cover kleinermann jdirmeitis
Foto: jdirmeitis/photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Meine Mutter briefte mich damals genau, worauf es bei einem Mann ankommt. Erstens: Er muss dich mehr lieben als du ihn. Zweitens: Er muss im Restaurant die Rechnung bezahlen. Drittens: Er muss größer sein als du. Und während ich Erstens und Zweitens schnell als antifeministischen Bullshit identifizierte und von meiner imaginären Kriterienliste verbannte, blieb Körpergröße für mich ein entscheidender Faktor. Schließlich konnte man Größe genau so wie Haarfarbe oder Körperbau guten Gewissens unter „persönliche Präferenzen“ verbuchen, ohne sich weiter Gedanken über Rollenklischees zu machen. Und so datete oder liebte ich jahrelang Typen, die dunkelhaarig, schlank – und eben groß – waren. Am besten mindestens einen halben Kopf größer als ich.

Mit meinen 1,68 liege ich nur drei Zentimeter über der deutschen Durchschnittsgöße für Frauen. Männer sind im Durchschnitt 1,78. Dass ein Typ also größer ist als ich, ist schon rein statistisch gesehen sehr viel wahrscheinlicher, als auf jemanden zu treffen, der mir in seiner Größe gleicht oder meine sogar unterschreitet. Und wo die Statistik mir das Gegenteil beweisen wollte, habe ich sie einfach ignoriert. Kleine Männer prallten an meiner persönlichen Filterblase einfach ab, egal wie schön, klug oder charismatisch sie waren.

„Großer Mann – kleine Frau“ ist genau so gesellschaftliche Norm wie „älterer Mann – jüngere Frau“. Alles, was davon abweicht, finden wir oft merkwürdig – oder zumindest für uns selbst nicht vorstellbar. Mit diesem Verhalten stehe ich übrigens nicht allein. Studien haben nachgewiesen, dass Frauen für sich selbst tatsächlich größere Partner bevorzugen. Die von den Forschern gemutmaßten Gründe dafür lesen sich wie eine Checkliste aus der Steinzeit: Wir Weibchen fühlen uns von großen Männchen besser beschützt. Außerdem steht körperliche Größe für Gesundheit, guten Genpool und Status. Und obwohl ich evolutionsbiologische Theorien gern mit Vorsicht genieße, weil gesellschaftliche Normen oft einen völlig anderen Hintergrund haben, gibt es hier ein spannendes Detail: Denn die Forscher stellten fest, dass beim von Frauen präferierten Größenunterschied auch die Veranlagung zur Dominanz eine Rolle spielt. Konkret bedeutet das, dass dominante Frauen einen geringeren Größenunterschied bevorzugen als zurückhaltendere. Ist ja auch irgendwie einleuchtend: Wer für sich selbst einstehen kann, verzehrt sich nicht unbedingt nach einem gigantischen Beschützer. Sondern zückt im Notfall selbst den Baseballschläger.

Ich jedenfalls wollte eine ganze Dekade lang nichts als zu meinem Partner aufschauen. Bis ich Hasan traf. Er behauptete, zwei Zentimeter größer zu sein als ich, aber ich glaube, er zählte seine abstehenden Locken auf seine nicht besonders ausgeprägte Körpergröße einfach oben drauf. Wie er es durch meine Filterblase hindurch geschafft hatte, kann ich bis jetzt nicht sagen. Vielleicht hatte er mich einfach in einer seltsamen Phase in meinem Leben getroffen. Einer, in der ich mich plötzlich so fühlte, als könnte ich einen Baseballschläger halten. Vielleicht aber kam das Gefühl auch erst mit ihm. Hasan blieb zwar nicht lange, aber immerhin lange genug, damit sich mein Bedürfnis nach Kopf-in-den-Nacken für immer verabschieden konnte. Seitdem schaue ich nicht mehr auf, sondern agiere auf Augenhöhe. Und manchmal wende ich meinen Blick sogar hinab.

Und weil ich großartige Erfahrungen so gerne teile, kommen hier alle Vorteile, die gleichgroße Männer so mit sich bringen:

Passgenaue Körper

Dem großen Mann muss ich mich umständlich entgegenrecken, will ich ihm in die Augen sehen oder ihn gar auf den Mund küssen. Manchmal müssen sogar die Zehenspitzen dafür her. Nicht so beim Mann auf Augenhöhe: Entspannt finden sich unsere Münder wie von selbst, und auch unsere Blicke ohne Umschweife. Gehen wir Hand in Hand durch die Straßen, fühle ich mich nicht wie damals als Kind mit meinem Vater – hinter langen, natürlich viel zu schnellen Beinen herhastend, die Hand in Richtung Große-Hand-da-oben angewinkelt. Sondern laufe in unserem gemeinsamen Tempo. Ungekannte Zärtlichkeiten werden mit einem Mal möglich: Nackenküsse im Vorbeigehen oder welche auf Stirn und Scheitel. Beiderseitig den Kopf auf der Schulter des Anderen ablegen. Oder Becken an Becken pressen statt Becken an Bauch. Man muss es als Frau noch nie selbst erlebt haben, um zu ahnen, dass eine Erektion zwischen den Beinen tausend Mal heißer ist, als sie an den Bauchnabel gedrückt zu bekommen. Und will man sich küssen, während die Unterleiber ineinander verkeilt sind, oder sucht nach weitab gelegenen Körperteilen – null Problemo, alles in Griffweite. 

Gleichbleibend gute Penisse

Großer Mann = großer Penis – wem ist dieser Gedanke nicht gekommen? Ist ja auch naheliegend, schließlich müssten die Gliedmaßen (hihi) auch irgendwie in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Was sie aber nicht tun. Zumindest nicht, was Penisse angeht. Die unterscheiden in ihrer Größe nämlich absolut nicht zwischen großen und kleinen Besitzern. Sondern wachsen einfach so, wie sie wollen. Oder eben die Genetik es ihnen vorgibt. Ich kenne gigantische Männer mit kleinen Penissen genau so wie winzige Männer mit riesigen Dingern. Da kann man dann nicht Nasen oder Hände für verantwortlich machen. Die Dinger sind, wie sie sind. Wenn man also untenrum auf Volumen steht, darf die Gesamthöhe kein Ausschlusskriterium sein. Ganz im Gegenteil: Bei kleineren Männern wirken selbst Mini-Penisse im Verhältnis zum Rest des Körpers sogar größer als es bei Hünen der Fall ist. Das bleibt dann zwar am Ende nur eine optische Täuschung – doch wer von uns behauptet, Optik spiele so gar keine Rolle, der lügt sich nur selbst was in die Tasche.

Beziehung auf Augenhöhe

Ob wir wollen oder nicht: Größenunterschiede bestimmen unsere Beziehungsdynamik maßgeblich mit. Schaut jemand auf mich herab, fühlt er sich automatisch in der überlegenen Position, und umgekehrt fühle ich mich klein, muss ich zu jemandem hochgucken. Natürlich lässt sich dieser Mechanismus aushebeln, arbeitet man aktiv dagegen an. Doch wenn der Größenunterschied ein marginaler ist, fällt diese Art von Beziehungsarbeit von vornherein flach. Es ist ja auch nicht so, als ob man sonst nix zu tun hätte. Stattdessen setzt etwas ein, das ich gern „Komplizenfeeling“ nenne: Bewegen wir uns körperlich auf einer Ebene, sehen wir uns auch anderweitig eher als Verbündete, die gemeinsame Sache machen. Da gibt es kein Oben und kein Unten, sondern Hand in Hand und auf gleicher Augenhöhe.

Und wenn das eine Erfahrung ist, die nur wenige Frauen in ihrem Leben machen, dann erleben sie eins noch viel seltener: wie es ist, mit einem Mann zusammen zu sein, der kleiner ist als sie selbst. Nicht, dass ich weibliche Überlegenheit grundsätzlich für erstrebenswert halten würde. Aber meist sind die Resultate von kurzzeitiger Machtumkehr überaus fruchtbar. Im Idealfall entdeckt man nämlich völlig neue Facetten seiner Selbst – und erlangt so Stück für Stück mehr Freiheit. Auch von „persönlichen“ Präferenzen. Denn dass die letztendlich immer Produkt unserer Sozialisation sind – das brauche ich niemandem mehr zu erzählen.

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