Alkohol trinken war mein einziges Hobby

Seit einem halben Jahr trinkt unsere Autorin gar keinen Alkohol mehr.
Foto: Annatamila / Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

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Habt ihr schon mal über euren Alkoholkonsum nachgedacht? Ich nicht. Höchstens an einem der Sonntage, an denen ich super verkatert im Bett lag und sich mein Magen beim Gedanken an Pfeffi umdrehte. Da habe ich manchmal die Faust geballt, sie in den Himmel gestreckt, „Nie wieder Schnaps!“ proklamiert, um dann nach einem Stück kalter Pizza neben meinem Bett zu fischen. Zum Prosecco am nächsten Freitagabend habe ich dann aber nicht nein gesagt. Ich mein, wer sagt schon nein zu Prosecco ... Come on.   

Außerdem mache ich mit fast 30 nicht mehr die Art Druckbetankung, die normal war, als man gerade frisch 18 geworden ist. Wenn Freunde einem begeistert ins Ohr lallen, dass sie „schon sooo betrunken“ sind und man selbst panisch realisiert, dass man noch nicht doppelt sieht. Dann wird der Wodka Bull weg geext und mit Tequila nachgespült (Bäh.) Hauptsache, man geht nicht nüchtern in den Club. Nee, jetzt weicht man Freitagabend nach der Arbeit den betrunkenen Teenies auf der Straße aus (haha, die Jugend!) und trifft sich ganz entspannt und gemütlich auf eine Flasche Vino. Drei Flaschen später torkelt man dann selbst heim.   

Ach, das Leben im Rausch! Wer liebt es nicht, morgens mit verklebten Augen aufzuwachen, eine Haarpracht auf dem Kopf sitzend, die das gemütliche neue Zuhause eines Vogels sein könnte, und der stolzen Realisation, dass man über Nacht einen Pelz über die Zähne gezüchtet hat?  

Alkohol war immer fester Bestandteil meines (sozialen) Lebens. Meine Freizeit habe ich fast ausschließlich mit meinen Freunden und gemeinsamem Trinken verbracht. Bis der neue Lockdown kam und mit ihm der Winter. Bei null Grad und Nieselregen gemütlich auf eine Parkbank setzen und ein Späti-Bier trinken? Ehhh, nee danke. Die Zoom-Partys hatten schon im Spätfrühling ihren Charme verloren. Resultat? Seit fast sechs Monaten habe ich jetzt keinen Alkohol mehr getrunken – aus dem einfachen Grund, dass es keine Anlässe mehr gab. Und mit dem Ausbleiben der trinkwürdigen Anlässe suchte mich ein erstaunlich hohes neues Level an Energie heim. Ich redete mir vor der Pandemie lange ein, dass ein Kater wie zu Studienzeiten eine Stunde Kopfschmerzen am nächsten Morgen bedeutet. Dabei dauern die Schlawiner mit zunehmendem Alter immer länger an. 

Ich fing an joggen zu gehen, Yoga zu machen, Bücher zu lesen

Mit dieser neuen Energie bin ich nun also einer der Menschen geworden, denen ich früher abends auf dem Weg zur Bar irritiert ausgewichen bin, weil sie nochmal eine Runde laufen gehen. Die ich kopfschüttelnd für verrückt erklärt habe, wenn sie erzählten, dass sie freiwillig vor sieben Uhr morgens aufstehen, um Yoga zu machen und zu meditieren. Von denen ich ein bisschen beeindruckt war, weil sie die Bücher auf dem Nachttisch wirklich gelesen haben, statt sie nur als intellektuellen Untersetzer für das Wasserglas und Aspirin zu nutzen. Und über die ich mich wunderte, weil sie immer offen dafür waren, neuen Quatsch auszuprobieren, ohne vorher sicherzugehen, dass es dazu auch Wein geben wird.  

Eines heißen Februarmittags (Shoutout an das merkwürdige deutsche Wetter) erlebte mein Sozialleben jedoch einen ersten kleinen Reanimationsversuch. Ich saß mit meiner Schwester in der Sonne und erzählte ihr, dass ich seit November keinen Alkohol mehr getrunken habe. Sie schaute mich an: Echt? Wieso? Ich zuckte mit den Schultern: Passiert doch nix mehr. Dann fügte ich noch hinzu: Im Sommer, wenn man wieder Freunde treffen kann, oder wenn man geimpft ist, wie auch immer – da werde ich sicher wieder trinken.  

Meine Schwester legte den Kopf schief: Und warum dann wieder? Ich lachte, hielt es für eine sarkastische Frage. Aber sie meinte es ernst. Dann lachte ich wieder, diesmal darüber, was das für eine blöde Frage ist. Wieso? Wieso ich wieder anfange zu trinken, wenn ich Freunde treffe? Hahahaha … haha …ha … 

Shit, wieso eigentlich?   

Den Rest unseres Gesprächs bekam ich nur noch halb mit. Ich war zu beschäftigt mit der Frage, die sich jetzt in meinem Kopf festgesetzt hatte und erwartungshungrig nach einer Antwort gierte: Wieso trinke ich eigentlich immer, wenn ich mit Freunden bin?  

Die erste Antwort, die mir einfällt: Weil man das halt so macht. Klingt platt, ist es auch. Aber seit mehr als zehn Jahren sieht mein Sozialleben so aus. Wenn jemand in meinem Bekanntenkreis mal nicht trinkt, dann liegt das daran, dass die- oder derjenige krank ist. Oder dass sich die Person der „Dry January“- Bewegung angeschlossen hat und einen Monat auf Alkohol verzichten will. Bei der nächsten Party krallt sich dann deren guter Vorsatz wie Mufasa im „König der Löwen“ verzweifelt am Leben fest, bis wir, die guten Freunde, die Krallen lösen, „Lang lebe der Alkohol!“ ins Ohr der Nüchternen flüstern und ihnen ein kühles Blondes in die Hand drücken. Und dann stürzt man fröhlich gemeinsam ab.  

Reine Gewohnheit (oder gar Gruppenzwang) ist aber nicht der einzige Grund des sozialen Trinkens. Schon mal bei einem Abendessen zwischen zwei langweiligen Gesprächspartnern gelandet? Die Lösung: Alkohol! Denn spätestens, wenn man einen sitzen hat, fängt man ungeniert an, Monologe zu führen und muss den anderen nicht mehr zuhören. Ob man sich so nachhaltig beliebt macht, ist natürlich eine andere Frage.  

Andere Situation: Beim Abendessen landet man neben jemandem, den man nicht nur interessant, sondern am besten auch noch attraktiv findet. Nervös? Kein Problem. Alkohol hilft. In Nullkommanix liegt die Hand auf dem Arm der neuesten Obsession, man wirft den Kopf in den Nacken und lacht überschwänglich über deren wirklich maximal nur durchschnittlichen Witz.  

Die wattige Umarmung des Alkohols pustet dir ganz sanft die Sorgen aus deinem Kopf

Allerspätestens aber greift man nach einem Drink, wenn man einen harten Tag hatte. Denn die wattige Umarmung des Alkohols pustet dir ganz sanft die Sorgen aus deinem Kopf … bis zum nächsten Morgen.

 

Zurück zu dem heißen Februarmittag mit meiner Schwester: Während sie nun seit fünf Minuten auf eine Antwort von mir wartete, erlebte ich eine Mini-Erleuchtung. Eine ernüchternde. Ich spaziere nicht nur aus Gewohnheit immer mit einer Flasche Wein zu Verabredungen, sondern auch, weil Alkohol ein sozialer Lockermacher ist und/oder mein Mittel zur Stressbewältigung geworden ist.  

Versteht mich nicht falsch: Hasse ich Alkohol? Nein. Ich freue mich darauf, irgendwann wieder bei einem Brunch mit Freunden angetrunken zu tanzen und alle damit zu überraschen, dass ich den Text zum fragwürdigen Deutschrap auswendig kann. (Kann ich gar nicht, aber alle zu besoffen, um zu merken, was ich da wirklich lalle. Hauptsache, es ist im Takt.) Ich freue mich darauf, mit Sekt auf etwas anzustoßen, einander leicht schwankend zu umarmen und in den Nacken atmen zu können. 

Aber worauf ich mich auch freue? Mit meinen Freunden was anderes zu unternehmen, als nur gemeinsam zu trinken. Auf Partys den anderen Nüchternen mal mit einem geselligen Wasser zuzuprosten (#makewatersexyagain!) und das Helle abzulehnen. Wenn Gespräche langweilig sind, einfach zu gehen, statt mir die Situation schön zu trinken. Meiner neuen Obsession komplett nüchtern die Hand auf den Arm legen und vor allem nur dann den Kopf in den Nacken zu werfen und zu lachen, wenn es ein Witz auch echt verdient hat. Und wenn ich gestresst bin? Da will ich mich lieber mit meinen Gefühlen auseinandersetzen, statt sie mit Alkohol wegzutrösten. Denn schlimmer als der physische Kater ist der emotionale.

 

Der beste Nebeneffekt des Ganzen ist wohl aber, dass das Beantworten der berühmten Bewerbungsfrage „Und was machen Sie so in Ihrer Freizeit?“ endlich nicht mehr ganz so unangenehm ist.    

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