„Teil der No Angels zu sein, ist ein Gefühl, das nicht vergeht“

Foto: Ben Wolf

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Die No Angels kennt man vor allem aus Jugend-Zimmern aus den 2000er Jahren. Dort guckten sie häufig von Postern auf einen hinunter: Nadja Benaissa, Lucy Diakovska, Sandy Mölling, Jessica Wahls, Vanessa Petruo. Sie waren die erste Band, die in Deutschland aus einer Casting-Show hervorging – und auch die erfolgreichste. Nun wollen zumindest vier der Bandmitglieder es noch einmal versuchen. Ihr neues Album heißt „20“ und besteht aus den alten, neu eingesungenen Hits sowie vier neuen Liedern. Im Zoom-Gespräch mit jetzt erzählen Nadja und Sandy, warum sie das nicht als „Comeback“ bezeichnen würden und warum ein No Angel zu sein ist wie Fahrradfahren.

jetzt: Sandy, Nadja, wie fühlt es sich an, wieder vereint zu sein?

Nadja Benaissa: Mir ist im ersten Moment echt die Luft weggeblieben, als ich diese tollen Frauen wiedergesehen habe. Dann umarmten wir uns alle und nach ein paar Minuten war es so, als wäre gar keine Zeit vergangen.

Sandy Mölling: Dabei hatten wir uns zu viert tatsächlich seit zehn Jahren nicht gesehen.

Ist No Angels wie Fahrradfahren?

Nadja: Genau. Man verlernt es nicht. Teil der No Angels zu sein, ist ein Gefühl, das nicht vergeht.

Sandy: Wir sind ein eingespieltes Team. Heute sogar noch mehr als vor 20 Jahren. Einfach, weil wir noch gefestigter sind in unseren Charakteren und noch besser auf die anderen eingehen können.

Wie lässt sich das Lebensgefühl namens „No Angels“ in Worte fassen?

Nadja: Wir sind wie Familie. Wir vertrauen uns bedingungslos, können miteinander so sein, wie wir sind. Wir müssen nichts verstecken, nichts schönen, wir fühlen uns wohl.

War das immer so?

Sandy: Grundsätzlich schon. Am Anfang allerdings mussten wir uns erst daran gewöhnen, rund um die Uhr zusammen zu hocken. In den ersten Monaten haben wir ja sogar zusammengewohnt. Mit ein bisschen mehr Lebenserfahrung fällt es uns noch leichter, uns auf einander einzugrooven.

Nadja: Zum Beispiel gibt es bei drei Müttern in der Band ein ganz anderes Verständnis für die besonderen Herausforderungen des Mutterseins als zu Beginn, als nur ich ein Kind hatte.

Wie alt ist deine Tochter jetzt?

Nadja: 21. Sie ist jetzt schon älter als ich zu der Zeit, als es mit den No Angels losging. Meine Tochter liebt Musik, aber sie denkt nicht daran, das professionell zu machen. Sie mag ihre Privatsphäre.

Von Privatsphäre habt ihr damals, noch Teenager, nur träumen können. War das heftig oder fühlte sich das Leben an wie eine einzige, lange Party?

Sandy: Das ganze Drumherum mit den vielen Reisen konnte anstrengend sein, es ging von null auf 100, und wir waren praktisch jeden Tag woanders. Aber es gab auch viele wunderbare Momente. Heute ist es schön, zu reflektieren, was wir alles erlebt und mitgenommen haben.

Woran erinnert ihr euch besonders gerne?

Nadja: Ach, da gibt es so vieles. Wir waren auf Capri, in Monaco und wir durften sogar Bill Clinton treffen. Das war natürlich schon nach seiner Präsidentschaft. Er hat in Augsburg eine Rede gehalten, wir waren quasi sein Vorprogramm.

Ihr betont, dass eure Rückkehr kein Comeback, sondern nur ein Jubiläum sei. Wo ist der Unterschied?

Sandy: Dass nicht alles gleich wieder so durchgetaktet ist. Das ist jetzt mehr so ein Auf-uns-zukommen-lassen. Die Work-Life-Balance funktioniert und alles läuft wesentlich stressfreier. Es ist eher so, dass wir mit den Fans, von denen sich viele unsere Rückkehr gewünscht haben, ein bisschen feiern und in Erinnerungen schwelgen möchten. Das Ziel ist nicht, es allen nochmal zu zeigen. Sondern es entspannt anzugehen und zu schauen, was alles so passiert.

Sandy, du lebst mittlerweile in Los Angeles und auch Lucy lebt im Ausland, in Sofia. Speziell in Pandemiezeiten ist es da vermutlich schwierig, wieder zusammen an den Start zu gehen. Wie kam das überhaupt zustande?

Nadja: Wir haben eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe. Irgendwann schrieb Lucy: „Mädels, wir haben 20-jähriges Jubiläum, wie sieht es aus?“ Dann hat unsere neue Plattenfirma dafür gesorgt, dass unsere frühen Alben endlich auch auf den Streaming-Portalen wie Spotify verfügbar sind. Darüber haben sich die Fans wahnsinnig gefreut.

Sandy: Es entstand durch die vielen positiven Rückmeldungen so eine Art Kettenreaktion. Man durchläuft als Künstlerin ja auch verschiedene Phasen. So gab es eine Zeit, in der die No Angels vielleicht nicht so angesagt waren. Und jetzt sind wir in einer Zeit angelangt, in der wir einfach wieder cool sind. Und in der die Leute gern wieder in Erinnerungen schwelgen. Wir entschlossen uns also, alles mitzunehmen, was zurzeit möglich ist. Ohne Druck und ohne Stress.

Bei den Neuaufnahmen eurer alten Lieder fällt auf, dass ihr heute besser singt als vor 20 Jahren.

Sandy: Ich denke, beide Versionen haben ihren Charme. Früher war alles frisch und neu, und wir wussten noch nicht so richtig, was wir tun. Heute klingen unsere Stimmen gereift.

Eure ehemalige Kollegin Vanessa Petruo ist 2003 bereits ausgestiegen und heute nicht mehr dabei. Sie arbeitet als promovierte Psychologin an der University of Southern California in Los Angeles. Lauft ihr euch über den Weg, Sandy?

Sandy: Leider nicht. Die Stadt ist ja unheimlich groß und ich weiß auch nicht, wo sie wohnt. Aber ich würde mich freuen, wenn wir den Kontakt mal wieder auffrischen könnten.

Als es mit euch losging, gab es den Begriff „Diversity“ in der Form wie heute noch nicht. Ihr habt das Prinzip aber trotzdem verkörpert – war euch das damals schon klar?

Nadja: Wir wurden ja gecastet und konnten nicht selbst entscheiden, wer in die Band kommt und wer nicht. Wir denken aber schon, dass der Produzent von „Popstars“ genau dieses Ziel hatte. Ich bin unglaublich stolz, in so einer Band zu sein. Wir bekommen wahnsinnig viel Feedback, dass es einfach wichtig ist, unterschiedliche Identifikationsfiguren und Vorbilder zu haben.

Sandy: Aussehen, Haarfarbe, Hautfarbe, Sexualität – das ist das eine. Aber wir haben auch ganz verschiedene Temperamente und Charaktere. Ich freue mich total, dass das Thema so präsent ist, und die jungen Leute sich so stark darin engagieren. Ach, jetzt höre ich mich an wie eine Oma (lacht).

Die Spice Girls standen einst für Girlpower. Wofür stehen heute die No Angels?

Nadja: Für Frauenpower!

  • teilen
  • schließen