Schwule Männer, sind eure Freundschaften mit Frauen wirklich so unkompliziert?

Und ist es ein Mythos, dass sich jede Frau einen schwulen Freund wünscht?
Von Marcel Laskus und David Würtemberger

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe schwule Männer,

seitdem ich denken kann, waren die meisten meiner guten Freunde männlich. Das war im Kindergarten so, als wir mit Lego gespielt haben. Es war so in der Schule, als wir auf den Bolzplatz gingen. Und es hat sich jetzt auch nur ein bisschen geändert. Mit diesem Übergewicht an Männerfreundschaften bin ich nicht allein. 90 Prozent der Freundschaften werden mit dem gleichen Geschlecht geschlossen. Das wirkt irgendwie altbacken in einer Zeit, in der man in vielen Bereichen deutlich weiter ist und die Unterschiede zwischen Männern und Frauen abschmelzen. Geht es aber um Freundschaften, ist es offenbar so: Männer treffen Männer. Frauen treffen Frauen. Und wenn sie ein Paar werden oder miteinander ins Bett gehen wollen, ja dann trifft sich sogar ein Mann mit einer Frau! 

Seltsam ist das schon, auch weil es in der Theorie ja anders aussieht: Vier von fünf Menschen sagen, dass Männer und Frauen natürlich Freunde sein können. Freundschaften zwischen zwischen Männern und Frauen sind also einerseits erstrebenswert – in der Realität aber ziemlich selten. 

Und die Gründe dafür kennt ja jeder: Eifersucht. Missverständnisse. Das Gefühl, dass bei einem von beiden ein ernstes Interesse dahinter steckt, das über die Freundschaft hinaus geht. Wenn ich mich – als heterosexueller Mann – mit einer guten Freundin zum Abendessen verabrede und anderen davon erzähle, dann schwingt beim Gegenüber oft auch etwas mehr mit als wenn ich mich mit einem männlichen Freund zum Essen treffe. Ein Augenzwinkern, ein unausgesprochenes „Geht da was?“. Und wie oft habe ich schon gehört, dass Freundschaften von Frauen und Männern auseinandergingen, weil er etwas von ihr wollte, sie aber nichts von ihm. Oder eben andersherum. Offenbar wollen sich viele solchen Ärger gar nicht erst antun.

Wenn ich das höre, denke ich mir: Homosexuelle Männer sollten dieses Problem nicht haben. Immerhin gibt es ja keine Eifersucht, keine Verklemmtheit, keine Schwärmereien, wenn ein Schwuler sich mit einer Frau trifft, um miteinander ins Kino oder in eine Bar zu gehen. Und dann ist da ja noch das Klischee, dass jede Frau furchtbar gern einen schwulen besten Freund an ihrer Seite hätte. Stimmt das eigentlich? 

Eine Freundschaft zwischen einer Frau und einem schwulen Mann stelle ich mir beneidenswert unkompliziert vor. Aber ist das so? Sind für euch, liebe schwule Männer, Freundschaften mit Frauen wirklich so entspannt und erfüllend? Oder entstehen ganz andere Probleme bei diesen Freundschaften? Und wie ist es andersrum: Könnt ihr ganz unkompliziert mit Männern befreundet sein? Vielleicht habt ihr einen Rat für uns, wie wir den Anteil gleichgeschlechtlicher Freundschaften ein bisschen kleiner werden lassen können.

Mit freundschaftlichen Grüßen,

eure heterosexuellen Männer

Die Antwort: 

Liebe Hetero-Männer,

ja, das Klischee ist wahr: Die Freundschaft zwischen einer Frau und einem schwulen Mann ist wirklich etwas ganz Besonderes. Das hat aber eher wenig damit zu tun, dass wir zu einer befreundeten Frau keine Gefühle entwickeln, weil wir eben auf Männer stehen.  Aber eins nach dem anderen.

Seit ich denken kann, habe ich mich hervorragend mit Mädchen und Frauen verstanden. Im Kindergarten habe ich mit Mädchen wie Jungs Lego gespielt, war außerdem der Don auf dem Autoteppich und habe liebend gerne Barbie und Ken in der Puppenecke knutschen lassen. Sagen wir so: Ein wenig verzaubert war ich wohl schon immer. Und das war eigentlich auch gar kein Problem. Bis mir das Leben die Pubertät um die Ohren watschte – und meiner Umwelt gleich mit.

Es war, als wäre jede Verbindung zu euch, den heterosexuellen Jungs, schlagartig vaporisiert. Und, kein Vorwurf, ihr habt es mich ganz schön spüren lassen. Ich wurde verarscht, gemobbt, beschimpft, geschlagen oder ignoriert. Auf dem Bolzplatz konnte ich mich auch nicht beweisen, da ich obendrein mit dem fußballerischen Talent eines Goldfischs gesegnet bin. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich weniger wert als ihr, weil ich eurem Bild von Männlichkeit nicht entsprochen habe. Weil ihr mich als schwach empfunden habt, als emotional, freundlich, dramatisch, empathisch, extravagant, künstlich, verträumt. Kommen euch diese Charakteristika irgendwie bekannt vor? Vielleicht weil es eine Personengruppe gibt, der eben diese Eigenschaften von unserer Gesellschaft zugeschrieben werden. Es ist eine ziemlich große Gruppe, ungefähr 50 % der Weltbevölkerung, auch 2020 noch strukturell benachteiligt und zu selten in Führungspositionen: Frauen.

Ja, es ist toll, dass wir offen über Sex reden können

Das, meine Herren, ist der Grund, warum viele schwule Männer eine besondere Verbindung zu Frauen verspüren. Weil dieses unausgesprochene Verständnis füreinander und das Sich-nicht-erklären-müssen die Basis bilden für viele unserer Freundschaften und eine ganz besondere Form von Intimität ermöglichen.

Natürlich kann ich nicht für alle Schwulen und alle Frauen sprechen. Frauenverachtung und Übergriffigkeit durch ignorante Männer ist leider auch in der Community ein Problem. Genauso gibt es genügend homophobe Frauen, die sich darüber empören, dass der schwule Kollege seine Sexualität immer so raushängen lassen müsse und bloß fern von den Kindern bleiben solle. Und ja, auch wenn sie die Ausnahmen sind: Es gibt wirklich Frauen, die unbedingt einen schwulen besten Freund – Betonung auf schwul, nicht auf Freund – suchen, weil wir nach Birkin Bags wohl das elementarste Teil für eine Carrie-Bradshaw-Fantasy sind.

Und natürlich ist auch nicht immer alles unkompliziert. Auch in unseren Freundschaften gibt es Dramen und Eifersüchteleien. Freundinnen, die plötzlich keine Zeit mehr für haben, weil sie hirnbefreite Verlierer am Start haben, die den schwulen Freund ekelhaft finden. Und wir haben sicherlich auch schon die Geduld der ein oder anderen Freundin überstrapaziert.

Aber am Ende können wir uns aufeinander verlassen. Es sind Frauen, die ihren Mund aufmachen, wenn uns irgendwer mit Schimpfworten erniedrigen will. Wir beschützen wiederum unsere Freundinnen, wenn Kerle im Club zu aufdringlich werden – oder wir nehmen sie direkt mit in unsere Bars, wo sie einfach nur entspannt mit uns feiern können. Wir müssen uns nicht voreinander verstellen oder uns schämen, weil wir mal zu „weiblich“ oder zu „männlich“ wirken. Wir trösten uns, wir geben einander Rat, wir sind füreinander da.

Beim Flirten kommen wir uns nicht in die Quere - im Gegenteil, die Wingwoman und ihr schwuler Counterpart? Dreamteam! Ja, es ist toll, dass wir offen über Sex reden können, dass wir allgemein sehr ehrlich sprechen können. Und klar, es ist natürlich ein entspannter Nebeneffekt, dass Verlieben kein Thema ist. Aber das ist eben nicht der Punkt, warum Frauen und Schwule so gut zusammen passen.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass ihr eure Vorstellung von Freundschaft überdenkt. Alleine die Annahme, dass Freundschaften zwischen heterosexuellen oder auch nicht heterosexuellen Frauen und schwulen Männern deswegen so gut funktionierten, weil sie nicht plötzlich im Bett laden könnten, stützt sich auf die Annahme, dass platonische Beziehung allgemein von sexueller Anziehungskraft gefährdet seien.

Vielleicht liegt mein persönlicher Tipp für euch darin, dass ich völlig problemlos, egal ob schwul, bi oder hetero, mit Männern befreundet bin – selbst wenn ich die Männer richtig heiß finde. Weil Sex und Anziehungskraft zwar ganz tolle Dinge sind, die man zelebrieren sollte – aber auch nicht überbewerten und vor allem nicht mit Determinanten für Freundschaft verwechseln sollte. Denn genauso, wie ihr von zerbrochenen Freundschaften gehört habt, weil die eine Person mehr wollte, habe ich schon oft Beziehungen kaputt gehen sehen, weil sie eigentlich viel bessere Freundschaften gewesen wären.

Liebe Hetero-Männer, ich glaube, ihr müsst ehrlicher sein und klarer kommunizieren, was ihr empfindet. Euch allgemein endlich zugestehen, dass es okay ist, Emotionen zu haben und diese auch zu zeigen. Versucht es nicht als Demütigung zu verstehen, wenn aus einer Bekanntschaft statt romantischer doch platonische Liebe wird. Vielleicht könnt ihr ja sogar versuchen, dem etwas Positives abgewinnen. Ich glaube nämlich, man selbst und das persönliche Glück wachsen auch durch den eigenen Freundeskreis – und je diverser der ist, desto mehr Möglichkeiten zum Wachstum bietet er.

Freunde? <3

Eure schwulen Männer

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