„Meine Mutter und Oma haben die Strukturen einfach hingenommen“

María Sánchez, 1989 geboren, bezeichnet sich als die erste Frau in ihrer Familie, die sich gegen das Patriarchat auflehnt.
Foto: Privat

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„Am achten März auf der Straße [in der Stadt], umgeben von Frauen, die ich als wahre Familie empfand, wurde mir bewusst, dass ein wesentlicher Teil meiner Wurzeln und meiner Gefährtinnen fehlte. Sie waren einfach nicht da. […] Es schmerzte mich, die Frauen aus unseren Dörfern, unserer ländlichen Welt, nicht repräsentiert zu sehen“, schreibt die 1989 geborene Landtierärztin, Lyrikerin und Autorin María Sánchez aus Andalusien in ihrem Essaybuch „Land der Frauen“ (Blessing Verlag). Sie erläutert darin die Unterschiede zwischen dem ländlichen und dem urbanen Feminismus, plädiert dafür, einander zuzuhören und erzählt die Geschichte der Frauen ihrer Familie, die im ländlichen Spanien aufwuchsen. Ein Interview über Feminismus, den städtischen Blick auf ländliches Leben und einen Vergewaltigungsfall, der den Feminismus in Spanien verändert hat.

jetzt: „Die Situation der Frauen auf dem Land ist eine völlig andere als die der Frauen in den Städten“, schreibst du in deinem Buch. „Das Leben in der Provinz ist in Spanien noch immer eine große Unbekannte … Jedenfalls können wir nicht erwarten, dass der Feminismus sich in den Dörfern mit derselben Dynamik entfaltet wie in den Städten.“ Was ist der Unterschied zwischen einem ländlichen und einem urbanen Feminismus?

María Sánchez: Vor allem die Umstände und Gemeinschaften sind sehr unterschiedlich. Ich glaube deswegen auch, dass man vom Feminismus im Plural sprechen muss. Es ist nicht das Gleiche, auf eine Demo im Dorf mit 1000 Einwohner:innen oder in einer Stadt mit 500 000 zu gehen.

Wieso nicht?

Wenn du in einem kleinen Dorf bist und dein Vater dir nicht erlaubt zu demonstrieren, ist es schwieriger, doch zu gehen, weil er es sofort erfährt. Das geschieht in einer Stadt nicht, da kannst du auch behaupten, du würdest in die Bibliothek oder ins Kino gehen. Es gibt keine Anonymität, weil alle sich kennen. In Spanien gibt es in den Dörfern einen eklatanten Mangel an grundlegenden Dienstleistungen in den Bereichen Verkehr, Gesundheit, Bildung, Kultur. Da es sich um Gemeinschaften handelt, in denen alle alle kennen, werden bestimmte Dynamiken und Hierarchien eher toleriert, und es ist schwieriger, das Schweigen zu brechen, einen Schritt nach vorne zu machen, sozusagen aus der Norm herauszutreten. In vielen Dörfern wird leider immer noch darüber nachgedacht, was „die Leute“ sagen werden. Das ist eine Angst, die man von der Mutter und der Großmutter erbt. Man muss versuchen, die jeweils anderen – also die Frauen in der Stadt oder die auf dem Land – zu verstehen und die eigenen Privilegien zu checken, zu begreifen, aus welcher Position heraus man spricht.

„Meine Mutter und Oma haben die Strukturen einfach hingenommen“

Du zitierst eine Statistik, laut der nur 2,2 Prozent der im ländlichen Spanien beschäftigten Frauen in den Bereichen Viehzucht, Forstwirtschaft und Fischerei arbeiten – und fragst dich, wo all die Frauen, die du in der Landwirtschaft kennst, wie deine Mutter oder deine Großmutter, in dieser Statistik auftauchen. War die Realisierung, dass ihre Arbeit nicht als „Arbeit“ gilt, der Auslöser für deine Beschäftigung mit dem Feminismus?

Das war einer der Hauptgründe. Die Angaben in der Statistik entsprechen nicht dem, was ich Tag für Tag auf dem Land sehe. Wenn es darum geht, die Ziegen zu melken, während der Lämmersaison auf dem Bauernhof mitzuhelfen und die Lämmer aufzuziehen, sauberzumachen oder zur Hand zu gehen, wenn jemand fehlt, sind es die Frauen. Sie werden aber gleichzeitig nicht als Landwirtinnen bezeichnet. Wir reden hier also nicht von Frauen, die einmal im Jahr aushelfen, sondern das mehrere Tage die Woche tun. Aber diese Arbeit ist unsichtbar, weil sie nicht in den Daten der Verwaltung auftauchen.

Wie willst du das ändern?

Ich will Vermittlerin und Sprachrohr für sie sein. Weil ihre Stimmen so unterdrückt sind. Mit meinem Buch habe ich versucht, einen Raum für Debatten und Begegnungen zu schaffen, in dem sich die Menschen gesehen und wertgeschätzt fühlen. Das ist fundamental wichtig, weil sie über so viele Jahre hinweg herabgewürdigt wurden.

Du nennst dich selbst „die erste Tochter“. Was genau meinst du damit?

Ich bin die erste Tierärztin in meiner Familie, die erste, die sich dieser maskulinen Welt, die man mit dem Land assoziiert, entgegenstellt. Meine Mutter und Oma haben die Strukturen einfach hingenommen und sie nicht hinterfragt. Das lag natürlich auch daran, dass sie in einer Diktatur gelebt haben. Ich bin die erste, die ihre Geschichte erzählt, weil meine Mutter und Großmutter dachten, ihre eigenen Geschichten seien nicht interessant, so wie viele Frauen das denken. Deswegen bezeichne ich mich als die erste Tochter, die schreibt und diese Themen ans Licht bringt und mit alten Dynamiken bricht. Dank dieses Bewusstseins konnte ich mich engagieren und das Leben führen, das ich habe. Ich danke all den Frauen, die vor mir da waren.

Der 8. März 2018 war laut dir ein entscheidender Moment für den spanischen Feminismus. Warum?

Die Demos damals waren krass, ein Wendepunkt für die ganze Bewegung. Ich war auf der Demonstration in Córdoba, und mein erstes Gefühl war Freude.

Und das zweite Gefühl?

Als ich nach Hause kam und Fernsehen und Social Media checkte, sah ich, dass in den Dörfern kaum was los war. Ich war erst enttäuscht. Aber als ich darüber nachgedacht habe, habe ich verstanden, dass es nicht das Gleiche ist, in einem Dorf zu demonstrieren. Von 2018 auf 2019 gab es dann jedoch einen krassen Wandel. Die Frauen, die 2018 auf die Straßen gegangen sind, haben den Weg bereitet, und 2019 haben ganze Dörfer demonstriert oder gestreikt. Die Frauen, die 2018 in der Stadt auf die Straße gegangen sind, haben die Frauen auf dem Land inspiriert.

In Spanien gab es 2016 einen Gruppenvergewaltigungsfall, der als „La Manada“ („Das Rudel“) bekannt wurde, weil sich die Männer in ihrer Whatsapp-Gruppe so nannten. 2018 wurden sie ursprünglich zu leichten Strafen verurteilt, ein Urteil, das nach einer großen Protestwelle revidiert und verschärft wurde. Wie sehr hat dieser Fall den spanischen Feminismus verändert?

Ich glaube, das Wichtigste war, das Schweigen zu brechen. Als Folge dieses Falles meldeten sich viele Frauen aus verschiedenen Generationen zu Wort. Erstmals teilten sie ihre eigenen Erfahrungen zu sexuellen Übergriffen, die sie erlebt haben. Endlich haben wir angefangen, das Unaussprechliche zu benennen. Das ist auch die Macht der Geschichten, des Erzählens. Tausende von Frauen gingen auf die Straße und riefen unter anderem „Ich glaube dir“ und „Das ist kein Missbrauch, das ist Vergewaltigung“.  Dieser Fall war von entscheidender Bedeutung.

Die Übersetzung deines Buchs ist erst jetzt erschienen, das Buch selbst aber schon zweieinhalb Jahre alt. Wie waren die Reaktionen seitdem?

Für mich war das beste Geschenk seit der Veröffentlichung all die Erfahrungen, die mir auf Lesungen, Treffen, Konferenzen und in Dörfern erzählt wurden. Es war sehr bewegend und auch merkwürdig zu sehen, wie im gesamten Land unaufhörlich diese beiden Sätze von Menschen geäußert wurden, die unterschiedlichster Herkunft sind, die ganz andere Lebensumstände, Berufe und Wohnorte haben als ich: „Dieses Buch ist, als wäre es von mir geschrieben“ und „Du hast mein Leben erzählt“.  Ich denke auch, dass das Buch in gewisser Weise mit der einfachen und flachen Darstellung unserer ländlichen Gebiete gebrochen hat und eine Tür für neue Erzählungen geöffnet hat, die vielfältiger sind und die Stimmen an unseren Rändern berücksichtigen, die letztendlich diejenigen sind, die das gesamte Land stützen.

Zur Autorin:   

María Sánchez, geboren 1989 in Córdoba, hat neben „Land der Frauen“ (Blessing Verlag) in Spanien zwei weitere Bücher veröffentlicht, den Lyrikband „Cuaderno de Campo“ (2017) und ein illustriertes Buch, das ländliche Begriffe sammelt, die langsam in Vergessenheit geraten („Almáciga. Un vivero de palabras de nuestro medio rural“, 2020). Von Oktober bis Dezember hat sie ein Aufenthaltsstipendium in der Villa Waldberta in München.

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