Junge Paare sollten unbedingt zusammenziehen

Denn wer sich das traut, gibt keine Freiheiten auf, sondern gewinnt welche dazu.
Von Magdalena Pulz

Illustration: Julia Schubert

In der Liebe gibt es kein ultimatives Erfolgsrezept. Woran man sich in einer Beziehung   normalerweise so entlanghangelt, sind Binsenweisheiten, die vielleicht nicht für jede Situation in jeder Beziehung zu jeder Zeit gelten – aber auch nicht ganz blöde sind. Etwa: Seid ehrlich miteinander, zeigt euch gegenseitig, dass ihr euch wertschätzt, seid emphatisch dem oder der anderen gegenüber – das kleine Einmaleins von Beziehungen eben.

Nicht alle dieser Mini-Weisheiten stimmen immer, und nicht alle sind bei den Leuten gleich populär. Gerade von den selbsternannten Freigeistern der Millennial-Generation wird eine bestimmte Wahrheit über Beziehungen gar nicht gerne gehört:

Wenn ihr ein Paar seid und das Gefühl habt, es läuft gut: zieht zusammen. Und zwar so schnell wie es geht.

Mit dem oder der Partner*in zusammenziehen, ist für junge Erwachsene oft gleichbedeutend mit dem Ende der Zeit, in der man rumprobieren kann, das Aus der unbeschwerten Rumfick-Jugend. Nach dem Motto: Wer zusammenzieht, hat fortan nur noch auf Brunches abzuhängen, samstags mit dem Hund spazieren zu gehen und Babys zu werfen. Eine gemeinsame Wohnung ist das Versprechen, dass man gemeinsam durch  Ikea spaziert, gemeinsame Tischdecken und Sofakissen auswählt, und überhaupt ganz furchtbar spießig ist.

Bei einer solchen Aussicht will man es als Twenty-Something natürlich erst mal locker angehen, die andere Person so richtig kennenlernen, bloß nicht zu viel „Commitment“ eingehen. Weil da könnte ja auch noch etwas Besseres kommen, und wenn es wahre Liebe ist, muss es auch halten. Und dann kann man ja immer noch zusammenziehen, wenn man dann ein Thirty-Something ist.

Kokolores. So muss es nicht sein – und so soll es auch nicht sein. Die gemeinsame Wohnung ist nicht das Ende der Reise, sondern Teil davon. Und es ist ziemlich cool, die mit jemanden, den man mag, anzugehen. Wenn das WG-Leben schon mit willkürlich zusammengewürfelten Dudes und Dudetten lustig ist – stellt euch vor, wie fein es dann erst ist, mit jemandem, den man wirklich richtig gern mag, die Küche zu teilen.

Ja, eine gemeinsame Wohnung ist der ultimative Test: Passen wir zusammen? Mögen wir uns wirklich? Prickelt es auch im Alltag? Aber ein Test wird auch nicht leichter, je weiter man ihn aufschiebt. Das Restrisiko, dass man sich in einer 24/7-Beziehung gegenseitig nicht mehr so spannend findet, gibt es immer, egal, ob nach einem oder nach sieben Jahren Liebe. Und die Wahrheit ist: Ganz egal, mit wem man zusammenzieht – die Gefahr, dass man auf unüberbrückbare Badputz-Differenzen stößt und wieder auseinanderziehen muss, existiert eh immer. 

Ein bisschen Mut gehört dazu 

Und das ist ok, weil – um jetzt mal oberhyperextra-kitschig zu sein: Das bisschen Mut braucht man eh für die Liebe. Ehrlich damit zu sein, was man braucht und was man geben kann, ist gar nicht so easy. ABER – und das ist das Schöne, wenn man sich jung traut, eine gemeinsame Wohnung zu haben – dann muss man nicht gleich ins kalte Wasser springen und die ganz großen Kämpfe (Klopapier vorne oder hintenrum gerollt) und Kompromisse (wer darf morgens als erstes duschen?) austragen.

Weil: Wer sich mit Anfang-Mitte-Zwanzig zusammen eine Wohnung sucht, hat eher weniger die ultimative Vision davon, wie man sich das perfekte Leben vorstellt. Also gibt es auch nicht so hohe Standards, die erfüllt werden müssen. Mit 23 Jahren sind ja wirklich alle planlos, und das kann mit dem oder der Partner*in auch saulustig und befreiend sein: die ersten Nudelgerichte kochen lernen, herausfinden, welche Biermarke man mag und wo genau die Ekelgrenze bei schmutzigem Geschirr in der Spüle liegt. Ihr könnt die albernsten Poster aufhängen, laut Musik hören und nackt durch die Wohnung rennen. Wenn ihr zusammen Vorhänge kauft, müssen das nicht die geilsten und schönsten sein, sondern die billigen, die am wenigsten hässlich sind. Dieser ganze Das-perfekte-Leben-Quatsch kommt erst später. Zuvor hat man jede Menge Zeit, sich richtig auszuleben. Und zwar zusammen.

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