Junge Eltern – die neuen Rebellen?

Mit Anfang oder Mitte 20 das erste Kind zu bekommen, gilt oft als viel zu früh – trotzdem entscheiden sich einige dafür.
Von Marie Steffens

Illustration: FDE

Mitte 20, schon verheiratet und zwei Kinder? War das beabsichtigt? Wollt ihr nicht lieber eure Jugend genießen? Sieht so das Leben aus, das ihr euch gewünscht habt? Fragen, die junge Eltern oft hören, auch die in meinem Freundeskreis. Dort gibt es nun schon einige Pärchen, die in ihren 20ern Kinder bekommen haben. Im Gegenzug natürlich aber auch viele, die noch keine Kinder haben und die sich noch nicht oder überhaupt nicht bereit dazu fühlen.

Die meisten wollen erst einmal ihr Studium oder ihre Ausbildung beenden, einen guten Job oder den richtige*n Partner*in finden. Andere sind schon lange in einer festen Beziehung und verspüren den Wunsch, eine Familie zu gründen – sind aber erst Anfang oder Mitte 20. Das findet viele in meinem Umfeld zu früh. Das ist verwunderlich, denn früher waren Frauen und Männer schon viel früher in festen Händen. Ist es heute also andersherum – ist man rebellisch, wenn man gegen die gesellschaftliche Norm verstößt, in dem man früh Kinder bekommt?

Früh Kinder zu bekommen und sich fest zu binden, wird eher als spießig angesehen

Im ersten Moment würde man junge Eltern nicht unbedingt als Rebellen bezeichnen. Früh Kinder zu bekommen und sich fest zu binden, wird eher als spießig angesehen. Es wird unterstellt, dass diese Personen ihre Jugend viel zu früh aufgeben, weil sie nicht mehr feiern gehen oder ihre Träume verwirklichen können. Aus diesem Grund wird es als wünschenswerter angesehen, später Kinder zu bekommen. Laut Eurostat, dem statistischen Amt der EU, sind deutsche Frauen bei ihrer ersten Geburt durchschnittlich 29,6 Jahre alt. Das Alter steigt jedes Jahr ungefähr um anderthalb Monate.

Das hat laut Uta Brehm, Soziologin beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, verschiedene Gründe. Einerseits spielt natürlich die Emanzipation der Frauen eine wichtige Rolle. Viele Frauen wollen erst nach Abschluss ihrer Ausbildung und erfolgreichem Karrierestart Kinder bekommen. Zudem fühlen sich laut Uta Brehm viele Menschen erst mit höherem Alter erwachsen genug, um Eltern zu werden. Das liegt auch an den vielen Möglichkeiten, die das heutige Leben bietet.

Aber auch Beziehungsaspekte sind ausschlaggebend, so Brehm. Viele wollen erst in einer lang anhaltenden Beziehung, mit einer Person, die sich auch bereit dazu fühlt, Kinder bekommen. Die Checkliste, bis der richtige Zeitpunkt erreicht ist, ist lang – die Entscheidung für ein Kind schiebt sich da immer weiter auf. 

„Der Zeitpunkt hat für uns einfach gut gepasst“

Anne-Kathrin Lange, 34, hatte beispielsweise erst mit 32 Jahren den Partner gefunden, mit dem sie sich vorstellen konnte, gemeinsam Kinder zu bekommen. ,,Unsere Lebensumstände schienen zu passen und das Gefühl, reif für Kinder zu sein, wuchs in uns beiden‘‘. Viel jünger hätte sie nicht Mutter werden wollen. ,,Ich habe meine Unabhängigkeit bis Ende 20 sehr genossen und hätte mich nicht früher in eine solche Abhängigkeit begeben wollen‘‘.

Trotzdem gibt es einige Eltern, die sich aktiv für Kinder in einem jungen Alter entscheiden. Katharina Naumann, 27, kennt ihren Partner beispielsweise schon aus der Schulzeit, mit Anfang 20 zogen sie zusammen. Nach einer kurzen Beziehungspause wussten sie schließlich, dass sie zueinander gehörten. Sie heirateten und bekamen ein Jahr später ihr erstes Kind - und das mit 25. ,,Der Zeitpunkt hat für uns einfach gut gepasst. Wir wollten gern ein Kind haben‘‘, so Naumann. Sie selbst war noch im Studium, pausierte für ein Jahr. Nach diesem starteten beide dann auch mit Kind durch: Sie beendete ihr Studium, er arbeitete und absolvierte nebenbei seinen Master. Früh ein Kinder zu bekommen, findet Naumann ganz normal und nicht außergewöhnlich.

Auch Leonie Brunner, 23, hat ihr erstes Kind jung bekommen. Ihr wäre schon immer klar gewesen, dass sie nicht so spät Mutter werden möchte. Ihren Mann lernte sie 2015 auf einer Feier von gemeinsamen Freunden kennen. Zwei Jahre später kam ihr gemeinsames Kind auf die Welt. Ihre Ausbildung als Verkäuferin hatte sie zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlossen. Aus diesem Grund habe sie sich auch für ein Kind bereit gefühlt. Ihr Bekanntenkreis habe es sehr gut aufgenommen: ,,Alle haben sich gefreut und lieben den Kleinen‘‘.

Brunner und Naumann gestalten ihr Leben so, wie sie es wollen. So zeigen sie, dass es ganz egal ist, wann man sich dazu entschließt, eine Familie zu gründen. Vielleicht im frühen, wohlmöglich auch erst im späten Alter. Denn warum sollte man genau mit 30 Jahren die eine Person finden, mit der es passt?

Aber sind sie deshalb schon Rebellen? Macht sie ihr vom Mainstream abweichendes Verhalten zu Aufständischen? Schließlich entziehen sie sich in gewisser Weise der Logik des Karriere-Neoliberalismus. Sie suchen in einer Welt, in der sich immer mehr Menschen erst einmal selbst verwirklichen wollen, ihr Glück in der Familie. Oder liegt es an der jeweiligen Perspektive, ob man das Ganze revolutionär findet? Ist es auf dem Land oder in einer Kleinstadt beispielsweise normaler, früh Kinder zu bekommen, als in der Großstadt? 

„Das Ideal, spätestens mit 30 Jahren Kinder zu bekommen, besteht aber in Ostdeutschland immer noch“

Tatsächlich ist in Metropolen wie in Hamburg und Berlin das Alter bei der Geburt des ersten Kindes ungefähr ein Jahr höher als im bundesdeutschen Durchschnitt. Jedoch bekommen die Menschen auch in Bayern und Baden-Württemberg tendenziell später Kinder. Zwischen Stadt und Land lasse sich deswegen kein Unterschied benennen, sagt Uta Brehm. Zwischen Ost- und Westdeutschland gebe es jedoch sehr wohl Differenzen. „Zwar sind die ostdeutschen Mütter seit der Jahrtausendwende im Mittel nicht mehr deutlich jünger als die westdeutschen Mütter. Das Ideal, spätestens mit 30 Jahren Kinder zu bekommen, besteht aber in Ostdeutschland immer noch. In Westdeutschland zeigt sich eine so klare Altersgrenze nicht.“ Jung Kinder zu bekommen mag somit in einigen Teilen Deutschlands akzeptierter sein als in anderen. Trotzdem sind junge Eltern laut Uta Brehm in Deutschland kein gesellschaftliches Ideal.

Hans Bertram, Seniorprofessor für Soziologie, ist trotzdem vorsichtig, sie aus diesem Grund als Rebellen zu bezeichnen. Es stehe keine gesellschaftliche Haltung dahinter, früh Kinder zu bekommen, sondern persönliche, individuelle Entscheidungen: ,,Private Lebenskontexte, die berufliche Situation, der Partner, Freunde und Familie beeinflussen den Zeitpunkt stark. Wer eine gesicherte berufliche Perspektive hat, entscheidet sie sich in der Regel auch früher für Kinder".

Trotzdem werde die Entscheidung für Kinder natürlich gesamtgesellschaftlich bewertet. Wenn ein Paar früh Kinder bekommt, werde das laut Bertram hinterfragt. Denn viele Menschen würden das Ideal verfolgen eine Familie erst zu gründen, wenn die berufliche Perspektive gesichert ist. ,,Die Vereinbarung von Familie und Beruf fällt vielen 20- bis 30-Jährigen jedoch durch die veränderten Berufsverhältnisse, wie die vermehrte Konkurrenz durch vielfältigere  Ausbildungs- und Studiumsmöglichkeiten, schwer‘‘, so Bertram.

,,Junge Eltern, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen, sind daher ein schönes Beispiel dafür, dass man sein Leben nicht immer nach dem Mainstream ausrichten muss, sondern Glück auch individuell organisieren kann‘‘, sagt Bertram. Sie zeigen einen alternativen Weg auf. Das mag zwar nicht in klassischerweise rebellisch sein, trotzdem gehört Mut dazu seinen Weg zu gehen und schon früh Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu übernehmen.

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