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Foto: PolaRocket / photocase.de

Es gibt diese Nächte. Diese Nächte im Internet, alle von einem trügerischen Gedanken eingeläutet: „Noch dieses Video – und dann gehe ich schlafen.“ Und damit beginnen dann der Selbstbeschiss und das Aussetzen des Zeitgefühls. Vom letzten Song, den man hören möchte, kommt man dann zu einem Video über den Dunning-Kruger-Effekt (der beschreibt, dass Unwissenheit oft zu mehr Selbstvertrauen führt als es Wissen tut) und findet darauf Zusammenschnitte von TV-Werbeblöcken aus den 90ern, die man sich aus nostalgischen Gründen ansieht, bis man bei einer Dokumentation über traumatisierte Lokführer landet. Am Ende hat man das Gefühl, seine Zeit verschwendet zu haben. Aber diese Nächte sind wunderschön. Und man findet sehr viel.

Es ist genau eine dieser Nächte, in der ich das ultimative Mittel entdecke, das so gut wie alles bekämpfen will, von Konzentrationsproblemen über Depressionen bis hin zu Schlafstörung: Binaurale Beats. Es gibt hunderte davon auf Youtube und es werden immer mehr. Die meisten Videos haben mehrere Millionen Klicks und sie machen verdammt große Versprechen. Durch sie soll man 100 Prozent seiner Intelligenz und seiner Erinnerung anzapfen können – ja, seine Kreativität und seine Fokussierung sogar auf eine ganz neue Ebene heben – da durch diese Beats das Gehirn stimuliert werde.

Ich mache den Selbstversuch. Greife zu meinen Kopfhörern, schirme ich mich von der Welt ab und klicke auf das erste Video. Erstmal die Wassertemperatur erfühlen: Wie klingt das Ganze? Nun ja, es sind sphärische, langgezogene Töne. Und sie klingen wie spiritistische Ambient Music im Wartebereich eines extravaganten Massagesalons, der nach Ladenschluss Astralreisen und andere außerkörperliche Erfahrungen anbietet. Ich muss tief in die Backen blasen. Vielleicht war das mit den Kopfhörern doch keine so gute Idee. Ich ziehe sie wieder aus den Ohren. Und das hören sich so absurd viele Menschen an? Ich klicke weiter. Vielleicht aber doch lieber über die Boxen und vielleicht doch lieber ein anderes Video.

Study Music Alpha Waves: Relaxing Studying Music, Brain Power, Focus Concentration Music, ☯161

Die Suchergebnisse von „binaural beats“ auf Youtube werden von einem Video dominiert. Im Thumbnail ist das 3-D-Modell eines Kopfes zu sehen, ein ausdrucksloses Gesicht und bunte Energiewellen, dort, wo das Haupthaar eigentlich sein sollte. Derzeit hat das Video mehr als  102 Millionen Aufrufe. Zum Vergleich: Das sind drei bis vier Mal mehr als bei den meisten Songs der Beatles – und die sind immerhin der kleinste gemeinsame Gefälligkeits-Nenner der Popmusik! Das sind die Einwohner Deutschlands, Österreichs, Liechtensteins und der Schweiz zusammengenommen – und immer noch ein paar Millionen mehr, alle versammelt in einer Trance der Konzentration. Wie kann das sein? Ich klicke auf das Video.

Binaurale Beats sind genaugenommen eine Täuschung. Sie bestehen aus zwei Tönen leicht unterschiedlicher Frequenzen. Hört man beide Töne übereinander beziehungsweise über beide Ohren, nimmt man sie sinuskurvenhaft wahr. Das heißt, die Tonhöhe geht auf und ab – das formt einen vermeintlichen Beat. Dabei dürfen die beiden Frequenzen nicht weiter auseinanderliegen als 30 Hertz. Studien zufolge können damit tatsächlich die Hirnwellen stimuliert und dadurch Entspannung, Schlaf, Meditation oder Konzentration gefördert werden. Da die meisten Menschen reine Sinustöne eher unangenehm empfinden, werden sie – so auch in den Videos – meist in Naturklänge und harmonische Musik eingebettet. Wie beruhigend. Ich lasse das Video weiter auf mich wirken. Die ersten Sekunden klangen noch wie die Untermalung eines spannenden Kinofilms, mittlerweile klingt es aber fast genauso übersinnlich-verkitscht wie das erste. Doch ohne Kopfhörer ist es auszuhalten.

Dass so viele Menschen auf diese Videos anspringen, ist irgendwie verständlich, denn die Buzzwords in den Titeln sind wirklich verlockend: „Super Intelligence“, „Improve Memory“, „Relaxing Studying Music“, „Brain Power“, „Focus“, “Meditation” und „Concentration“. Manche nutzen sie auch, um besser zu schlafen. Doch die meisten hören zu, um fokussierter arbeiten oder lernen können, wie sich in den Kommentaren zeigt. Das schweißt anscheinend zusammen. Auch im Geiste. Denn in den Kommentaren liest man überall ein und denselben Witz: man solle aufhören, die Kommentare zu lesen und sich wieder auf das Lernen oder die Arbeit konzentrieren. Dazwischen behaupten aber auch viele, dass genau diese binauralen Beats ihnen dabei helfen, ihre Konzentrationsschwäche zu überwinden.

Jede Epoche hat ihre eigenen Genres. Ist unsere Zeit die der Selbstoptimierungs-Mukke?

Welche Effekte die Binauralen Beats auf mich haben, werde ich gleich überprüfen. Bekommt mein Bewusstsein eine vierte Dimension oder erreiche ich gar einen neuen Wesens- oder Massezustand? Zugegeben, trotz wissenschaftlichem Fundament, ich bin bleibe skeptisch. Denn sobald ich das nächste Video starte, muss ich an Walgesänge denken. From outta space. Schwierig. Vielleicht muss ich aber auch einfach noch etwas durchhalten, mich dem Ganzen wirklich öffnen. Koffein wirkt auch nicht, sobald Du den Kaffee auf der Zunge schmeckst.

Es ist ja so: Jede Epoche hat ihre eigene Musik und ihre eigenen Genres. Die 20er hatten Swing. Die 50er hatten Rock’n’roll. Die 70er ein bisschen Punk und Disco. Und die 80er und 90er hatten bestimmt auch irgendwo ihre Berechtigung – aber was bedeutet das für unsere Post-56k-Modem-Jahre? In der Zeitrechnung nach Web 2.0 ist nicht nur die elektronische Musik zum Status Quo geworden, sondern auch der Wunsch nach einem besseren und effizienterem Ich. Werden Binaurale Beats in Zukunft also für unsere selbstoptimistische Zeit stehen, in der wir alle eine instagramtaugliche, dellenlose Biografie anstreben? Ist unsere Zeit die Ära der Selbstoptimierungs-Mukke? Es ist vielleicht eine steile These, doch der schleichende Einzug der Ambient-Elemente in den Technoclubs der letzten Jahre könnte ein Vorbote sein.

Ich klicke auf das nächste Video. Neuer Anlauf, letzter Versuch. Ein Greis mit Guru-Rauschebart und Pfeife sieht mich an. Er scheint mir direkt in die Seele schauen zu wollen. Nach ein paar Minuten muss ich wieder an Wellness- und Massagesalons denken, in denen diese nervtötende Feel-Good-Musik läuft. Aber ich bleibe eisern. Versuche Stand zu halten und kämpfe gegen meine Assoziationen an. Was ab einem gewissen Zeitpunkt quälend wird. Als würde mir brütendheißer Yogi-Tee verabreicht werden. Intravenös.

Ich versuche mich abzulenken, lese ein bisschen über binaurale Beats, Alpha Wellen, isochrone Töne und lande irgendwann bei irgendwelchen Studien dazu, klicke mich daraufhin durch verschiedene Aspekte des Gehirns und komme schließlich bei der Lobotomie an (einer der größten Fehltritte der Neurochirurgie, bei dem mit einem Eispickel willkürlich Nervenbahnen im Gehirn durchtrennt wurden um Verhaltensstörungen zu behandeln. Wurde in den 30ern entwickelt und 1949 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet). Und schon wieder bin ich abgeschweift. Das mit der Fokussierung hat bisher nicht so gut geklappt. Zumindest habe ich mich aber an die Sinuskurven der binauralen Beats gewöhnt.

Vielleicht kann ich einen der anderen positiven Effekte ausmachen. Intelligenz und totale Erinnerungen werden ja auch versprochen. Zudem höre ich mir das alles jetzt schon ungefähr eine Stunde netto an. Ich hole tief Luft und schließe die Augen. Nein. Ich komme immer noch nicht über die zweite Nachkommastelle von Pi. Drei Komma Eins Vier. Das war es. Weiter komme ich nicht. Ich überlege mir etwas anderes. Vielleicht kann ich mich noch an die Namen all meiner Mitschüler in der Grundschule erinnern? – Ja! Es geht. Mit Vor- und Zunamen. Manche Namen vergisst man aber auch nicht. Dieser arme Junge. Er hieß tatsächlich Elvis. 

„Was hörst Du Dir denn da an? Das klingt ja schrecklich“, sagt meine Freundin, als sie reinkommt und mich eingehüllt in den sphärischen Klängen am Schreibtisch vorfindet.

„Nichts. Ich hänge nur ein bisschen im Internet rum. Recherche.“

„Klapp den Computer zu und komm ins Bett.“

„Mir dröhnt sowieso schon der Kopf.“

Ja, diese Nächte im Internet. Sie sind eigentlich nicht schlecht. Man findet sehr viel.