Horror-Schwiegereltern: Der Baggerer

Den Partner oder die Partnerin sucht man sich selbst aus. Die Schwiegereltern dazu leider nicht.
Aus der jetzt-Redaktion*

Illustration: Julia Schubert

Alter zum Zeitpunkt der Beziehung: Beide 19

Beziehungssituation: Zwei Jahre zusammen

Horrorstufe: 6 von 10  

Zu Schulzeiten waren mein Freund Felix und ich das perfekte Paar: Wir hatten ähnliche Interessen (Kunst! Reisen! Literatur!), planten nach dem Abitur eine gemeinsame Reise nach Rom und obendrauf sah Felix auch noch blendend aus.

Dazu schien mir, dass auch unsere Familien in gewisser Weise perfekt ineinander griffen. Wir hatten beide alleinerziehende Eltern – in meinem Fall war es die Mutter, in seinem der Vater. Da Felix‘ Vater allerdings stets in festen Beziehungen war, dachte ich mir zunächst nichts dabei. Stattdessen freute ich mich einfach, dass er und meine Mutter so viele gemeinsame Themen hatten, wenn sie mich bei ihm abholte. Oft gingen wir sogar zu viert essen und waren glücklich, wie gut unsere Eltern sich doch verstanden. Zwar hatte ich registriert, dass Felix‘ Vater meiner Mutter immer wieder mal Unternehmungen zu zweit vorschlug, hatte dies aber stets als „platonisch“ verbucht. Am Ende kam es auch nie zu den Verabredungen, weil meiner Mutter immer was dazwischen kam.

Dass zwischen „gut verstehen“ und „jemanden anbaggern“ ein sehr schmaler Grat liegt, verstand ich erst bei unserem Abiball. Als Paar teilten sich unsere Familien dort natürlich einen Tisch, es wurde getanzt und getrunken. Irgendwann zu späterer Stunde fragte Felix‘ Vater meine Mutter, ob sie nicht mit ihm rausgehen „frische Luft schnappen“ wolle. Da sie tatsächlich Lust hatte, eine zu rauchen, ging sie mit. Und kam ziemlich schnell ziemlich entsetzt wieder:

Felix‘ Vater hatte „miteinander rausgehen“ als „miteinander rummachen“ interpretiert

Offenbar hatte Felix‘ Vater „miteinander rausgehen“ als „miteinander rummachen“ interpretiert und draußen, zwischen parkenden Autos und betrunkenen Abiturienten, sehr unbeholfen versucht, sich an meine Mutter ranzumachen. Sie hatte die Avancen zwar abgewehrt (was genau passiert war, wollte sie mir nie erzählen), der Abend war allerdings im Eimer. Während meine Mutter noch versuchte, an unserem Tisch gute Stimmung zu verbreiten, saß Felix‘ Vater schmollend in der Ecke und pichelte sich einen rein. Er versuchte dann wohl noch, bei ein paar anderen Müttern zu landen, jedoch erfolglos – auch, da die meisten mit ihren Ehemännern und Familien da waren.

Vermutlich wäre das Ganze gar nicht so dramatisch gewesen, hätte dieser Abend nicht auch zwischen Felix und mir zum Zerwürfnis geführt. Während ich das Verhalten seines Vaters unmöglich fand, spielte er es runter. Meine Mutter habe da überreagiert, sein Vater sei einfach höflich gewesen, da sei doch nichts dabei.

Jahre später, als wir längst getrennt waren, sah ich Felix‘ Vater übrigens noch einmal auf der Straße wieder. Er hatte seine neue Freundin dabei – und erkundigte sich direkt nach meiner „lieben Mutter“. Sein Grinsen dabei sagte mir, dass sie da damals bei unserem Abiball definitiv nichts falsch verstanden hatte.

 *Die Mutter der Autorin hat mittlerweile eine neue glückliche Beziehung. Ihre Tochter will sie deshalb nicht an die unliebsame Vergangenheit erinnern.

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