Oldie-Radiosender bringen mich durch die Corona-Krise

Ob Landeswelle Thüringen, Radio RSA oder Bayern 1: Dort ist die Welt noch heil.
Von Marcel Laskus

Illustration: jetzt

Das Leben ist ein bisschen freudloser geworden seit Corona. Die Liste meiner verpassten Konzerte wird immer länger, auf Spotify habe ich keine Lust mehr, und auch die Schallplatten stauben ein. Wozu noch neue Bands entdecken? Wozu noch Musik hören, wenn ich sie bis auf Weiteres sowieso nicht live erleben darf? Statt der Welt in einem verqualmten Kellerclub ab und an davon laufen zu können, hätte ich mich in den letzten Wochen am liebsten unter der Bettdecke verkrochen. Habe ich aber nicht gemacht. Denn ich habe etwas gefunden, das die Folgen von Corona mildert. Den Oldie-Radiosender Bayern 1.

Whitney Houston, Peter Maffay und The Byrds. Simon & Garfunkel, sogar Abba und natürlich der ewige Joe Cocker – sie alle sind da. Die meisten der Künstlerinnen und Künstler, die auf diesem Sender zu hören sind, sind ergraut und längst jenseits der 60. Von den Byrds leben noch drei der fünf Gründungsmitglieder. Doch Bayern 1 hat sie alle bis heute gut konserviert. Das mag jetzt so klingen wie aufgewärmter Kaffee schmeckt, ein richtiger Genuss ist es nicht? Aber genau darin liegt der Charme: Denn dieser aufgewärmte Kaffee hat eine Superkraft.

Ingeborg aus Rosenheim grüßt ihre Freundin über das Hörertelefon

Im Oldie-Sender ist die Welt noch heil. Es laufen zeitlose Klassiker aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der man Krisen nur sehr abstrakt wahrnahm. Der Kalte Krieg war kaum greifbar, das Ozonloch auch nicht. Das war schon alles irgendwie zu schaffen.

Und während nun diese Songs auf Bayern 1 laufen, grüßt Ingeborg aus Rosenheim über das Hörertelefon ihre Freundin, die in Straubing lebt. Sie darf sie gerade nicht besuchen. Wenig später meldet die Moderatorin, dass ein Stau auf der A9 für stockenden Verkehr sorgt, so wie ein Stau schon vor fünfzig Jahren für stockenden Verkehr gesorgt hat. Dann berichtet eine Reporterin von einem bayerischen Provinzflughafen und erzählt, dass man nun durch das Flugverbot wieder die Vögel zwitschern hören kann.

Ja, auch das ist die Realität. Was hingegen wirklich bedrohlich ist, die Corona-Leiden in aller Welt, das wird glücklicherweise ignoriert.

An einem anderen Tag ist Enkelin Laura zu hören, weil sie ihrer Oma ausrichten will, dass sie sie lieb hat. Der Moderator sagt „Das ist aber nett“ und dann wünscht sich Laura für die Oma I want to break free von Queen. Auf die Doppeldeutigkeit des Liedes gehen weder Moderator noch Enkelin ein. Stattdessen: Lied ab. Jetzt kann Oma Traudl gute, alte Musik hören und ein bisschen ausbrechen. Und das sollten wir nun lieber alle tun mit dem Oldie-Sender unserer Wahl. Ganz egal ob es, je nach Wohnort, Antenne Thüringen, Radio RSA oder NDR 1 ist.

Wenn ich Bayern 1 höre, nehme ich die Welt weichgezeichnet wahr

Lange Zeit habe ich das anders gesehen. Als Kind saß ich im Auto meiner Großeltern, während ich die ziemlich schnulzigen, ausgeleierten Lieder auf der Rückbank dudeln hörte. Manchmal hielt ich mir die Ohren zu. Und diese Moderatoren erst! Wie sie so aufgetragen freundlich zu uns sprachen, als seien wir ein bisschen blöd und senil. Als wüssten wir nicht, dass genau jetzt Kriege und Krisen auf der Erde stattfinden. Als müsste man uns betäuben mit dem ewigen Gestern. Ich beschwerte mich über diese Biederkeit und rief: „Opa, mach mal lieber Charts.“ Rückblickend denke ich mir: Was für eine bevormundende Haltung ich hatte, dass ich lieber Culcha Candela hören wollte als The Mamas and the Papas.

Wenn ich nun Bayern 1 höre, weiß ich, was ich daran habe. Ich nehme die Welt weichgezeichnet wahr und nicht mehr in erster Linie als steile, kantige Covid-Kurve mit steigenden Todeszahlen. Die Moderatorinnen und Moderatoren knallen mir nicht im 15-Minuten-Takt die Härte der Realität ins Gesicht, wie beim Inforadio oder auf jedem Nachrichtenportal. Stattdessen machen sie im Wesentlichen einfach weiter ihr Programm.

Richtig schätzen kann ich das erst jetzt. Denn nun, da Corona in jeder Pore unseres Lebens steckt, ist der Oldie-Sender genau das, was es braucht. Soforthilfen mögen unsere Konten retten und Stoffmasken die Gesundheit unserer Lungen. Gelassenheit im Alltag und ein Gefühl von Normalität bringt mir erst der Oldie-Sender.

Oldie-Sender zu hören, ist notwendiger Eskapismus wie der Kneipenbesuch

Wenn Moderatorin Gabi Fischer mir Hallo sagt („Ich grüße Sie, liebe Hörer“), und darauf kein „in Zeiten von Corona“  folgt – dann bin ich sofort wieder am Ruhepuls. Keine ironischen Brechungen sind in ihren Ansprachen wie auf Twitter, kein Ästhetisieren der Krise wie auf Instagram. Und auch die überdrehten Ansprachen wie auf anderen vermeintlich zeitgemäßeren Sendern gibt es hier nicht.

Natürlich laufen auch beim Oldie-Sender die Nachrichten. Und auch in diesen Nachrichten sterben und leiden Menschen. Aber abgesehen davon, ist der Oldie-Sender ein guter Ort zur gesunden Weltflucht. Das mag man als Eskapismus abtun. Aber anders geht es zurzeit eben nicht. Den Kneipenabend, den Stadionbesuch und von mir aus auch den Urlaub am Ballermann macht man ja auch aus diesem Grund.

Jetzt fliehe ich eben anders. Ich mache dafür das Radio an, bleibe in meiner Küche stehen, schaue aus dem Fenster und denke daran, dass ich meine Oma gerade nicht besuchen darf. Und wenn Bayern 1 dann eine Weile läuft und wenn Bryan Adams singt und irgendwann Whitney Houston und vielleicht auch Roland Kaiser, dann ist das fast so, als würde ich an einem warmen Sommertag auf der Terrasse meiner Oma sitzen. Sie würde dann Kaffee und Stachelbeerkuchen auf den Tisch stellen, dazu noch eine große Schüssel mit Schlagsahne. Rod Steward singt mit krächzender Stimme „I am sailing“ und die Bienen surren mit, während die Sonne mir die Nase verbrennt. Man redet jetzt am Kaffeetisch nicht über Katastrophen und Krankheiten, sondern einfach nur über das Wetter.

  • teilen
  • schließen