manche Sachen habe ich mich erst unter Drogen getraut“

Tom weiß, so sagt er es zumindest, dass Drogen keine Lösung sind und was eine Abhängigkeit anrichten kann. „Ich weiß, was passieren kann. Ich habe davon gehört, ich habe das gesehen – und ich will das nicht.“ Durch seine Therapie habe er inzwischen gelernt, nur noch alle vier bis sechs Wochen Chemsex zu haben. Ganz damit aufhören will er aber gar nicht, wie er sagt. „Durch Chemsex habe ich auch viel für mein nüchternes Bett gelernt. Manche Sachen habe ich mich erst unter Drogen getraut – danach konnte ich es aber auch, wenn ich nüchtern war.“  

Doch genau das soll durch die Forschung und die immer größer werdende Zahl an Beratungsstellen in Zukunft nicht mehr nötig sein. Männer wie Tom sollen sich sexuell ausleben können – auch, wenn sie keine Drogen konsumieren.

*Tom heißt eigentlich anders. Er will in diesem Text anonym bleiben. Sein echter Name ist der Redaktion bekannt.

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