Horror-Date: Das kläffende Ungeheuer

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Dating Situation: Sex-Date in der miefenden Wohnung eines Fitnesstrainers Geschlecht und Alter des Dates: männlich, nicht bekannt Vibe des Dates: Was, wenn sein Hund mitmachen will? Horrorstufe: 7/10

Ich war während einer Vorlesung mal wieder am Handy, als eine Nachricht aufpoppte. Ein Mann hatte mir auf Grindr geschrieben, einer schwulen Dating-App, bei der es oft um spontane Sextreffen geht. Ich fand den Mann sofort heiß. Er hatte ein freundliches Lächeln, den Körper eines griechischen Gottes und er schrieb „Hi“. Was soll ich sagen. Es war Lockdown und ich war hungrig nach Berührung: Er hatte mich damit sowas von an der Angel. Ich schrieb auch „Hi“ und wenige Nachrichten später schickte er mir seine Adresse und eine Uhrzeit. Das Sex-Date mit Tom stand. Ich war überzeugt, dass es legendär werden würde. Das wurde es auch – aber nicht auf die gute Art.

Als ich am Abend vor Toms Tür stand, versuchte ich, beim Warten schon mal möglichst sexy auszusehen. Wir hatten uns zum Sport bei ihm zu Hause verabredet. Er war Fitnesstrainer und wollte mir ein paar „Sportübungen“ zeigen, was ich als Code-Wort für Sex verstand. Als die Tür aufging, war ich baff. Tom war tatsächlich ein Herkules in engen Sportklamotten. Doch das war nicht alles. Leider.

Ich war in Toms Wohnung und damit in eine gigantische Stinkwolke getaucht. Die Fenster waren beschlagen, die Luft war feucht und es roch süßlich, irgendwie nach nassem Hund. Und dann sah ich es, das Ungeheuer des Abends: Hope, die kleine Hündin. „Nein, Hope, nein!“, sagte Tom, als die Hündin mich schwanzwedelnd ansprang. Ich sagte, das sei schon in Ordnung, ich käme mit Hunden klar. Das stimmt auch. Doch der penetrante Hundegeruch war schwer auszuhalten.

Ich fragte nach der Toilette, um etwas durchzuatmen, doch dort wurde es noch schlimmer

Tom führte mich in sein Schlafzimmer. Ich erwartete schon fast, dass wir direkt im Bett landen, da sah ich auf dem Boden zwei Sportmatten und elastische Bänder liegen. „Welche Übungen kannst du mir zeigen?“, fragte Tom, der wohl wissen wollte, ob ich überhaupt was draufhabe. Ich machte ein paar Liegestütz und fühlte mich dabei merkwürdig beobachtet. Tom sagte in professionellem Trainer-Tonfall, dass ich das ganz gut mache. Soweit so gut, dachte ich – noch.

Es muss bei den Klimmzügen gewesen sein, als mir übel wurde. Vielleicht lag es am Sport, aber vor allem wurde die feuchte nach Hund riechende Luft immer unerträglicher. Ich fragte nach der Toilette, um etwas durchzuatmen, doch dort wurde es noch schlimmer. In meiner Erinnerung war der Boden überzogen von Haaren, Shampoo-Flaschen hatten krustige Ränder in der Duschwanne zurückgelassen und auch hier roch es allesdurchdringend nach nassem Hund. Ich sammelte mich und schluckte meinen Drang hinunter, sofort die Flucht zu ergreifen. Denn ich fand Tom trotz miefender Bude immer noch superheiß. Und schließlich war ich mit der Erwartung auf ein Sex-Date hergekommen. Nase zu und durch.

Ich atmete nur noch flach und tatsächlich ging es erstmal besser. Wir plauderten beim Sport über die Uni, Tom erzählte von seiner Arbeit und davon, dass er früher Künstler war. Wir zeigten uns gegenseitig Dehnübungen und lachten darüber, wenn einer von uns das Gleichgewicht verlor. Als wir Kniebeugen machten, korrigierte Tom meine Haltung und kam mir nahe. Ich spürte seine Haut an meiner. Ich dachte, vielleicht würde das ja doch noch was und ich stellte mir schon vor, wie wir uns gegenseitig die Sport-Shirts vom Körper reißen. Doch da hatte ich die Rechnung ohne Hope gemacht.

Gerade malte ich mir aus, wie Tom und ich uns eng umschlungen auf dem Bett wälzen – und dann: „Nein, Hope, nein!“

Die Hündin kläffte unaufhörlich und sprang Tom und mich so oft an, dass wir unser Workout mehrmals pausieren mussten. „Nein, Hope, nein“, ermahnte Tom seine Hündin wieder und wieder in schrillem Ton. Hope kümmerte das nicht. Sie sprang auf das Bett. „Nein, neiiiin“, befahl Tom sie hinab. Doch Hope sprang wieder hinauf. Tom rief: „Nein, Hope, nein!“

Dass Tom seine Hündin nicht unter Kontrolle hatte, war für mich ohnehin schon unattraktiv. Doch dann kam mir auch noch der Gedanke, der den letzten Funken Lust auslöschte: Gerade malte ich mir aus, wie Tom und ich uns eng umschlungen auf dem Bett wälzen – und dann: „Nein, Hope, nein!“. Was, wenn Hope zu uns springen würde, mitten im Akt? Haut an Fell. Tom, Hope und ich vereint, umgeben von hundenassem Gestank. Bei der Vorstellung wurde mir speiübel. Das Sex-Date war gelaufen. Hope hatte klar gemacht: Tom und sein Bett gehören ihr. Doch die absurde Krönung des Abends stand noch bevor.

Tom sagte, er habe mir ein Personal Training gegeben, nun könne ich ihm im Gegenzug vielleicht auch mit etwas helfen. Er fuhr seinen Computer hoch und zeigte mir ein Dokument. Es war eine Bewerbung für eine Hundetagesstätte. „Könntest du dir ansehen, ob das korrekt geschrieben ist?“, fragte er mich und erklärte, dass er manchmal noch Fehler mache, wenn er deutsch schreiben müsse.

Falls Hope sich mit einem anderen Hund streite, solle sich die Kita umgehend bei Tom melden

Ich war irritiert, begann aber trotzdem zu lesen. An ein paar Passagen stutzte ich. Tom beschrieb exakt, zu welcher Uhrzeit Hope welchen Snack bekommen solle und dass sie nach dem Essen schlafen müsse. Wenn ich mich richtig erinnere, stand darin sogar, dass ihr Kopf beim Schlafen auf ein Kissen gebettet werden solle, welches er in ihre Tasche packe. Falls Hope sich mit einem anderen Hund streite, solle sich die Kita umgehend bei Tom melden. Ich musste ein Lachen unterdrücken. Ich war für Sex gekommen, aber jetzt schrieb ich eine Bewerbung für die Kita einer verwöhnten Hündin.

Als ich das Dokument fertig bearbeitet hatte, fragte Tom, ob ich noch etwas mit ihm trinken wolle. Aber ich verabschiedete mich. Ich hatte den Eindruck, dass Tom erstaunt war. Vielleicht hatte auch er erwartet, dass wir nach dem Sport Sex haben würden. Für mich kam das aber nicht mehr in Frage.

Auf der Straße atmete ich auf. Frische Luft. Unter anderem Umständen wäre das Date vermutlich besser ausgegangen, Tom war eigentlich ein echt netter Typ. Aber ich war froh, der potentiellen Hunde-Mensch-Affäre im Stinkeapartment entkommen zu sein. Wir schrieben danach noch gelegentlich und ich erfuhr, dass Hope eine gute Zeit in der Kita hatte. Zu einem Treffen kam es aber nicht mehr.

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