Anglizismen sind besser als ihr Ruf

Illustration: FDE

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Wenn sich jemand aus dem Nichts und ohne ersichtlichen Grund bei einem meldet, finde ich das ziemlich random. Und wenn der Inhalt dieser Nachricht seltsam bis gruselig ist, lautet meine erste Reaktion: creepy! Englische Begriffe sind schon lange fester Bestandteil meiner Sprache. Doch so sehr ich mich über jeden Anglizismus freue, der eine Lücke in der deutschen Sprache füllt, so sehr habe ich immer wieder das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen. 

Warum sprechen wir kein Deutsch mehr?“, heißt es etwa in Artikeln über Anglizismen. Besonders grauhaarige Herren greifen bei diesem Thema zu drastischen Formulierungen, etwa der österreichische Archivar Ferry Paur: „Wenn man eine Kultur zerstören will, so zerstöre man zuerst ihre Sprache.“ Aus Sicht der Anglizismus-Gegner*innen scheinen englische Begriffe den deutschen Sprachraum wie Fallout zu überziehen – Entschuldigung, wie radioaktiver Niederschlag. Auf Twitter sammelten Nutzer*innen zuletzt die „schlimmsten Anglizismen“. „‚Top‘. Geht gar nicht“, ist in dem Thread zu lesen. Oder: „Bekomme augenblicklich Ausschlag, wenn jemand ‚Learnings‘ aus etwas ziehen möchte.“ Nur wenige trauen sich da zu sagen, dass sie Begriffe wie „todesnice“ „eigentlich ziemlich geil“ finden.

Viele Anglizismen drücken etwas aus, das die deutsche Sprache einfach nicht hinbekommt

Dabei sind viele englische Begriffe und Redewendungen wirklich viel zu nice, um sie aus unserer Sprache zu verbannen. Vor allem, wenn sie etwas ausdrücken, wofür es schlicht keine passende deutsche Formulierung gibt. Nachdem ich die Serie „Working Moms“ gesehen hatte, ging mir zum Beispiel ein Satz nicht mehr aus dem Kopf, der in vielen Situationen einfach perfekt passte: „This is not helping.“ Die Protagonistin sagte diesen Satz ziemlich oft. Etwa, wenn sie in einer ausweglosen Situation einen unangebrachten Ratschlag bekam. Jedes Mal, wenn mir selbst dieser Satz auf der Zunge lag, überlegte ich, wie er sich elegant und ähnlich lustig übersetzen lässt. Nicht hilfreich? Das hilft nicht? Bringt das Gefühl beides nicht richtig rüber. Also musste mein Umfeld eine Weile mit diesem englischen Spruch leben. 

Während meines Studiums ist das mit den Anglizismen etwas eskaliert. Unter uns Kommiliton*innen war es ein mehr oder weniger offener – und ziemlich kreativer – Wettstreit, im Gespräch möglichst viele englische Begriffe unterzubringen. Ganz ironisch natürlich. Was für Außenstehende wohl eher befremdlich war, brachte uns noch enger zusammen und viele Situationen auf den Punkt. „Sad“, „awkward“ oder „nice“ lautet bis heute oft mein Kommentar in Konferenzen oder Gesprächen mit Freund*innen. 

Viele englische Begriffe drücken etwas aus, das die deutsche Sprache so einfach nicht hinbekommt: „hustle“, „hangry“, „droppen“, „struggle“ oder „cringe“ zum Beispiel. Apropos „cringe“: Es ist nicht so, als hätte ich nie Cringe-Momente, wenn ich Anglizismen im deutschen Sprachalltag höre. Meistens kommen diese aus meiner Sicht cringy Begriffe aus einem mir fremden Bereich: der Unternehmenswelt. Da setzen Menschen in Calls Benchmarks, überlegen, wie sie ihre Message am besten languagen oder ob ihr Output on brand ist. Manchmal schaffen es solche Begriffe auch in meine Blase. Neulich schrieb etwa jemand bei einem Jobangebot auf Facebook, man könne dafür auch „abroad“ arbeiten. Albern wird es aus meiner Sicht dann, wenn englische Begriffe keinen Mehrwert bieten und man sie nur nutzt, um die Zugehörigkeit zur eigenen Berufswelt oder der gesellschaftlichen Business Class zu betonen – ganz unironisch. Oder um zu überdecken, dass das, was man zu sagen hat, gar nicht so life-changing ist, wie es klingt.

Manchmal sind andere Sprachen einfach flexibler, knackiger oder massentauglicher

Dass man sich bei einer anderen Sprache bedienen kann, um etwas zu benennen, das man in der eigenen nicht angemessen ausdrücken kann, finde ich dagegen ziemlich großartig. Und das gilt natürlich nicht nur für die englische Sprache. Bei dem italienischen Ausruf „Allora!“ geht mir zum Beispiel jedes Mal das Herz auf und lässt ein bisschen sizilianische Sonne rein. Ersetzen lässt sich „Allora!“ am ehesten mit dem schwäbischen „Sodele!“. Und Schwäbisch gilt bei vielen deutschsprachigen Menschen ja auch als Fremdsprache. (Die hält übrigens noch mehr tolle Wörter bereit, auf die dialektlose Menschen nur neidisch sein können: „Käpsele“ zum Beispiel, was so viel bedeutet wie „kluges Köpfchen“.) Und manchmal sind andere Sprachen einfach flexibler, knackiger oder massentauglicher. Siehe Corona-Pandemie: Lockdown, Cluster, Superspreader, Social Distancing ...

Vielleicht versöhnt es ja manche, die sich um die Reinheit der deutschen Sprache gebracht fühlen, daran zu erinnern, dass englischsprachige Menschen sich auch gerne mal deutsche Wörter ausleihen: „Weltschmerz“, „Schadenfreude“ oder „Hinterland“ zum Beispiel. Tolle Wörter sollten einfach allen gehören. Und die deutsche Sprache hat davon definitiv auch einige zu bieten.

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