Der Erasmus-Ausstieg Großbritanniens ist für junge Menschen fatal

Denn er bedeutet nicht nur einen Rückschritt in Sachen Bildungsgerechtigkeit. Damit ist auch die Chance auf echten Austausch vertan.
Kommentar von Clara Thier
erasmus brexit

Das Ende von Erasmus in UK trifft Studierende hart, findet unsere Autorin.

Foto: tanaonte / Adobe Stock

Die Idee des British Exceptionalism hat mal wieder zugeschlagen – und damit Zukunftsträume Tausender junger Menschen zerstört. Die Vorstellung, dass das Vereinigte Königreich von Grund auf besonders und anders sei als andere europäische Länder, hat nicht nur das ganze Brexitchaos mitverursacht, sondern auch den Erasmus-Exit. Durch das Austauschprogramm konnten seit 2014 mehr als vier Millionen Menschen im Ausland studieren oder arbeiten. Dabei konnten auch viele EU-Grenzen überschritten werden: Die Schweiz, Norwegen, die Türkei oder Serbien sind nur ein Teil derer, die als Nicht-EU-Länder an Erasmus teilnehmen. Das Vereinigte Königreich wird schon bald nicht mehr dazugehören. Die britische Regierung hat angekündigt, aus dem EU-Studentenaustauschprogramm auszusteigen.

„Na und?“, könnte man schulterzuckend fragen, dann sind die Inselbewohner*innen mit ihrer merkwürdigen Küche eben nicht mehr Teil des Erasmus-Klubs – es bleiben doch noch genug andere Länder übrig. Aber das ist zu kurz gedacht. Das Vereinigte Königreich war nicht ohne Grund eines der beliebtesten Erasmus-Länder.

Erasmus hat es auch Studierenden ohne viele finanzielle Mittel ermöglicht, ein Semester in UK zu studieren

Zunächst sind da die britischen Universitäten, die stets die Ranglisten europaweiter Vergleiche anführen. Um eine didaktisch und organisatorisch gelungene Betreuung und kompetente, nahbare Dozierende zu finden, muss man in UK nicht an eine Elite-Universität gehen. Auch an anderen britischen Unis habe ich als Erasmus-Studentin plötzlich verstanden, was es bedeutet, wenn Lehrende sich für den eigenen Studienerfolg interessieren. Meinen französischen und spanischen Kommiliton*innen ging es ähnlich. Außerdem: Wo in Europa lernt man besser Englisch als in Großbritannien? Der Austritt aus Erasmus schmälert die Chancen für viele, die keine andere Sprache außer Englisch (gut genug) sprechen, um sich den Auslandsaufenthalt dort zuzutrauen. Irland allein wird den Wunsch nach einem englischsprachigen Zielland innerhalb Europas nicht erfüllen können.

Das Vereinigte Königreich tritt aus, die EU plant unterdessen eine Aufstockung des Erasmus+ Programms. 26 Milliarden Euro stehen dafür in den kommenden sieben Jahren zur Verfügung; die Zahl der Teilnehmer*innen soll sich verdreifachen. Erasmus ist kein Spitzen-, sondern ein Breitenförderungsprogramm und hat damit vielen europäischen Studierenden die Möglichkeit eröffnet, ins Ausland zu gehen, die sie sonst nicht gehabt hätten. Auf kein Erasmus-Land trifft das mehr zu als auf das Vereinigte Königreich, das Land mit den höchsten Studiengebühren in ganz Europa. Durch Erasmus fielen diese weg und um die Lebenshaltungskosten dort zu decken, bekamen Teilnehmer*innen in UK den höchsten monatlichen Fördersatz.

Das Ende von Erasmus im Vereinigten Königreich ist ein Stoß in die Magengrube für alle, die für Bildungsgerechtigkeit kämpfen oder darauf angewiesen sind. Von nun an wird ein Auslandsstudium dort denen vorbehalten sein, deren Eltern 10 000 bis 30 000 Pfund pro Jahr aufbringen können – denn für Europäer*innen gelten nun die internationalen Studiengebühren.

Wollen die Brit*innen überhaupt noch was mit uns zu tun haben?

Mehr als 240 Millionen Pfund hat die Teilnahme am Erasmus-Programm, durch das jedes Jahr circa 30 000 Studierende ins Land kamen, der britischen Wirtschaft jährlich eingebracht. Immerhin halb so viele Brit*innen konnten durch das Stipendium ihren Aufenthalt in Kontinentaleuropa finanzieren, auch sie müssen jetzt um diese Chance bangen. Wenn der britische Premier Boris Johnson sagt, Erasmus sei „extrem teuer“, ist das nur ein vorgeschobenes ökonomisches Argument. Johnson hat zwar auch gleich ein Ersatzprogramm angekündigt, doch ist zu erwarten, dass das ein Sparprogramm wird. Außerdem soll es in erster Linie britischen Studierenden ermöglichen, an ausländische Universitäten zu gehen – auch außerhalb Europas. Von echtem Austausch keine Rede.

Die Entscheidung der britischen Regierung ist ein zutiefst identitätspolitischer Move, der sagt: Der Austausch mit euch ist uns nicht mehr wichtig. Es ist uns nicht mehr wichtig, dass junge Menschen verschiedener Nationalitäten Freundschaften miteinander schließen, dass wir das Wissen an unseren Bildungseinrichtungen miteinander teilen, dass wir Chancengleichheit, Spracherwerb und kulturellen Austausch fördern. Und wenn ihr jungen Menschen das immer noch wollt, dann zahlt doch dafür.

Aber wir können nicht alle zahlen und wir wollen es auch nicht.

Ein chaotisches Brexit-Referendum und der andauernde politische Kampf zwischen der EU und Großbritannien lassen uns junge Europäer*innen enttäuscht und entfremdet zurück: Wollen die überhaupt noch was mit uns zu tun haben? Nun werden junge Brit*innen in Zukunft noch weniger Chancen auf Austausch haben, weniger Möglichkeiten, ihre Perspektive mit Leuten aus der EU zu teilen. Das hätte nicht sein müssen. Durch breite Austauschprogramme wie Erasmus wäre es möglich gewesen, eine neue UK-EU-Freundschaft aufzubauen. Aber Johnson hat ein weiteres Mal den Zugang zu seiner Insel gekappt – und nicht nur Studierende damit einer wichtigen Chance beraubt, egal auf welcher Seite des Ärmelkanals.

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