Bartosz' LGBTQ-Fotoprojekt geht in Polen viral

Darin kritisiert er LGBTQ-feindliche Beschlüsse im Land.
Interview von Olivia Kortas

Bartosz trägt eine selbstgemachte Armbinde. Sie zeigt den polnischen Adler auf der Regenbogenfahne.

Foto: Emilia Oksentowicz

Mehr als 80 polnische Gemeinden, Städte und Regionen haben im Stillen LGBTQ-feindliche Beschlüsse durchgesetzt. Sie erklären darin, das „Propagieren einer LGBTQ-Ideologie“ verhindern zu wollen. Der 29-jährige schwule Aktivist und Filmemacher Bartosz Staszewskis zeigte in einem Fotoprojekt diese Zonen – und erregte damit Aufmerksamkeit und Entsetzen.

jetzt: Du reist mit einem Schild, auf dem „LGBTQ-Ideologie-freie Zone“ steht, in verschiedene polnische Orte. Wozu?

Bartosz Staszewski: Seit fast einem Jahr verabschieden polnische Lokalpolitiker Beschlüsse, die sich gegen LGBTQ richten. Sie erklären darin, dass sie Schulen und Kinder vor einer ‚LGBTQ-Ideologie‘ schützen wollen. Die widerspreche angeblich christlichen Werten. Außerdem wollen sie auch keine Sexualkunde in den Schulen. Ich wollte die Aufmerksamkeit darauf lenken, also habe ich dieses Schild bestellt, um die Dinge beim Namen zu nennen. Ich bitte Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender, die in den betroffenen Orten wohnen, vor dem Schild zu posieren, um zu zeigen, vor wem die Politiker ihre Orte angeblich schützen wollen.

Waren die Leute auf deinen Fotos eigentlich überrascht, dass ihre Politiker für solche Beschlüsse gestimmt haben?

Das ist unterschiedlich. Eine von ihnen, sie heißt Kasia und hat eine Freundin, erfuhr erst durch Medienberichte von dem Beschluss in ihrem Ort. Sie sagte mir, dass sie im Alltag keine Homophobie spüre – aber trotzdem nie mit ihrer Freundin zum Abschlussball gehen würde oder so etwas. Ein anderer dagegen, er heißt Kazimierz, schrieb seinem Gemeinderat schon vor den Aufnahmen. Er schrieb, dass er ein gläubiger Schwuler ist, ein Katholik, der seit 58 Jahren in diesem Ort wohnt und dort geboren wurde, dass er niemals eine Bedrohung dargestellt hat und dass ihn der Beschluss beleidigt. Er erhielt eine formale Antwort: Er solle sich nicht betroffen fühlen, weil sich der Beschluss nicht gegen ihn richtet, sondern gegen eine Ideologie.

Deine Fotos gingen im polnischen Netz, vor allem auf Facebook, viral. Aber wie wurdest du selbst auf die Beschlüsse aufmerksam?

Die Stadt Świdnik war die erste, die so etwas durchgesetzt hat, ich bin zehn Kilometer entfernt aufgewachsen. Darauf bin ich online gestoßen. Ich dachte, das sei ein homophober Einzelfall. Dann bekam ich zufällig mit, dass das Parlament der gesamten Lubliner Region den Beschluss annehmen möchte. Der Chef des Regionalparlaments schickte den Entwurf zudem an alle Lubliner Kreise, Städte und Gemeinden. Erst da verstand ich, dass wir es mit einer organisierten Kampagne zu tun haben.

Aktivist Bartosz Staszewski fotografiert sich auch selbst mit Schildern.

Foto: Przemysław Stefaniak

Honorata posiert vor dem Ortsschild ihres Dorfes Końskowola. Sie ist eine von nur knapp 2200 Einwohnern.

Foto: Bartosz Staszewski

In Jakubs Stadt Puławy in Südosten Polens leben rund 50.000 Einwohner.

Foto: Bartosz Staszewski

Jakubs Landgemeinde Trzebieszów liegt 120 Kilometer östlich von Warschau.

Foto: Bartosz Staszewski

Kasia erfuhr erst durch Medienberichte davon, dass der Stadtrat ihrer Heimatstadt Zamość einen LGBT-feindlichen Beschluss durchgesetzt hat.

Foto: Bartosz Staszewski

Die Stadt Świdnik war die erste, die derartige Beschlüsse durchgesetzt hat, Bartosz ist zehn Kilometer entfernt davon aufgewachsen.

Foto: Bartosz Staszewski

Wieso ist dir das Thema selbst so wichtig?

Ich bin in Schweden geboren und bin mit meinen polnischen Eltern nach Lublin gezogen, als ich sechs Jahre alt war. Ich bin also dort aufgewachsen, wo das mit den Beschlüssen angefangen hat. Ich konnte nicht einfach stillsitzen. Ich selbst habe es jetzt gut, ich bin ein weißer, schwuler Mann und ich lebe in Warschau, wo mir nichts passiert. Ich bin freier Filmemacher, niemand schmeißt mich aus dem Job. Die wahren Helden sind die Leute, die sich von mir fotografieren lassen.

„Sie verstehen nicht, dass in ihrer Ortschaft auch LGBTQ wohnen“

Hast du versucht, mit den Lokalpolitikern zu sprechen?

Ich war mit Freunden im Lubliner Regionalparlament, aber dort akzeptierte man uns nicht als Diskussionspartner. Die Abgeordneten lachten uns am Ende sogar aus, als der Woiwode, also der Präsident der Region Lublin, das Wort ergriff. Er erklärte, uns fehlen Manieren, weil wir in diesem Saal über unsere Sexualität sprechen.

Die Beschlüsse haben bislang einen symbolischen Charakter und führen keine neuen Verpflichtungen ein. Wozu dienen sie?

Es geht um Karrieren. Vergangenes Jahr waren wir, alle LGBTQ in Polen, politischer Feind Nummer eins, weil die Europa- und Parlamentswahlen stattfanden. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen strahlte Sendungen aus, in denen behauptet wurde, dass wir Polen hassen, dass wir Polen zerstören wollen. Auch lokale Politiker hoffen, dass sie mit solchen Aktionen ins Parlament kommen. Denn jeder spricht über das Thema. Es ist politischer Zynismus. Sie sagen, sie wollen ihre Ortschaft schützen. Aber sie verstehen nicht, dass in ihrer Ortschaft auch LGBTQ wohnen – dass das Kinder sind, Landwirte, Lehrer.

Auch in Russland gingen dem Verbot „homosexueller Propaganda“ regionale und symbolische Beschlüsse voraus. Hast du Angst, dass es auch in Polen zu radikaleren Beschlüssen kommt?

Ja, in diese Richtung bewegt sich Polen. Unsere Politiker benutzen die gleiche Sprache wie Putins Russland. In einigen Beschlüssen steht das Wort ‚Homo-Propaganda‘. Aber die Politiker sind nicht so dumm, ein Gesetz einzuführen. Sie wissen, dass sie dann ein ernsthaftes Problem mit der EU bekämen. Also setzen sie rein symbolische Beschlüsse durch. Für uns ist die Botschaft aber so und so klar: Wir werden nicht gerne gesehen.

Aktivisten analysierten die Sitzungen, in denen über die Beschlüsse abgestimmt wurde. Sie kritisierten, dass vor den Abstimmungen kaum diskutiert wurde. Das lässt eher auf Desinteresse schließen als auf Hass.

Klar, die Politiker wissen teilweise gar nicht, für was sie stimmen. In einem Fall fragte eine Stadträtin, was LGBTQ eigentlich heißt. Der Ratsvorsitzende antwortete ihr: Das kommt aus dem Englischen, das musst du nicht wissen. Dann stimmten sie für den Beschluss.

„Es ist gar nicht so leicht, Personen für die Fotos zu finden. Viele fürchten sich vor dem Hass“

Woher kommt dann die Idee abzustimmen?

In manchen Ortschaften reichte der Brief des Lubliner Parlamentschefs aus, sie kopierten die Beschlüsse. Hinzu kommt die ultrakatholische, rechte Richterorganisation Ordo Iuris, die durch Polen fährt und sich mit Stadtratsabgeordneten trifft. Ordo Iuris hat einen Beschluss entworfen, eine Charta für Familienrechte, der schwer als Anti-LGBTQ-Beschluss zu entlarven ist. Darin steht zum Beispiel, dass die Familie, als älteste und grundlegendste Form des sozialen Lebens, geschützt werden müsse. Die Ehe werde laut dieser Charta aktuell diskriminiert, etwa weil uneheliche Paare und Alleinerziehende schneller Kindergartenplätze für ihre Kinder erhalten als verheiratete Paare. Die Lobbyisten von Ordo Iuris überzeugen Lokalpolitiker davon, ihre Charta einzuführen.

Du hast nur fünf Bilder machen müssen und dein Projekt sorgte in Polen für einen Aufschrei. Reicht dir das? Oder fährst du mit deinem Schild weiter durchs Land?

Ich habe mir die Orte mit den härtesten Resolutionen rausgesucht, also die, die LGBTQ direkt als Bedrohung bezeichnen. Das sind 37 Städte und Gemeinden. Ich werde in die restlichen 32 fahren, aber es ist gar nicht so leicht, Personen für die Fotos zu finden. Viele fürchten sich vor dem Hass, der sie danach treffen könnte – vor allem, wenn sie aus kleinen Orten kommen.

Und was erreichst du mit dem Projekt?

Bislang haben Lokalpolitiker über diese Beschlüsse abgestimmt, ohne sich groß Gedanken zu machen. Aber wenn jetzt ein Beschluss reinkommt, der gegen LGBTQ ist, dann denken sie sich vielleicht: ‚Verdammt, sollten wir das lieber bleiben lassen? Das könnte uns schaden.’ Es ist jetzt peinlicher, LGBTQ-feindliche Beschlüsse einzuführen.

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