Frauen, warum nehmt ihr noch die Pille?

Trotz all der Kritik, die es in den vergangenen Jahren gab?
Von Niko Kappel und Lara Thiede
querfrage pille cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe Frauen,

vor 60 Jahren bedeutete die Pille vor allem sexuelle Freiheit, die die meisten Frauen vorher nicht kannten. Durch die Einnahme von Hormonen war es ihnen zum ersten Mal möglich, Sex zu haben und gleichzeitig sehr sicheren Schutz vor einer Schwangerschaft. Heute leben wir aber in einer anderen, aufgeklärteren Zeit. Es gibt inzwischen viel mehr Möglichkeiten der Verhütung, die Menschen kennen sich besser damit aus.

Aufklärung gab es in den vergangenen Jahren auch immer mehr über die Antibabypille. Wir wissen mehr über ihre Nebenwirkungen: Gewichtszunahme, Übelkeit, Probleme mit der Schilddrüse, Thrombose, keine Lust mehr auf Sex, Depressionen … aber was erzählen wir euch da. Ihr kennt die Liste, ihr nehmt das Zeugs ja. Frauen haben Hersteller sogar wegen der Nebenwirkungen verklagt. Aber genau weil ihr diese Liste kennt, fragen wir euch heute: Warum nehmt ihr die Pille überhaupt noch? Nehmt ihr diese Risiken bewusst in Kauf, weil eine ungewollte Schwangerschaft für euch schlimmer wäre? Oder fehlt es an Alternativen in der Verhütung?

Ist körperliche Unversehrtheit nicht wichtiger als Sex ohne Kondom?

Uns ist natürlich klar, dass Verhütung immer noch viel zu oft Thema der Frauen ist – und das ist scheiße. Nur weil ihr das potenzielle Baby in euch tragt, heißt das nicht, dass ihr allein dafür verantwortlich seid, eine Schwangerschaft zu verhindern. Trotzdem: Ihr setzt euch Ringe und Spiralen ein, messt Temperaturen und analysiert euren Zyklus. Viele von euch werfen sich Hormone in Form von Pillen ein, seit sie 14 Jahre alt sind. Warum nehmt ihr uns Männern damit immer noch die Arbeit ab?

Ihr könntet ja zum Beispiel auch verlangen, dass wir für Kondome sorgen. Deren Verwendung ist laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung immerhin gestiegen – um neun Prozent seit 2011. Sind die euch zu unsicher? Oder habt ihr zu häufig erlebt, dass Männer sich anstellen, diese überzuziehen? Die Pille ist laut diese Studie mit 47 Prozent in Deutschland immer noch Verhütungsmittel Nummer eins. Wenn auch nur knapp. Warum ist das so? Klar, es gibt auch Frauen, die Kondome nicht mögen. Aber wenn die Alternative dazu ein problematischer Hormoncocktail ist, dann doch lieber so? Ist körperliche Unversehrtheit nicht wichtiger als Sex ohne Kondom?

Wir glauben, dass wir da Nachholbedarf haben, deshalb erzählt mal bitte: Was können wir tun, dass weniger Frauen hormonell verhüten müssen? Was wünscht ihr euch von euren Partnern beim Thema Verhütung? 

Eure Männer

Die Querantwort:  

Liebe Männer,

es freut uns, dass ihr euch in Sachen Verhütung weiterbilden und uns damit offenbar entlasten wollt. Einige eurer Fragen irritieren uns dabei aber auch ein bisschen: zum Beispiel die Frage, warum wir die Pille denn nehmen, obwohl wir die Risiken kennen. Gleichzeitig schreibt ihr ja richtig, dass viele von uns die Pille schon nehmen, seit wir jugendlich und noch außerordentlich unaufgeklärt waren. So erklärt sich das jedenfalls in meinem Fall: Ich kannte die Risiken anfangs nicht, ich hatte keine Ahnung. Und jetzt ist das Risiko ja irgendwie schon da.  

Die Pille, das war früher etwas, das man in der Pubertät fast zwangsläufig von der Gynäkologin oder dem Gynäkologen verschrieben bekam. Für mich und meine Freundinnen war das einfach eine Gegebenheit, eine Vorsichtsmaßnahme, nichts, was einem irgendwann gefährlich werden könnte. Ich kann mich noch daran erinnern, dass mich meine Ärztin nicht besonders explizit vor Risiken und Nebenwirkungen gewarnt hat. Sie erwähnte zwar zwei oder drei, aber eher mit dem Duktus: „Das ist aber wirklich sehr selten, das kriegst du eh nicht.“ Ihr dürft euch das ähnlich vorstellen, wie wenn ihr euch in der Apotheke einen Maxipack Schmerztabletten holt – da bekommt ihr ja auch ein kleines Heads-Up. Und, wie sehr lasst ihr euch davon abschrecken? 

Als Jugendliche habe ich jedenfalls nicht abschätzen können, was die Einnahme nun wirklich für mich bedeuten kann. Auch, weil die Pille damals, vor zehn Jahren, öffentlich noch als vollkommen unproblematisch wahrgenommen wurde. In meinen Augen war die kleine Tablette stattdessen eine Problemlöserin.

„Dieses Medikament ist nichts, was man einfach so wirkungslos absetzen kann“

 

Nun fragt ihr aber danach, warum wir die Pille immer noch nehmen – also nachdem wir inzwischen mehr dazu wissen, welche Auswirkungen sie auf uns haben kann. Ihr fragt uns, ob uns unsere körperliche Unversehrtheit nicht wichtiger sei als „Sex ohne Kondom“. Natürlich ist den allermeisten von uns unsere Gesundheit wichtiger! Ich würde sogar behaupten, dass die wenigsten von uns überhaupt etwas gegen Sex mit Kondom haben, viele von uns verhüten doppelt. Mit dem Kondom schützen wir uns dann primär vor Geschlechtskrankheiten, die Pille allerdings bietet statistisch gesehen den besseren Schutz vor einer ungewollten Schwangerschaft. Und eben nicht nur das. Viele profitieren noch auf ganz anderer Ebene von ihr: Der „Hormon-Cocktail“ schadet nicht allen von uns gleichermaßen, er hilft uns manchmal ja auch.

Als ich anfing, die Pille zu nehmen, hat sie mein Leben schlagartig verbessert: Sie nahm mir nämlich nicht nur meine Sorgen in Sachen Schwangerschaft – sie hemmte das starke Zystenwachstum an meiner Gebärmutter, besserte mein Hautbild, machte meinen Zyklus regelmäßiger. Sie lindert noch heute meine Regelschmerzen, die früher unerträglich waren. Ich bin daher seit etwa zehn Jahren zufrieden mit der Pille und weiß nicht, wie das Leben ohne sie wäre. Mittlerweile wüsste ich das gerne – Aber ich nehme die Pille genau deshalb noch, weil dieses Medikament nichts ist, was man einfach so wirkungslos absetzen kann. 

Hätte ich ohne sie heute Zysten? Einen unberechenbaren Zyklus? Schlechte Haut? Letzteres hört sich vermutlich für viele nach keinem echten Problem an. Aber tatsächlich macht mir die Reaktion meiner Haut Angst. Ich kenne einige Frauen, die ihre Pille (die gleiche wie meine) abgesetzt und sofort Akne bekommen haben. Richtige Akne, nicht nur im Gesicht, Akne, die an den verschiedensten Körperstellen weh tut, monatelang bleibt und schlimm aussieht, die Narben hinterlässt. Ich bin gerade nicht bereit, mich mit diesem Problem herumzuschlagen, genauso wenig wie ich dafür bereit bin, mich jetzt aufwändig nach einer neuen Verhütungsmethode umzusehen.

Nur Kondome zu verwenden, ist mir nicht sicher genug, genau wie „natürliche“ Verhütung. Ein Diaphragma fände ich zu unpraktisch, die Spirale und Kupferketten (die übrigens ebenfalls Nebenwirkungen haben) müsste ich mir einsetzen lassen – und ich habe schlimme Dinge über das Herausholen gehört. Die Entscheidung, bei der Pille zu bleiben, ist für mich also schlichtweg die bequemste. Ich prokastiniere das Absetzen, einfach, weil ich Angst habe, was danach kommt. 

„Ihr müsst die Verantwortung auch wirklich auf euch nehmen wollen, damit ihr uns entlastet“

 

Für viele andere ist die Pille aber natürlich alles andere als bequem. Ihnen geht es durch die Pille ja wirklich schlecht, sie haben beispielsweise Depressionen oder körperliche Erkrankungen – die meisten finden den Grund dafür aber erst, wenn sie sich aus anderen Gründen getraut haben, die Pille abzusetzen. 

Diese Frauen freuen sich (wenn sie hetero sind) sicher besonders über eure Frage, was wir uns in Sachen Verhütung von euch wünschen würden. Die Antwort ist, wie ich glaube, relativ simpel: Dass ihr die Verantwortung auch wirklich auf euch nehmen wollt. Dass ihr dem Markt signalisiert, dass ihr zuverlässige Verhütungsmittel für Männer tatsächlich kaufen würdet – zum Beispiel durch Social-Media-Kampagnen, offene Briefe oder einfach eure Google-Anfragen. Ihr müsstet Vertrauen schaffen, dass sich der (finanzielle) Aufwand, der in Forschung und Produktion gesteckt wird, am Ende für Pharmakonzerne lohnen wird. 

Aber es geht natürlich auch noch einfacher: Ihr schreibt, wir könnten ja auch einfach von euch verlangen, dass ihr Kondome besorgt. Aber warum sollten wir das verlangen müssen? Denkt doch einfach selbst dran.

Eure Mädchen

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