„Wie aus Reflex fallen wir uns noch in der Tür in die Arme“

Unser Autor wurde verlassen und versucht darüber hinwegzukommen. Folge drei: das erste Wiedersehen.
Von anonym*

Das erste Wiedersehen nach einer Trennung ist immer besonders hart.

Illustration: Pia Wermuth

Eine Trennung ist wie der Tod eines geliebten Menschen, sagen die einen. Eine Trennung ist wie ein Wiedergeburt, die anderen. Unserem Autor ist nur eins klar: Seine aktuelle Trennung ist weder das eine noch das andere, sondern einfach das überfordernste Gefühl, das ihm in seinen 25 Lebensjahren widerfahren ist. Also schreibt er darüber. Soll ja angeblich helfen. 

Das Praktische an einer digitalen Trennung ist, dass man sich nicht nochmal sehen muss. Das Problem ist, dass Beziehungen ab einer gewissen Intensität danach verlangen. Obwohl man bereits alles gesagt, beziehungsweise geschrieben hat, will man es nicht einfach so stehen lassen. Man will den anderen noch einmal ansehen, noch einmal weinen, sich noch einmal umarmen, die letzten Hoffnungen an der Finalität des letzten Kusses zerschellen sehen. Vielleicht ein letzter Blick über die Schulter – obwohl man eine U-Bahn-Station voneinander entfernt wohnt und, wenn es blöd läuft, morgen schon wieder beim Bäcker nebeneinander steht.

Ohne jetzt mehr als eine Trennung via Telefon erlebt zu haben, würde ich sagen, dass der ideale Zeitpunkt für das Wiedersehen zwei bis drei Tage danach ist. Nicht gleich am nächsten, da ist alles noch zu frisch und überhaupt, warum sich dann nicht gleich in persona trennen? Außerdem bekommt man am Tag danach oft doch kalte Füße, lässt die Trennung wie einen üblen Streit hinter sich und ist wieder zusammen. Nein, der Sweetspot liegt zwar so nah an der Trennung, dass die Hoffnung noch lebt, dass es doch noch nicht vorbei ist – aber doch so weit weg, dass man schon so viel darüber nachgedacht hat, dass man auf keinen Fall weitermachen kann wie vorher.

In keinem Fall ist der perfekte Zeitpunkt zwei Wochen später – wie es bei Lisa und mir der Fall war. In diesen zwei Wochen hat man schon mit Freunden und Familie gesprochen, hat sich betrunken, hat gezweifelt, geweint – und dann weitergemacht. Man musste einkaufen gehen, musste Wäsche waschen, musste in die Arbeit. Kurz: Musste das Schicksal ein wenig akzeptieren. Wenn auch widerwillig. Nach zwei Wochen fühlt sich das Wiedersehen mit der Ex an wie das unnötig verfrühte Abreißen eines Pflasters von einer Wunde. Die ist noch weit entfernt von geheilt, hat sich mit dem Pflaster aber gerade abgefunden.

Dass es bei uns so lange mit dem Wiedersehen gedauert hat, lag an beiden. Zuerst bin ich quasi zeitgleich mit dem Ende krank geworden, so richtig mit Fieber und allem. Die restliche Verzögerung schiebe ich ihr zu. Erst hatte sie keinen Nerv und dann wurde auch sie krank. Wenn ich eines aus den letzten Wochen mitnehme, dann Folgendes: Es ist keine besonders kluge Idee, der Frau, die sich gerade von dir getrennt hat, per Ferndiagnose zu unterstellen, sie wäre doch gar nicht so krank. Es folgte ein Fest für jeden Mobilfunkanbieter mit dutzenden Anrufen hin und her und vorsätzlichem Ignorieren zahlreicher Mailbox-Nachrichten. In den zwei Jahren zusammen bin ich wahrscheinlich nicht so angeschrien worden. So entstand einer der heftigsten Streits der ganzen Beziehung – und das etwas mehr als eine Woche nach ihrem Ende.

Nachdem das ausgestanden war, wurde „endlich“ ein Termin für das Wiedersehen gefunden. Die Trennung, eine Ausgeburt an Resignation, danach der größte Streit, und jetzt?

Ein Teil von mir will mit ihr abrechnen, aber ich spüre auch, wie mir dafür die Energie fehlt

Jetzt wandere ich wie ferngesteuert durch ihre Straße. In meinem Kopf überlagern sich Gedankenspiele, wie das gleich ablaufen könnte, mit Flashbacks aus unserer gemeinsamen Zeit. Die Umgebung schreit mich förmlich an: „Schau hin, es war doch so gut!“ Nur sonnige Erinnerungen. Wie ich am Sonntag beim Bäcker unsere klassische Bestellung aufgebe. Der Blumenladen, wo ich am Anfang komplett beraten werden musste und am Ende Sträuße nach der jeweiligen Tagesstimmung zusammengestellt habe. Der gemeinsame Weg zum Fluß.

Als ich den Innenhof von Lisas Haus erreicht habe, keimt komischerweise trotzdem keine Hoffnung in mir auf. Klar, mein Herz rast und ich habe sogar ein bisschen Angst, die Treppen zu ihr hoch zu steigen. Aber ich will sie nicht zurück. Ich will ein paar Dinge sagen, die über SMS und Telefon nicht gepasst hätten, ein paar Vorwürfe formulieren. „Begreifst du eigentlich, wie gut wir es hatten? Was für eine Liebe du da gerade wegwirfst?“ Ein Teil von mir will mit ihr abrechnen, aber ich spüre auch, wie mir dafür ein bisschen die Energie fehlt. Also stapfe ich mit letzter Kraft in ihre Wohnung hoch. Was dann folgt, ist die lächerlich versöhnlichste, liebevollste Post-Trennungs-Trennung, von der ich je gehört habe.

Wie aus Reflex fallen wir uns noch in der Tür in die Arme, ganz offensichtlich froh, den anderen in der Nähe zu wissen – wenn nicht seelisch, dann zumindest körperlich. Sie vergräbt ihr Gesicht zwischen meiner Schulter und meinem Hals. Ich genieße es, durch die Wohnung zu laufen, in der ich in den letzten zwei Jahren so oft war, dass mein Mitbewohner für diesen Zeitraum wohl eines der günstigsten Mietverhältnisse aller Zeiten hatte. Ihr Zimmer ist unpassenderweise immer noch der Mittelpunkt meines Seelenfriedens. Niemand sagt etwas Falsches, weil eigentlich ohnehin keiner irgendetwas von Inhalt sagt. Zwischendurch landen wir fast im Bett, der körperlichen Anziehungskraft hat wohl niemand Bescheid gesagt, dass Schluss ist. Aber auch hier fehlt uns beiden die Kraft, es wirklich durchzuziehen. Die letzten Wochen haben an allem gezehrt, warum nicht auch an der Libido? Nach längeren Küssen sitzen wir wie zwei Teenager auf ihrer Bettkante, aufgewühlt, unsicher lächelnd, aus dem Fenster starrend, wissend: Auch dieser Moment ist jetzt vorbei.

Ganz kurz flackern Selbstzweifel auf, hat sie gerade gewonnen?

Dann der nächste Anflug von Wehmut, als wir uns gegenseitig unsere Sachen übergeben. Achja, das Praktische an einer Trennung mit zwei Wochen Verspätung ist unter anderem, dass man es gleich mit der „Hier ist dein ganzer Scheiß“-Station verbinden kann. Irgendwie aber auch traurig, dass man so eine Beziehung in zwei Jutebeuteln abwickeln kann. Andererseits bleiben die entscheidenden Details erstmal eh wie und wo sie sind. Ihre XXL-Pullis, die irgendwann aus Fashion-Gründen in meinen Besitz übergegangen sind. Gleiches gilt für meine Hemden bei ihr. Lisas Foto auf meinem Fensterbrett. Meine Kette an ihrem Handgelenk. Gegenseitige Mitbringsel aus Urlauben ohne den Anderen und Relikte von den gemeinsamen Ausflügen.

Die letzte lange Umarmung, der letzte Kuss leiten das Ende vom Ende ein. Ich fühle mich aufgelöst, aber nicht mal schlecht. Fast ein bisschen erleichtert darüber, wie erwachsen wir das gehandelt haben. Ich habe zwar nicht die Dinge gesagt, die ich vorformuliert hatte, aber ist wahrscheinlich besser so. Hätte ja auch nichts geändert. Ganz kurz flackern Selbstzweifel auf, hat sie gerade gewonnen? Ist ihr Game-Plan aufgegangen, nicht meiner? Aber spätestens im Flur sind wir wieder im Reinen. Ihr Mitbewohner kommt aus seinem Zimmer, Witze à la „Ja egal, dann kommst du halt nur noch zum FIFA-Spielen vorbei“ werden gemacht, allgemeines Gelächter. Vor lauter Heiterkeit vergesse ich sogar meinen dramatischen letzten Blick über die Schulter. Hätte mir jemand gesagt, welche Ohnmacht mich zuhause erwartet, hätte ich mich schon gern noch mal umgeschaut.

* Unser Autor möchte lieber anonym bleiben. Vermutlich werden es einige Bekannte trotzdem bemerken, aber damit kann er leben. Seine Ex-Freundin auch, wenngleich sie nicht glaubt, dass ihre Trennung jemanden interessiert. Vielleicht hat sie recht.