Queere Menschen, wie sollen wir uns auf der Pride verhalten?

Sollen Nicht-Queers auf Pride-Demos die Regenbogenflagge schwenken?
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Liebe Queers, 

seit Anfang Juni wird der Pride Month gefeiert und es gibt viele Veranstaltungen, die schließlich im Christoper Street Day ihren Abschluss finden. Auch im eher bürgerlichen München, wo ich wohne, wird der CSD schon lange mit bunten Umzügen, mit Regenbogenflaggen an Trambahnen und mit Ampeln, die gleichgeschlechtliche Paare zeigen, gefeiert. Ich selbst war noch nie auf einer Pride-Demo. Ich habe nämlich ein wenig Angst, dort als nicht-queere Person vielleicht fehl am Platz zu sein und wie eine Touristin zu wirken, die sich irgendeine Attraktion ansieht. Trotzdem möchte ich mich mit queeren Personen solidarisch zeigen. Gemeinsam zu feiern und für Gleichberechtigung einzustehen, ist wichtig und macht sicher auch einfach sehr viel Spaß. Soll ich in diesem Jahr zum ersten Mal auf eine Pride-Parade gehen? Und wenn ja, wie soll ich mich dort verhalten?

Sollen wir (Regenbogen-)Farbe bekennen?

Ist es seltsam für euch, wenn ich mich als nicht-queere Person mit Pride-T-Shirts oder aufgemalten Regenbögen im Gesicht schmücke? Suggeriere ich damit nicht, dass ich mich auch als queer identifiziere? Ich bin mir außerdem unsicher, ob es angebracht ist, eine Regenbogenflagge zu schwenken, weil das doch auch eine Form der Aneignung queerer Symbole ist. Schließlich sind die Regenbogenfarben ein zentrales und geschichtsträchtiges Zeichen der LGBTQIA+-Community. Zuvor nutzte die Friedensbewegung die Farben, die ein weltweites Symbol für Frieden und Aufbruch sind. Wenn wir nicht-queeren Personen also bei einer Parade mitlaufen würden, sollen wir auf Regebogenfarben – egal ob im Gesicht oder auf einer Flagge – verzichten?

In den Monaten der Pandemie war es für euch außerdem schwer bis unmöglich, Safe Spaces zu besuchen und euch mit anderen Queers auszutauschen. Auf Veranstaltungen des Pride Month geht das jetzt endlich wieder. Wollt ihr also einfach besonders ausgelassen feiern und flirten – und das lieber ohne nicht-queere Menschen? Oder findet ihr es wichtig, dass wir unsere Solidarität bekunden und uns unterstützend in die bunten Umzüge einreihen? 

Bereit, mit euch den Pride-Month zu feiern,

eure nicht-queeren Menschen 

Die Antwort:

Hey liebe nicht-Queers,

den ersten Schritt des richtigen Verhaltens einer nicht-queeren Person erfüllst du schon: Du machst dir Gedanken dazu, wie du dich am besten auf der Pride verhältst.

Tatsächlich wünsche ich mir nach so vielen Monaten der Pandemie irgendwo tatsächlich eine Pride exklusiv für queere Menschen. Einfach damit wir, wie du bereits erahnt hast, uns auszutauschen und untereinander sein können.

Je mehr Menschen auf der Straße, desto besser, aber: Lasst queeren Menschen den Vortritt

Andererseits finde ich es wichtig, dass ihr euch solidarisiert: Ich denke beispielsweise an die Situation der LGBTQI+ in Polen, die sich aufgrund der konservativen Regierung zuspitzt und an die 21 queeren Menschen aus Ghana, die nachdem sie an einer LGBTQI+ Konferenz teilgenommen hatten, festgenommen wurden. Da ist es natürlich wichtig, dass auch nicht-Queers uns unterstützen und auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam machen. Je mehr Menschen auf der Straße, desto besser.

Falls ihr also beschließt, auf die Pride zu gehen – eventuell auch, um queeren Freund*innen oder Familienmitgliedern, die nicht alleine gehen möchten, Gesellschaft zu leisten, dann macht euch bitte Folgendes klar: Die Pride-Parade ist ein Protest. Es geht nicht nur ums Feiern und Trinken. (Daran sollten sich übrigens auch die queeren Menschen erinnern!) Informiert euch also über den Stonewall-Aufstand. Wenn ihr mitmarschiert, stellt euch in die hintersten Reihen und lasst queeren Menschen den Vortritt.

Wenn ihr queere Menschen ausgelassen feiern und singen hört, starrt sie nicht an. Ich erinnere mich an eine Pride, bei der ich mich etwas unwohl gefühlt habe, weil eine queere Freundin und ich als einzige lauthals zu Katy Perry gesungen hatten. Kann natürlich aber auch sein, dass die Menschen um uns herum ebenfalls queer und nicht in Stimmung waren.

Seid solidarisch mit allen sexuellen Orientierungen. Respektiert jede Identität

Zudem solltet ihr die Pride nicht ausnutzen, um queere Menschen nach ihrem Coming-out, ihrem Sexleben oder ihrem Lebensstil auszufragen. Führt keine „Interviews“ mit uns. Seid solidarisch mit allen Geschlechtern und sexuellen Orientierungen, selbst wenn ihr einiges nicht nachvollziehen könnt. Respektiert jede Identität.

Das Schwenken der Flagge oder das Aufmalen von Regenbögen im Gesicht finde ich ziemlich unpassend. Mein erster Gedanke wäre nämlich: Ach, die Person ist queer! Mir wäre es lieber, ihr würdet euch dezenter kleiden und weniger Aufmerksamkeit auf euch ziehen.

Falls es finanziell möglich ist, supportet die Organisationen vor Ort, indem ihr etwas spendet oder kauft. Das ist nämlich viel effektiver als irgendeinen Regenbogen-Rasierschaum oder eine Kaffeetasse eines Unternehmens zu kaufen, das sich überhaupt nicht für unsere Rechte einsetzt. Dieses Vorgehen beschreibt man als „Regenbogenkapitalismus“ oder „Rosa Kapitalismus“. Der Kampf der queeren Menschen ist jedoch antikapitalistisch.

Ansonsten gilt natürlich, auf die individuellen Bedürfnisse der LGBTQI+ um euch herum zu achten. Ich bin gespannt, wie die Pride während der anhaltenden Corona-Zeit ablaufen wird!

Viele Grüße, eure Queers

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