Dieses Foto-Projekt macht Trennungsschmerz sichtbar

Ein russischer Fotograf hat eingefangen, wie sehr sich viele Menschen während der Pandemie vermissen.
Von Magdalena Pulz
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Fotos: Karman Verdi

Was werden wir nicht alles machen, wenn wir erst einmal wieder richtig frei sind! Reisen, tindern, tanzen, Freund*innen treffen: Wir beschäftigen uns gerade alle viel mit unserer Zukunft. Und doch begleitet uns die Vergangenheit durch die Zeit des Abstandhaltens mehr als wir vielleicht wahrnehmen. Wenn wir uns abends ins Kissen kuscheln, beim Abwasch Tagträumen oder auf dem Balkon rauchen, denken viele an die Menschen, die sie gerade nicht persönlich treffen können. An die intimen Momente, die man in genau dieser Wohnung, an diesem Esstisch, in diesem Bett mit ihnen geteilt hat.

Von diesem Trennungsschmerz handelt auch das Foto-Projekt des Russen Karman Verdi. „There are so many ghosts at my spot“, lautet der Titel der Reihe, die das Gefühl des Vermissens feinfühlig illustriert: „Es gibt so viele Geister an meinem Platz.“ Auf den Bildern sieht man den 30-Jährigen selbst alltägliches in seiner Wohnung verrichten, fernsehen, Kaffee kochen, am Handy hängen. Seine Umgebung ist dabei in warme dunkle Farben getaucht. Heller sind nur die Projektionen von Frauen auf Wände und Laken, die Verdi in dieser nicht-körperlichen Form begleiten: Sie sind da – und irgendwie auch nicht da. Geister eben.

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Verdis Fotos sehen aus, wie sich vermissen anfühlt.

Foto: Karman Verdi
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Egal, was man tut, die andere Person begleiten einen im Kopf.

Foto: Karman Verdi
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Gerade die eigene Wohnung ist oft mit intimen Erinnerungen gefüllt.

Foto: Karman Verdi

An die Seite der Bilder, die Verdi zuerst auf Instagram veröffentlichte, stellte er zudem einen lyrischen Text auf Russisch, in dem es um die ruhigen Stunden in seiner Wohnung geht.

Ich war nicht alleine an dem Abend. Die Luft war etwas schmackhafter und würziger als sonst. Die Menschen gingen in ihren Quarantäne-Winterschlaf, und die seltenen Autos machten ein Geräusch wie die Wellen des Ozeans in der Ferne. Ein Nachbar spielte eine ruhige Melodie auf einer Gitarre, während mein Apartment voller Geister war.

Verdi erzählte gegenüber jetzt via Email, dass er selbst acht Wochen lang  alleine in seiner Wohnung in Moskau in „Selbstisolation“ lebte. Früher hätte er gerne Zeit Zuhause verbracht, jetzt aber sei es „verdammt schwer“ gewesen. Die Ausgangsbeschränkungen sind in Russland besonders streng, erst vor wenigen Tagen wurden sie leicht gelockert. Die Idee zu der Reihe sei ihm während der Zeit in Isolation spontan gekommen. Der 30-Jährige hat zuvor für eine PR-Agentur und im Marketing gearbeitet, jetzt konzentriere er sich nur noch auf seine Fotografie.

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Es sind auch die kleinen Momente, die man in Selbstisolation gerne mit Menschen teilen würde.

Foto: Karman Verdi
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Viele Menschen reagierten berührt auf die Bilder von Verdi.

Foto: Karman Verdi
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Das Ergebnis wirkt zwar stylish, aber strahlt trotzdem Wärme aus.

Foto: Karman Verdi
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Und man fragtsich: Wann werden wir uns wiedersehen?

Foto: Karman Verdi

Die Frauen auf den Bildern sind nicht alles Ex-Flammen des Künstlers, sondern seien zur Hälfte Freundinnen von ihm, andere hätten sich online für das Projekt bei ihm gemeldet. Dort hätte „stürmische“ Reaktionen auf sein Foto-Projekt gegeben, sowohl von Privatpersonen als auch von Medien. Mehr als 50 000 Mal wurden die Bilder auf Instagram geliked und zigfach begeistert kommentiert. Eine Userin schreibt etwa: „Das ist so voller Power. Danke.“ Andere loben das Konzept, aber auch die „poetische Seite“. Verdi selbst schreibt: „Ich dachte nicht, dass ich etwas gemacht habe, worauf niemand zuvor gekommen sei“.

Die Reaktionen zeigen, dass Verdi mit den Bildern viele Menschen berührt hat. „Es ist eine Geschichte über Menschen überall auf der Welt“, schrieb er zu seinen Fotos, „die mehr Kommunikation und menschlichen Kontakt brauchen.“ Vielleicht ist das auch ein Teil der Begeisterung für das Projekt: Zu wissen, dass man in seinem Alleinsein nicht ganz allein ist.

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