Miteinander wohnen, miteinander schlafen

In der Pandemie schrumpft der Dating-Horizont vom 80-Meter-Tinder-Radius auf die acht Meter bis zur Küche.
Illustration: FDE

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Sie lagen zusammen auf Sophies Balkon, als sie merkten, dass sie nicht mehr nur Mitbewohnerin und Mitbewohner waren. Sommer 2020, Sternschnuppennacht, „voll cheesy“, sagt Kevin heute. Er und Sophie sind per Video-Call zugeschaltet, sie lachen beide. An dem Abend auf dem Balkon schliefen die beiden schon seit ein paar Monaten miteinander, nicht mehr nur Tür an Tür wie die Jahre davor. Aber in diesem Moment habe sich ihre Beziehung plötzlich anders angefühlt, erzählt Sophie. „Das war das erste Mal, dass ich dachte: Oh, daraus könnte ja etwas werden.“ Sie ist 24, er 23, die beiden kennen sich seit der Schulzeit, 2018 sind sie zusammen in eine Wohngemeinschaft gezogen. Doch mit Corona hat sich etwas in ihrer Berliner WG verändert. Seit September sind Sophie und Kevin ein Paar.

Die Pandemie wirft das Liebesleben vieler Menschen durcheinander. Eine Studie einer Dating-Plattform etwa zeigt, dass die meisten Menschen ihre Partner*innen normalerweise über den Freundeskreis oder im Alltag kennenlernen, im Moment fällt das fast komplett weg. Weinselig auf der WG-Party mit Kommiliton*innen knutschen? Verboten. Und nicht jede*r fühlt sich wohl damit, Online-Dates persönlich zu treffen, auch wenn es die Kontaktbeschränkungen zulassen würden. Übrig bleiben dann statt 80 Kilometern Tinder-Radius nur die acht Meter bis zum Kühlschrank. Dadurch gibt es aber auch eine Gruppe Menschen, mit denen wir seit März sehr viel mehr Zeit verbringen: die, mit denen wir zusammenleben.

Und das, erklärt Fabienne Meier, hat Einfluss auf unsere Wahrnehmung: „Dinge, die man häufig sieht, mag man auch mehr.“ Menschen empfinden Dinge oder Personen als schöner und sympathischer, allein dadurch, dass sie sie oft sehen – der sogenannte Mere-Exposure-Effekt. Meier ist Psychologin und ausgebildete Paartherapeutin und forscht an der Uni Zürich zu Paarbeziehungen in stressreichen Lebensphasen. Gemeinsame Zeit und räumliche Nähe, sagt sie, spielten beim Entstehen von Beziehungen eine entscheidende Rolle. „Der größte Grund für enge Freundschaften ist, dass wir nah an diesen Personen dran sind. Und das gilt fürs Verlieben ebenso.“ Ist die Pandemie also ein Beziehungs-Katalysator? Kurzer Lockdown und zack hagelt es in den WGs Corona-Pärchen? „Ich würde davon ausgehen, dass jetzt mehr Mitbewohner*innen miteinander schlafen“, sagt Meier. „Damit mehr daraus wird, muss zwischen den beiden aber auch noch ein bisschen was stimmen.“

Bis Kevin und Sophie feststellten, dass es zwischen ihnen stimmte, dauerte es ein paar Monate. „Es gab auch mal eine Zeit, in der ich mich super unwohl in der WG gefühlt habe“, sagt Sophie. Denn Kevin kiffte viel. Viel zu viel, sagt Sophie. „Ihm war alles egal.“ Dann kam der März und das öffentliche Leben stand still. Die WG blieb unter sich – fast jeder Abend war ein Spieleabend. Für Kevin kam mit dem Homeoffice aber auch die Möglichkeit, noch öfter high zu sein. Als er merkte, dass es so nicht weiterging, hörte er vom einen auf den anderen Tag auf. Und bekam Panikattacken.

„Komm, ich koche dir einen Tee, wir legen uns in mein Bett“

Als die heftiger wurden, musste Kevin ins Krankenhaus. Einmal, erzählt Sophie, sei er morgens um sechs aus der Notaufnahme zurückgekommen und völlig durch den Wind gewesen. „Da habe ich gesagt: Komm, ich koche dir einen Tee, wir legen uns in mein Bett und hören ‚Die drei Fragezeichen‘.“ Als er nochmal in die Notaufnahme musste, fuhr sie mit. Und weil Kevin nachts nicht alleine schlafen konnte, fingen sie an, beieinander zu übernachten. „Irgendwann wurden die Panikattacken besser“, sagt er. „Aber wir haben nicht damit aufgehört, zusammen in einem Bett zu schlafen.“

Anderen nah zu sein, sei eines der Grundbedürfnisse des Menschen, sagt Fabienne Meier. „Ich glaube nicht, dass wir jetzt in der Pandemie mehr Nähe brauchen, wir bekommen nur weniger. Und die konzentriert sich dann auf die wenigen Personen, die wir sehen“, sagt sie. Dadurch, dass es nicht mehr so viele Leute gebe, mit denen man reden und Sex haben kann, bekämen die wenigen Personen um einen herum eine größere Bedeutung.

So wie bei Joshua und Anne. Auch die beiden sind während der Pandemie zusammengekommen. Jetzt sitzen sie in ihrer Mainzer WG-Küche, beide in Jogginghose. Anne ist im September in Joshuas WG gezogen, seit Januar sind die beiden ein Paar. Dabei zog er sich am Anfang noch oft zurück, wenn Anne mit der Mitbewohnerin kochte, da die Küche zu wenig Platz für drei bot und die Stimmung in der Wohnung oft schlecht war. Aber nach einer Weile lernten sie sich besser kennen: Beide studieren von zu Hause aus, die Mitbewohnerin ist selten da. Abends redeten sie stundenlang. Und sie wurden wichtig füreinander.

Nach ein paar Wochen schlief sie zum ersten Mal mit bei ihm im Zimmer, krabbelte morgens nach dem Frühstück nochmal zu ihm ins Bett. „Du warst voll unsicher“, sagt Joshua. „Klar“, sagt Anne. „Eigentlich war es sowieso schon zu viel.“ Denn eigentlich sind die eigenen Mitbewohner*innen tabu – das Internet ist voll von Ratschlägen, dringend die Finger von der eigenen WG zu lassen.  Dahinter steckt ein Haufen Unsicherheiten. Wenn es nicht klappt, muss eine*r ausziehen. Und was sagt eigentlich der Rest der WG dazu? Als sie merkten, dass es ernster wird, sagte Anne deshalb zu Joshua: „Küss mich bloß nicht!“ Ein paar Wochen später küssten sie sich dann doch.

Auch Sophie erzählt von ihren Zweifeln. Ganz am Anfang, als sie und Kevin nur beieinander übernachteten, sprach sie mit ihrer Mitbewohnerin darüber, was wäre, wenn daraus mehr werden sollte. Für „eine superschlechte Idee“ habe ihre Mitbewohnerin das am Anfang gehalten, die auch ihre beste Freundin ist. „Unsere Freundschaft hat sich dadurch schon verändert“, sagt Sophie. „Gefühls- oder Sexsachen tauscht man ja eigentlich gerne mit seiner besten Freundin aus. Wir sprechen da jetzt weniger drüber.“

Total vertraut sei ihre Beziehung, sagt Sophie

Doch nicht nur das ist anders bei einer WG-Beziehung mitten in einer Pandemie. Der größte Unterschied: die viele gemeinsame Zeit. Von Anfang an zusammen leben, arbeiten, studieren. Total vertraut sei ihre Beziehung dadurch, sagt Sophie. Und Kevin: „Wir sind sehr gut darin, viel Zeit miteinander zu verbringen, ohne uns auf den Sack zu gehen.“

Nur: Irgendwann ist Corona vorbei. Dann gibt es wieder die Uni und den Job, Freundeskreise, Sportvereine. Schluss mit durchgängiger Jogginghosen-Zeit zu zweit. „Neu kalibrieren“ müssten die Paare sich dann, sagt Fabienne Meier. So wie sich auch Paare, die schon vor der Pandemie zusammen waren, im März auf die neue Situation einstellen mussten. Sorgen machten sie sich da aber keine, sagen Josh und Anne. Und Sophie und Kevin überlegen, ob sie ein zweites Mal zusammenziehen wollen, wenn alles vorbei ist – ohne weitere Mitbewohner*innen.

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