Horror-Party: Verloren im Sexkeller

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Wir alle vermissen Partys – und vergessen dabei leicht, dass Feiern nicht immer nur spaßig ist. In dieser Serie erzählen wir deshalb von den schlimmsten Partys, auf denen wir in unserem Leben waren. Viel zu viel Alkohol, grässlich langweilige Verwandte, emotionale Tiefpunkte – es gibt ja viel, das eine Feier vermiesen kann. Falls du selbst von einer schlimmen Party erzählen willst: Schreib uns eine Mail an info@jetzt.de!

Horrorstufe: 9 von 10

Center of Attention: Der dunkle Keller eines Clubs

Trinkverhalten: Nervös betrunken, dann schlagartig angstnüchtern

Der Horror begann mit einer dummen Idee: Ich ging allein feiern. Eigentlich wollte meine Mitbewohnerin Ana mitkommen. Aber statt in ihre Partykluft hatte sie sich spontan in ihr Nachthemd geschmissen. Dann eben ohne sie. Ich war neu in Berlin und partyhungrig. Ich goss mir Pfefferminz-Schnaps ein und prostete meinem Spiegelbild im Küchenfenster zu. Auf mich! Allein feiern hatte etwas Selbstbestimmtes. Mich treiben lassen, neues entdecken, zu jeder Wendung des Abends Ja sagen. Ich ahnte nicht, dass meine Nacht in einem Sexkeller enden würde.

Den Abend startete ich in einer Tanzbar. Ich plauderte unnötig lang mit dem Mann an der Garderobe des Szenelokals  und drückte mich vor der Frage: Was mache ich in einer Bar , in der ich niemanden kenne? Mich lächerlich, wie sich herausstellte. Ich tanzte allein zwischen Fremden und reckte meinen Hals auf der Suche nach attraktiven Männern in alle Richtungen. Ich muss dabei ausgesehen haben wie ein Flamingo, der mit langem Hals durch eine Vogelschar stelzt. Ich trank mir Mut an und ging auf ein paar Männer zu. Fünf um genau zu sein. Genauso viele Körbe kassierte ich. Ich klagte dem Mann an der Garderobe mein Leid. Wenigstens einer, der nicht weglaufen konnte. Er tröstete mich und sagte, ich spräche einfach die falschen Männer an. Auf jeder Party gibt es diesen einen Loser. Und an diesem Abend, das wurde mir immer mehr klar, war das wohl ich. Doch dann kam das eigentliche Problem der Nacht: Janik, so nenne ich ihn hier mal.

Janik war mal auf einer unserer WG-Partys eingeladen und hatte den Ruf, nur auf Sex aus zu sein. Im Club klopfte er auf meine Schulter und sagte: Du hier? So ein Zufall! Ich war nur froh, endlich nicht mehr allein zu sein und war offen für Janiks Vorschlag, weiterzuziehen. In einen Club im westberliner Schwulenviertel. „Na, wenn du da mal dein Shirt anbehalten darfst“, sagte der Mann an der Garderobe, als er mir meine Jacke aushändigte. Ich dachte mir dabei nichts. Treiben lassen. Ja sagen. 

In manchen Clubs gibt es Darkrooms. Das sind – wie der Name sagt – meist dunkle Räume, in denen Menschen möglichst unerkannt und anonym Sex haben können. Der Club, in den ich nun ging, hatte einen ganzen Dark-Keller. Janik nahm meine Hand und zog mich eine Treppe hinab.

Da saß ich nun, allein auf einem Hocker im Sexkeller und las Nachrichten

Man muss sich das so vorstellen: Ein langer Gang, zu beiden Seiten reihen sich Räume mit Türen wie in einem Pferdestall, darin stehen Lederschemel. Die Wände der Ställe klappern. Hier und da Stöhnen. Die Luft ist feucht. Janik führte mich vor eines der Kellerabteile. Darin hatten drei Personen Sex. Janik fragte, ob ich mitmachen wolle. Ne, sagte ich, aber mach ruhig. Ich blieb draußen, während er im Abteil verschwand.

Da saß ich nun, allein auf einem Hocker im Sexkeller und wartete. Vielleicht hätte ich mir da schon eingestehen sollen, dass mein Experiment allein feiern zu gehen, gescheitert war. Ich hatte mir erträumt, bis zum Morgengrauen zu tanzen, mit Fremden Shots zu kippen, von ihren Abenteuern zu hören und gemeinsam ein neues zu erleben. Stattdessen las ich Nachrichten über Politik und Wetter auf meinem Handy.

Meine Handytaschenlampe war mein Patronus-Zauber, der mich vor Grabschern schützte

Doch richtig unangenehm wurde es erst jetzt. Aus dem Dunkeln kam plötzlich ein Mann auf mich zugeschossen. Er packte mich am Oberschenkel. Ich schlug seine Hand weg. „Nein“, sagte ich laut. Der Typ floh wie ein Räuber, auf den jemand einen Scheinwerfer gerichtet hatte.

Mein Herz schlug jetzt schneller. Ich hatte kein Problem mit dem Ort an sich. Er war ja auf Sex und Körperlichkeit ausgelegt. Aber, und vielleicht ist das übertrieben: Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob mich jemand dazu zwingen würde. Es gruselte mich. Ich wollte nur noch weg, wollte aber auch nicht gehen, ohne mich von Janik zu verabschieden. Also leuchtete mit meiner Handytaschenlampe in die Dunkelheit, als wäre das Licht mein Patronus-Zauber, der mich vor Grabschern schützt. Als Janik endlich aus dem Abteil kam, fragte ich, ob zumindest er seinen Spaß hatte. „Nein“, sagte er. Er wirkte abwesend, abgekühlt. Irgendwie tat er mir leid. Doch er versuchte trotzdem, mich noch einmal für einen der Ställe zu begeistern. „Komm du doch jetzt mit“, sagte er. Ich ging nach Hause.

Frühmorgens saß ich in meiner WG und schrieb in mein Tagebuch. „Was für ein scheiß Abend.“ Und: „Ich fühle mich gut.“ Denn ich hatte immerhin Nein gesagt. Nein zu Janik, nein zum allein Feiern, nein zu diesem Horror-Abend.

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