Queere Männer, steht euch euer Style im Job manchmal im Weg?

Zumindest dann, wenn ihr gern lackierte Fingernägel habt und rosa Sweatshirts tragt?
Von Sophie Aschenbrenner und Marc Feuser
querfrage queers kleidung cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe queere Männer,

neulich war ich ziemlich wütend. Hanna Reichhardt, die stellvertretende Bundesvorsitzende der Jusos, hatte sich die Haare abrasiert und ein Bild davon auf Twitter gepostet. Sie sah super aus. Das fanden aber nicht alle. Der Leiter des Parlamentsbüros der Bild-Zeitung retweetete das Foto zusammen mit einem abschätzigen Spruch zur Arbeit der Jusos. Die (vielen) Kommentare unter seinem Post lassen sich gut zusammenfassen mit den Worten: „Frauen müssen lange Haare haben“ – nur waren diese Kommentare sehr viel beleidigender. Es ist schwer zu fassen, dass eine Frisur auch im April 2020 noch solche Reaktionen hervorrufen kann, aber wir Frauen sind es ja gewohnt, dass viele Männer sich das Recht herausnehmen, aus unserem Aussehen und Stil Rückschlüsse auf unsere Leistung zu ziehen.

Jetzt frage ich mich, wie es eigentlich einigen von euch queeren Männern geht, wenn ihr der ordentliche-Frisur-ordentliche-Hose-gebügeltes-Hemd-Norm nicht entsprecht, wenn ihr in der Öffentlichkeit auftretet. Wenn ihr euch die Fingernägel lackiert, Schmuck oder Lidschatten tragt oder einen rosa Hoodie – und zwar eben nicht beim Bier mit Freund*innen, sondern bei der Arbeit. Bei einem Interview, wenn ihr Journalisten seid, bei einem Vortrag, wenn ihr Dozenten seid, beim Kundengespräch, wenn ihr im Einzelhandel arbeitet, bei all solchen Anlässen eben, die sonst eher nach gedeckten Farben und Anzugschuhen rufen.

Das betrifft natürlich nicht nur queere Männer, euch aber vielleicht ein bisschen öfter. In einer Kolumne für jetzt hat Philipp Wehsack, der für ein Modemagazin arbeitet, neulich Folgendes geschrieben: „Ich finde, dass wir für eine gerechte und gleichberechtigte Gesellschaft auch eine ,männliche Emanzipation‘ brauchen: Eine Welt, in der es für Männer selbstverständlich ist, sich so anzuziehen und auszudrücken, wie sie es wollen. In den sozialen Medien ist das zum Glück schon so. Hier bekommen Jungs, die sich schminken, eine Plattform und Zuspruch. Auf der Straße ist das leider anders.“ 

Steht es euch manchmal im Weg, wenn ihr euch nicht der Norm anpasst? Kriegt ihr dumme Kommentare, wenn ihr dem Kunden die Hand mit den blau lackierten Fingernägeln hinhaltet? Behandeln euch Menschen wirklich anders, wenn ihr den lila Pulli gegen ein hellblaues Businesshemd eintauscht? Und: Sind die sozialen Medien wirklich ein Safe Space, oder kann es da auch ungemütlich werden?

Dass man sich Kompetenz nicht anziehen kann, ist ja eigentlich klar. Oder was meint ihr? 

Ganz viel Glitzer und Liebe,

eure Frauen

 

Die Antwort:

Hey Sweeties, 

quasi jedes Kind kriegt beigebracht: Kleider machen Leute. Und aus etlichen Studien wissen auch Erwachsene, dass es offenbar Zusammenhänge gibt zwischen meinem äußerem Auftreten und dem, wie ich wahrgenommen werde. Kleidung, Frisur und Schmuck sind soziale Marker, sie sind Stempel, Kategorien und Schubladen – mit allen positiven und negativen Seiten. Queere Menschen stellen sich die Fragen rund um ihr eigenes Auftreten sicher öfter als nicht-queere Menschen. Schließlich haben wir oft genug erfahren müssen, wie es sich anfühlt, wenn andere uns sagen: So, wie du bist, so, wie du aussiehst, gehörst du nicht dazu. Und dann wird’s problematisch.

Meiner Erfahrung nach reagieren Menschen, die Sakko oder Blazer ganz automatisch mit den Attributen „seriös“ oder „erfolgreich“ verknüpfen, in erster Linie irritiert, wenn ich als queerer Mann mit viel Bling Bling den für mich perfekten Auftritt hinlege.

Im besten Fall nehme ich diese Irritation wahr und kann sie ansprechen. Ich kann erklären, dass ich mich mit bunt schillernden Fingernägeln genauso wohl fühle wie der Kollege in Krawatte. Dass ich gerne Schmuck trage, weil ich es schön finde, und mich unvollständig fühle, wenn ich ihn ablege (oder „gebeten“ werde, ihn abzunehmen).

Menschen nennen meine Outfits gerne „unprofessionell“ oder „zum Fremdschämen“

Im nicht so idealen Fall – und das passiert leider häufiger – läuft es ein bisschen anders. Manche Menschen tendieren dazu, Dinge, die sie nicht gewohnt sind, nicht etwa hinzunehmen, sondern aktiv abzulehnen. Das erlebe ich etwa, wenn ich vor eine Kamera trete (ich arbeite als Journalist, manchmal fürs klassische Fernsehen, manchmal für Online-Formate). Ich moderiere dort nicht, sondern bin etwas, was man in unserer Branche einen On-Reporter nennt. Ich recherchiere, sammle Eindrücke und Informationen – und bei all dem läuft eine Kamera mit und wir machen später einen Film daraus. Klar, da läuft nicht immer alles perfekt – dafür kann man „den Reporter“ auch gerne kritisieren. Hier erlebe ich aber auch, dass Zuschauer*innen mich wegen meines Äußeren ganz prinzipiell ablehnen. 

So passiert bei meinem letzten Film, für den ich einen Immobilienmakler begleitet habe. Der Makler war klassisch im sportlichen Anzug unterwegs, ich klassisch mit Lieblingsstücken aus meinem Kleiderschrank: vom grünen Samt-Sakko über das rosa Sweatshirt bis zum bunten Batik-Pullover. Wir beide haben uns in unseren Outfits wohlgefühlt. Da also kein Problem. Davon, dass ich mich in meiner Kleidung wohlfühle, waren einige Zuschauer*innen aber offenbar so irritiert, dass sich viele in den Kommentaren über meine „schweinchenrosa“ Outfits ausgelassen haben – in deren Sicht zu „unprofessionell“, „zum Fremdschämen“ oder „nicht Auszuhalten“. Autsch.

Zugegeben, dieses „Problem“ haben meine weiblich gelesenen Kolleginnen noch viel häufiger. Der Rock „zu kurz“, das Lachen „zu laut“, immer wieder bekommen Menschen in der Öffentlichkeit ungefragte Rückmeldungen von Zuschauer*innen. Manche von uns, die die Wucht solcher anonymen, toxischen Kommentare ganz unvorbereitet trifft, können sich davon nur mit psychologischer Unterstützung wieder soweit abgrenzen, dass sie einfach weiter ihre Arbeit machen können.

Ich finde es wichtig, dass (jüngere) Mit-Queers Vorbilder sehen, die sich so kleiden, wie sie wollen

Auch für Menschen, die bei der Arbeit nicht von einer Kamera begleitet werden, ist die Frage „Wie queer trete ich auf“ ein Thema. Ein Freund von mir arbeitet gelegentlich im Auftrag des Hessischen Kultusministeriums. Auch er bekam schon von Ministerialbeamten beordert, er möge sich, wenn er mit Schüler*innen spricht, doch bitte „ordentlich“ anziehen. Als „starker Mann“ beim Tische schleppen helfen. Auch hier zeigt sich, dass der von glitzernd schimmernden Leggins irritierte Ministerialbeamte nicht besonders viel von Konzepten wie Selbstakzeptanz und Selbstliebe hält. Jetzt können wir Queerdos anfangen, uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufzuregen und Grundsatzdebatten über Queer-Sein und Genderrollen anfangen. Das finde ich aber nicht zielführend. 

Manchmal hilft es, im Anschluss an eine Situation ein konfrontatives Gespräch mit der irritierten Person zu führen. Zu erklären, was es mit unserem Kleidungsstil auf sich hat (auf diese Idee würde umgekehrt aber wohl kein*e Sakko-Schlips-Träger*in kommen).

Mein Rat also: stoische Gelassenheit. Ich finde es wichtig, dass (jüngere) Mit-Queers Vorbilder sehen. Dass sie die wunderschönen Auftritte aller Queers auch als Signal verstehen: Es ist richtig, dass du dich so kleidest, wie du dich wohlfühlst. Und wenn auch du dich als Mann siehst und wahnsinnig gern rosa trägst, dann tu das! In den Medien ist das genauso wichtig wie in der hessischen Ministerialbürokratie.

Viele Grüße,

eure Queers

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