Ist das etwa unsere Zukunft?

Unsere Autorin fürchtet sich vor ihrer Zukunft, wenn sie sich die Katastrophe im Jetzt anschaut.
Fotos: David Young/picture alliance/dpa / Jürgen Fälchle/adobeStock / Collage: jetzt

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Vor ein paar Tagen fuhr ich während des Starkregens zweimal mit der Bahn über die Deutzer Brücke in Köln. Einmal morgens, einmal nachmittags. In den wenigen Stunden dazwischen stieg der Pegel am Rhein so hoch an, dass man die Rheintreppen nicht mehr sehen konnte. „Haha schaut mal, Köln wird überflutet“, schrieb ich an Freund*innen. Tatsächlich stand Köln zu dem Zeitpunkt schon unter Wasser: U-Bahn-Stationen waren nicht mehr betretbar und tausende Keller und Badezimmer überschwemmt. Hochwasser eben, dachte ich mir. Wie schlimm die Folgen des Starkregens in den umgebenden Regionen und in der Eifel geworden waren – und welche schrecklichen Folgen das für die Menschen dort hatte –, das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Mittlerweile kommt mir das Leben im Westen Deutschlands surreal vor. Jeden Tag wache ich auf und lese neue Meldungen zum Hochwasser: Zwischenzeitlich ging man von mehr als 1000 Vermissten aus, mehr als 150 Personen sind bereits gestorben, Häuser eingestürzt, ganze Existenzen wurden einfach weggespült. Auch der Süden und Osten Deutschlands sind nun stark betroffen. 

Meine anfängliche Gelassenheit war schnell dahin. Was hier gerade passiert, macht mir und vielen meiner Freund*innen in NRW richtig Angst. Wir fragen uns: Werden solche Katastrophen unsere Zukunft sein? Vor Naturkatastrophen kann man sich nur bedingt schützen, wir sind im Grunde machtlos. Und neben der Angst ist da noch ein anderes Gefühl: Wut.

Expert*innen zufolge kann der extreme Niederschlag mit den Folgen des Klimawandels in Verbindung gebracht werden. Gegenüber der SZ sagte beispielsweise Carl-Friedrich Schleußner, Klimaforscher an der Humboldt-Universität Berlin: „Im Jahre 2021 stellt sich nicht mehr die Frage, ob der Klimawandel dazu beigetragen hat. Die Frage ist nur noch, wie viel.“ Klar ist: Die weltweit steigenden Temperaturen erhöhen das Risiko für derart extreme Wetterereignisse. 

Irgendwie hat man es zwar gewusst, jetzt ist aber trotzdem alles anders

Dass es sich nicht um ein normales Unwetter, sondern um eine wirkliche Naturkatastrophe handelt, habe ich erst am Donnerstagmorgen verstanden. „Hier wurde ein Kind gefunden, einfach ertrunken im Keller“, berichtete mir eine Freundin in einer Sprachnotiz. Sie hat ein Pferd auf einem Hof im Bergischen Land, also in der engeren Umgebung von Köln. „Die Besitzer des Hofs haben vier große Wiesen verloren, die Straßen sind nicht mehr befahrbar. Und es ist alles voller ausgelaufenem Heizungsöl. Das ist so eine Umweltkatastrophe“, sagte sie. 

Jahrzehntelang haben uns Wissenschaftler*innen vor den Auswirkungen der Klimakrise gewarnt, Aktivist*innen von Fridays for Future gingen jede Woche auf die Straße, um darauf aufmerksam zu machen. Auf Auswirkungen, die nicht nur hunderte oder tausende Kilometer weit entfernt Inseln verwüsten oder Wälder verbrennen lassen. Naturkatastrophen in fernen Ländern gehören für uns traurigerweise fast schon zur Normalität. Die aktuelle Hochwasserkatastrophe zeigt: Auch wir in Deutschland bekommen die Auswirkungen unmittelbar zu spüren. „Seit drei Tagen fahren alle fünf Minuten Feuerwehr und Rettungswagen an uns vorbei“, erzählt mir eine Freundin über Whatsapp. 

Sich machtlos fühlen – bleibt das für immer?

Aktuell gibt es bei uns kaum ein anderes Thema, durchgehend schicken wir uns neue schreckliche Meldungen, Warnungen und überlegen, ob wir Personen kennen, die in Gefahr sein könnten. „Eine Arbeitskollegin ist mit Wasser an ihren Füßen morgens aufgewacht – sie hat nur noch ihre Tiere gepackt und sich in Sicherheit gebracht. Ich kann das wirklich nicht begreifen, wie sehr uns das trifft“, wird mir mit zittriger Stimme in einer Sprachnachricht erzählt.

Ich bin dankbar, weil ich von den Fluten verschont geblieben bin. Das ist Glück: Auf Social Media erkenne ich in zahlreichen Videos meine unmittelbare Umgebung wieder, was mich jedes mal erschrecken lässt. Insbesondere auf Tiktok posten viele Aufnahmen der Fluten. Autos, Gebäude, Straßen – einfach von den Wassermassen mitgerissen. Geflutete Ortschaften erinnern an eine groteske, schmutzige Version von Venedig. Viele Kommentare spiegeln wider, wie machtlos junge Menschen sich angesichts der Aufnahmen fühlen und wie tief der Schock sitzt, solchen Gefahren künftig viel öfter ausgesetzt zu sein. 

Szenen, die man eher aus Apokalypse-Filmen kennt, spielen sich nun in der Eifel ab. Es ist, als hätte uns eine Realität eingeholt, die viele – mitunter auch junge Menschen – verdrängt haben. Ich habe lange gedacht, dass ich in Deutschland sicher sei. Mit Dürren und Rekordtemperaturen im Sommer habe ich zwar gerechnet, aber nie realisiert, dass mein Leben so schnell in Gefahr geraten könnte. Natürlich habe ich rational verstanden, wie ernst die Lage ist. Ich habe meine Ernährungsweise geändert, versuche Plastik zu vermeiden und ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit bei Familie und Freund*innen zu schaffen. Jetzt aber quält mich der Gedanke, was eigentlich noch helfen soll, wenn wir zukünftig regelmäßig mit Naturkatastrophen konfrontiert werden, die Menschenleben zerstören. Wir haben nicht den Hauch einer Chance gegen solche Ereignisse. 

Wer deutlich weniger machtlos wäre, das sind die Politiker*innen. In den Medien ist die Rede von einem „Jahrhunderthochwasser“, aber genau so wurde auch über die Hochwasser 2002 und teilweise 2013 gesprochen. Es wirkt, als müssten wir uns mit Hochwasserkatastrophen, die alle paar Jahre Rekorde sprengen, anfreunden. Allein diese Bezeichnungen fühlen sich bizarr an. Noch bizarrer ist es, dass genau aus den erwähnten Gründen zahlreiche politische Akteure diese Katastrophe hätten verhindern können.

Die Zukunft unserer Generation beginnt jetzt

Stattdessen verhindert Armin Laschet, NRWs amtierender Ministerpräsident und CDU-Kanzlerkandidat, den Ausbau von Windenergie und wundert sich 2019 in der Talkshow „Anne Will“, dass „aus irgendeinem Grund [...] das Klimathema plötzlich zu einem weltweiten Thema geworden“ ist. Am 15. Juli, also mitten in der Krisensituation, sagt Laschet in der Sendung „Aktuelle Stunde einen Satz, der fassungslos macht: „Weil jetzt so ein Tag ist, ändert man nicht die Politik.“ Stimmt, man hätte die Politik nämlich schon viel früher ändern müssen.

Wofür sitzen Politiker*innen denn in einer Landesregierung, wenn eine Naturkatastrophe, die zukünftiges Leid jetzt schon spürbar macht, nicht der Auslöser dafür ist, „die Politik zu ändern“? Warum wollen diese Politiker*innen in die Bundesregierung, wenn sie nicht bereit sind, eine sichere Lebensgrundlage für die jetzigen und späteren Generationen zu schaffen? Gerade wir jungen Menschen wurden durch die Hochwasserkatastrophe einmal mehr belehrt, dass unsere Sicherheit nicht mehr selbstverständlich ist. Eigentlich sehen wir täglich, wie tödlich die Klimakrise sein kann – und dass uns wahrscheinlich noch Schlimmeres bevorsteht. Solange nicht endlich gehandelt wird, fühlen wir jungen Menschen uns alleine mit dieser unheimlichen Zukunftsperspektive. Eine Zukunft, die für uns länger ist als für die Politiker*innen an der Macht. 

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