Warum die Metal-Szene der richtige Ort für Frauen ist

Im Metal können stereotype Geschlechterbilder aufgelöst werden, findet unsere Autorin.
Foto: shocky / Adobe Stock

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„DU hörst Metal?! Das hätte ich dir im Leben nicht zugetraut!“ Wann immer mein Musikgeschmack zur Sprache kommt, schlägt mir Erstaunen entgegen. Frauen, die etwas anderes als rosaroten Plüsch-Pop hören, sind offenbar auch im Jahr 2022 für einige Menschen noch immer unvorstellbar. 

Die ungläubigen Reaktionen auf meinen Musikgeschmack zeigen vor allem eins: Metal gilt noch immer als Männersache. Dass sich dieses überkommene Klischee so hartnäckig hält, ist ärgerlich. Es ist nämlich nicht nur falsch, sondern sorgt auch dafür, dass viele Frauen gar nicht erst mit Metal in Berührung kommen. Dabei ist die Metal-Szene genau der richtige Ort für Frauen: Im Metal geht es meist friedfertig zu und Frauenfeindlichkeit ist meiner Erfahrung nach weniger verbreitet als in anderen Szenen. Außerdem bietet das Genre die Möglichkeit, neu zu definieren, was weiblich sein soll und was nicht – gerade weil das harte, laute und aggressive Image der Musikrichtung so gar nicht zu weiblichen Stereotypen passt. 

Im Metal können stereotype Geschlechterbilder aufgelöst werden 

In der Metal-Szene können Frauen diesen scheinbaren Widerspruch bewusst ausleben. Denn das spielerische Überschreiten der Gender-Grenzen hat hier eine lange Tradition. Im Glam Metal der 80er Jahre war beispielsweise unter männlichen Musikern ein androgynes Aussehen angesagt. Bands wie Cinderella oder Twisted Sister traten in hautengen Spandex-Leggins auf, trugen Make-up und hochtoupiertes, langes Haar. Mit ihrer exzentrischen Inszenierung trieben sie einerseits gängige Rockstar-Klischees auf die Spitze, unterliefen andererseits aber auch traditionelle Männlichkeitsbilder. 

Dieses Gender-bending, also das Biegen erwarteter Geschlechterrollen, funktioniert ebenso gut in umgekehrter Richtung: Indem sich Frauen männlich besetzte Ausdrucksformen aneignen, erschließen sie neue, individuelle Möglichkeiten, sich zu entfalten, und brechen mit gängigen Klischees von Weiblichkeit. Wie das konkret aussehen kann, zeigen Musikerinnen wie Tatiana Shmailyuk aus der ukrainischen Metalband Jinjer. Sie praktiziert das metal-typische „Growling“ – eine Gesangstechnik, die besonders kehlig und tief klingt. Kein Wunder also, dass ich bei meiner ersten Festivalbegegnung mit Jinjer zuerst unwillkürlich einen bärtigen Kerl vor Augen hatte. Als mir wenig später dämmerte, dass das brachiale Gebrüll stattdessen aus Tatiana Shmailyuks Kehle kam, verschluckte ich mich dann doch kurz an meinem Bier. Es braucht genau diese Momente der Irritation, um eingefahrene Geschlechterbilder aufzulösen. 

Beispiele wie diese machen deutlich, dass im Metal nicht immer alles ist, wie es im ersten Moment scheint. Das gilt nicht nur für fluide Genderkonzepte, sondern auch für die Fan-Community. Wer als Außenstehende:r auf die Metal-Szene blickt, könnte womöglich davon ausgehen, es herrsche ein rauer, ja aggressiver Umgang untereinander – eben genauso aggressiv wie die Gitarrenriffs, der oft martialische Gesang und die presslufthammerartigen Rhythmen auf dem Schlagzeug. Einige meiner Freundinnen weigern sich bis heute, mich auf Metal-Konzerte zu begleiten, weil sie fürchten, von betrunkenen Metal-Fans niedergetrampelt zu werden. 

Dabei gibt es kaum friedlichere Orte als Metal-Konzerte. Meiner Erfahrung nach sind die Menschen dort wahnsinnig rücksichtsvoll und hilfsbereit. Selbst in brechend vollen Konzerthallen wird rührend aufeinander geachtet. Wenn im Moshpit beim Tanzen versehentlich jemand zu Boden geht, sind binnen Sekunden mehrere helfende Hände zur Stelle. Von dieser friedlichen, respektvollen Stimmung profitieren besonders Frauen. Auf Metal-Konzerten muss ich mich nicht vor pöbelnden Rüpeln und groben Dränglern in Sicherheit bringen, sondern kann den Abend entspannt genießen. 

Frauenfeindliches Verhalten wird im Metal nicht glorifiziert 

Apropos entspannt genießen: Während ich im Club erschreckenderweise schon fast damit rechne, dass ich im Laufe des Abends mindestens eine fremde Hand von meinem Hintern schieben muss, sind mir solche Erfahrungen auf Metal-Konzerten bisher weitgehend erspart geblieben. 

Damit möchte ich sicher nicht behaupten, dass übergriffiges Verhalten in der Metal-Szene nicht stattfindet. Auch hier gibt es sexistische Strukturen und frauenfeindliche Tendenzen, die dringend aufgearbeitet gehören und durch nichts zu relativieren sind. Insgesamt werden Misogynie und Chauvinismus in der Musik jedoch nicht so unreflektiert wiedergegeben – oder gar zelebriert – wie in anderen Musikstilen. 

Über Sexismus im Hip-Hop ist in den vergangenen Jahren viel diskutiert worden. Mindestens genauso problematisch sind bestimmte Sparten der Schlagermusik. Tiefsitzende Frauenfeindlichkeit wird hier gerne mal als volkstümelndes Hulapalu-Gejodel oder primitives Ballermann-Schalala getarnt. Dass auf Kritik an fragwürdigen Texten mit einer trotzigen „Jetzt-erst-recht“-Einstellung reagiert wird – so wie es sich vergangenes Jahr in der Debatte um das Schlagerlied Layla zeigte –, gibt mir als Frau nicht gerade das Gefühl, in diesem Umfeld respektiert zu werden. 

  

In welcher Musik-Szene man sich bewegt, ist natürlich in erster Linie eine Frage des eigenen Geschmacks. Trotzdem gibt es gute Gründe für einen unverbindlichen Ausflug in die Metal-Szene – im Übrigen nicht nur für Frauen, sondern für alle Geschlechter. Wir sehen uns also im Moshpit! Im Gegenzug lasse ich mich vielleicht sogar auf ein Helene-Fischer-Konzert ein. 

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