Wird Miley Cyrus' neuer Song zur feministischen Hymne?

Ihr Video zu „Mother’s Daughter“ ist eine sehr kalkulierte Provokation.
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#MothersDaughterVideo out 9AM EST 🚨🚨

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Es begab sich vor langer Zeit im Jahr 2000, dass die berühmteste Sängerin ihrer Zeit, Britney Spears, in einen Latexanzug schlüpfte und darin zu einem etwas beknackten Song in einem ebenfalls beknackten Musikvideo tanzte. In ihrem Anzug konnte man die körperlichen Vorzüge der Sängerin ausgiebig betrachten und alle (vor allem Männer) freuten sich mit ihr. Die Botschaft des Liedes war, kurz gefasst: „Huch, ich hab’s schon wieder getan, hab mich in dich verknallt, dabei wollte ich das doch eigentlich gar nicht, aber herrje: Ich bin eben doch nur ein Mädchen.“ Und alle so: „Powerful stuff, gebt der Frau einen Grammy!“

Weil nun in der (Pop-)Kultur überhaupt alles immer wieder kommen muss, hat sich Miley Cyrus offenbar den Latex-Fummel von Britney ausgeborgt und in ihrem neuen Musikvideo „Mother’s Daughter“ spazieren geführt.

Miley Cyrus - Mother's Daughter (Official Video)

Dass zwischen diesen beiden Musikvideos fast 20 Jahre liegen, merkt man trotzdem. Nämlich vor allem an der Botschaft von Miley Cyrus' Song, die den Zuschauer*innen in Großbuchstaben mitgeteilt wird: Frauen sind auch in Latexanzügen oder nackt „Not an Object“ und sagen heute stolz „My Body my Rules“.

Im Jahr 2019 kann eine junge Frau nämlich selbstverständlich einen Latexanzug anziehen und darin durch ein Studio schlendern, wenn sie möchte. Gerne auch mit Metallzähnen an der Stelle, wo sich die Vulva befindet. Sie muss ja auch fast schon mit sexuell expliziten Posen und Handlungen provozieren, denn anders kommt man ja heute nicht mehr weit. Was eine Musikerin aber im Gegensatz zu früher definitiv nicht mehr tun darf: sich kommentarlos zum Objekt machen.

Nicht dass jemand auf die Idee käme, sie würde sich der Verkaufszahlen wegen sexy anziehen

Und da wird es dann doch etwas schwierig. Denn um sich zum selbstermächtigenden Subjekt zu machen, muss Miley Cyrus den ganz großen feministischen Hammer auspacken, um den Betrachter*innen ihre Botschaft von der Selbstermächtigung ins Hirn zu pressen. Nicht dass jemand auf die Idee käme, sie würde sich der Verkaufszahlen wegen sexy anziehen.

Also werden in ihrem Video zusätzlich zu Einblendungen, wie „Feminist as F“ und „Every Woman is a Riot“ auch Frauen und Nahaufnahmen von Körpern gezeigt, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen: eine Frau im Rollstuhl, eine extrem übergewichtige Frau, eine Nahaufnahme einer Kaiserschnitt-Narbe und eine sichtbare Slipeinlage.

Die visuelle Erzählung ist dringend nötig, denn der Text selbst ist – sagen wir – nicht gerade überkomplex. Cyrus bezeichnet sich darin als Freak, böse und ein bisschen unanständig. Warnt alle, sie keinesfalls ihrer Freiheit zu berauben und kommt zu dem Schluss, dass sie vermutlich deshalb so erfolgreich ist, weil ihre Mama sie immer unterstützt hat.

Zur großen feministischen Hymne dürfte dieser Song nicht taugen. Aber wer weiß: Vielleicht reicht es zum Sommerhit. Und möglicherweise gar zu einer Grammy-Nominierung für visuelle Nachhaltigkeit durch Recycling in einem Musikvideo.

chwae