„Vielleicht werde ich das Ende des Rassismus noch erleben“

Pierrette Herzberger-Fofana ist die erste Afrodeutsche im EU-Parlament. Ein Gespräch über ihren Weg in die Politik und „Black Lives Matter“.
Interview von Nadja Schlüter
dr pierrette herzberger fofana cover

Pierrette Herzberger-Fofana wurde in Mali geboren und wuchs im Senegal auf. Seit den Siebzigerjahren lebt sie in Deutschland.

Foto: Dr. Herzberger-Fofana

Listenplatz 21 war nicht der aussichtsreichste, aber dann holten die Grünen bei der Europawahl 2019 20,5 Prozent – und Pierrette Herzberger-Fofana zog als erste Afrodeutsche ins Europaparlament ein. Die 71-Jährige ist in Mali geboren, im Senegal aufgewachsen, hat in Paris und Trier studiert, in Erlangen promoviert und war von 2005 bis 2019 Stadträtin in Erlangen. Dort setzte sie sich vor allem für Antirassismus und Frauenrechte ein. 2009 wurde sie für ihr herausragendes Engagement als Kommunalpolitikerin von der damaligen Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen mit dem Helene-Weber-Preis ausgezeichnet.

Aktuell ist Pierrette Herzberger-Fofana zu Hause in Deutschland. Bei einem ihrer letzten Aufenthalte in Brüssel kam es zu einem Vorfall mit der belgischen Polizei, von dem sie auch in einer kurzen Rede im Europaparlament berichtete: Sie gab an, beobachtet zu haben, wie neun Beamte zwei Schwarze Männer belästigt hätten. Sie habe ein Foto gemacht, vier der Polizisten hätten ihr dann die Handtasche weggenommen, sie an die Wand gepresst und durchsucht, ihr zudem nicht geglaubt, dass sie Europa-Abgeordnete sei. Herzberger-Fofana hat Anzeige erstattet und wurde ihrerseits von der Polizei wegen „Verleumdung“ angezeigt. Da der Fall zur Zeit untersucht wird, darf sie nicht darüber sprechen. Wir haben dafür mit ihr über andere Aspekte aus ihrem bewegten Leben gesprochen.

jetzt: Sie waren die erste Frau aus dem Senegal, die in Deutschland studiert hat, die erste Afrodeutsche in einem deutschen Stadtrat, sind nun die erste Afrodeutsche im Europaparlament. Wie fühlt sich das an, so oft die Erste zu sein? 

Pierrette  Herzberger-Fofana: Ich sage lieber: „Ich gehöre zu den Ersten.“ Ich bilde mir auch nichts darauf ein, ich habe mir immer gewünscht, es hätte mehr wie mich gegeben. Weil das nicht so war, musste ich einige Hindernisse überwinden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich konnte zu niemandem aufschauen und niemanden fragen: „Wie machst du das?“ Dadurch habe ich gelernt, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und bin immer mein eigenes Vorbild gewesen. 1980 war  ich an der Universität Erlangen-Nürnberg Lektorin und habe einen Französischkurs übernommen. Damals war es noch ungewohnt, dass eine Schwarze Frau unterrichtet. Die Studierenden haben bei meinem Vor- und dem Doppelnamen wohl gedacht, da käme eine weiße Französin, die mit einem Schwarzen Mann verheiratet ist. Als ich dann schließlich in den Hörsaal kam, gab es ein riesiges Gelächter. Die Leute waren überrascht, dass eine kleine Schwarze Frau ihre Dozentin für Französisch ist.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe einfach angefangen, Französisch zu sprechen. Da waren sie alle baff. Nach der Stunde kam eine Studentin zu mir  und hat sich dafür entschuldigt, dass sie gelacht hat – leider habe ich sie danach nie wiedergesehen. Das ist nur eine Anekdote, aber so eine Geschichte kann jeder und jede von uns erzählen. Man lernt mit der Zeit, damit umzugehen, um sein Leben zu meistern.

„Der Mangel an Vielfalt in den EU-Institutionen ist beschämend“

Wieso haben Sie sich damals entschieden nach Deutschland zu gehen? 

Ich wollte Deutschlehrerin werden. Die deutsche Literatur hat mir gut gefallen, ich fand das alles ein bisschen exotisch, vor allem immer diese Wanderungen im Wald! Das war eine Sache, die wir nicht kannten, in der Savanne im Senegal geht ja kein Mensch wandern! (lacht) Ich wollte die Kultur kennenlernen und meinen Schülern*innen und Studenten*innen  im Senegal später davon erzählen. 

Waren Sie dann auch wandern?

Ja, sogar im Gebirge! Und Schloss Neuschwanstein habe ich mir auch angesehen. Ich musste mir ja eigene Bilder machen, die ich den Schüler*innen mitbringen konnte. Man konnte das damals nicht einfach googeln.

Aber dann sind Sie nicht mehr zurückgegangen, sondern geblieben.

Ja, weil ich 1973 geheiratet habe. 

Wie sind Sie in die Politik eingestiegen?

Ich habe mich für Frauenrechte engagiert und 1995 in Beijing am Frauengipfel teilgenommen. Als ich anschließend davon in einer lokalen Zeitung berichtet habe, haben mich die Grünen gefragt, ob ich nicht in Erlangen als Oberbürgermeisterin kandidieren will. Es war klar, dass ich nicht gewinne, aber darum ging es mir auch nicht: Zu dieser Zeit war der Rassismus in Deutschland sehr stark und meine Kandidatur sollte vor allem ein Zeichen setzen. So hat es angefangen – und heute bin ich im Europaparlament. 

Wie viele Schwarze Abgeordnete gibt es im Europaparlament?

Wir waren sieben, aber Magid Magid, der einzige Mann, ist durch den Brexit nicht mehr dabei. Jetzt sind wir sechs Schwarze Frauen aus Frankreich, Schweden, Luxemburg, den Niederlanden, Belgien und Deutschland – bei insgesamt 705 Abgeordneten. Der Mangel an Vielfalt in den EU-Institutionen ist beschämend und auf institutionellen Rassismus und Diskriminierung zurückzuführen. Das EU-Parlament hat darum zum Beispiel bei der Kommission dafür geworben, dass in den Institutionen mehr Schwarze Menschen eingestellt werden. Die Kompetenzen sind ja da! Als die Frauenquote eingeführt wurde und wir plötzlich Frauen für Führungsposten gebraucht haben, haben wir sie schließlich auch gefunden.

„Meine drei Kinder tragen Namen von Freiheitskämpfern“

Das heißt: Sie sind für eine BIPoC-Quote, analog zur Frauen-Quote?

Ich glaube, dass es anders nicht funktioniert. Wenn es eine Quote gibt, wird das schon mal einige ermutigen, sich überhaupt zu bewerben. 

Und wie gewinnt man mehr Schwarze und PoC für die Politik?

Man muss die Leute fragen! Gerade Frauen, die trauen sich sonst oft nicht.

So wie auch Sie gefragt wurden.

Man sollte Menschen konkret ansprechen und ihnen erklären, welche Möglichkeit es gibt, um in der Politik zu arbeiten. Die Parteien könnten sich vornehmen, bestimmte Menschen anzuwerben oder sie auf die guten Plätze auf ihren Listen zu setzen. Bei den Grünen machen wir es ja mit den Geschlechtern auch so: Die ungeraden Plätze sind immer von Frauen belegt. Es geht darum, Platz zu schaffen und diesen dann auch anbieten zu können. 

Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA ist „Black Lives Matter“ auch in Europa groß geworden, vor allem junge Menschen engagieren sich. Wie haben antirassistische Bewegungen Sie als junge Frau beeinflusst? 

Meine Kindheit und Jugend war von der Entkolonialisierung und den Befreiungskämpfen in Afrika sowie von der Bürgerrechtsbewegung in den USA in den Sechzigerjahren geprägt. In Afrika haben besonders viele Frauen gegen die Kolonialherren gekämpft, es gab berühmte Frauen-Märsche in der Elfenbeinküste und im Senegal. Aoua Kéita aus Mali war eine der Ersten in diesem Kampf, später war sie Parlamentsabgeordnete. Weil mich diese Zeit so geprägt hat, tragen meine drei Kinder Namen von Freiheitskämpfern. 

„Viele junge Menschen vergessen, dass es auch schon vor ihnen etwas gab“

Wie heißen sie?

Eldrige, nach dem Afroamerikaner Eldridge Cleaver (Aktivist der Black Panther Party, Anm. d. Red.). Amílcar nach Amílcar Cabral, dem großen Freiheitskämpfer von den Kapverdischen Inseln, von denen auch meine Mutter stammt. Und mein jüngster Sohn heißt Patrice Kwame, nach Patrice Lumumba und Kwame Nkrumah (erster Ministerpräsident des unabhängigen Kongo und erster Präsident des unabhängigen Ghana, Anm. d. Red.).

Wie war es in Deutschland? Haben die afrikanischen und amerikanischen Bewegungen sich auch dort ausgewirkt?

Die Afrodeutschen wurden sehr stark von der US-Bürgerrechtsbewegung beeinflusst, unter anderem, weil viele Afrodeutsche afroamerikanische Väter hatten, GIs, die in Deutschland stationiert waren. Vor allem die afroamerikanische Aktivistin und Autorin Audre Lorde hat für Schwarzen Frauen in Deutschland eine große Rolle gespielt. Ihr Werk hat den Anstoß gegeben, dass 1986 das Buch „Farbe bekennen: Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ von der Logopädin, Dichterin und posthum zur Professorin ernannten May Ayim und von Katharina Oguntoye erschienen ist. Sie sind heute  Ikonen der afrodeutschen Bewegung. 

Wie beeinflussen diese früheren Bewegungen Ihrer Meinung nach die heutigen Aktivist*innen?

Das soll keine Kritik sein, aber vielleicht ein Rat: Ich glaube, viele junge Menschen vergessen, dass es auch schon vor ihnen etwas gab, und haben vielleicht manchmal den Eindruck, sie müssten alles neu erfinden. Es wäre gut, wenn sie auch mal Ältere aus der Schwarzen Community fragen würden, wie der Aktivismus früher aussah. 

„Manchmal ist es schwierig, die ältere Generation Afrodeutscher überhaupt zu finden“

Es gibt nicht genug Austausch zwischen den Generationen?

Er ist nicht so stark, wie er sein sollte. Ich denke, dass die Arbeit für junge Aktivist*innen sehr kräftezehrend ist und es leichter wäre, wenn sie auch mal nachfragen würden. Natürlich ist es manchmal schwierig, die ältere Generation Afrodeutscher überhaupt zu finden: Viele haben sich zurückgezogen. In den Achtziger- und Neunzigerjahren waren in München zum Beispiel viele afrodeutsche Frauen aktiv – und ich weiß nicht, wo die heute sind. Das ist traurig, denn sie könnten sicher viele Erfahrungen teilen. Man muss aber auch sagen, dass Organisation wie die ISD (Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, Anm. d. Red.) oder ADEFRA (Verein für Schwarze Frauen und Women of Color, Anm. d. Red.) seit mehr als 30 Jahren bestehen. Und die Organisation „Each One Teach One“ hat in Berlin eine Bibliothek über afrikanische und afrodeutsche Geschichte aufgebaut und macht jetzt die erste Befragung von Schwarzen in Deutschland, den Afrozensus. Die NIFA (Nürnberger Initiative für Afrika, Anm. d. Red.) hat ebenfalls 2013 eine Bibliothek mit überwiegend afrikanischen Autoren*innen eröffnet und macht zahlreiche Veranstaltungen, seit 2015 auch mit meiner eigenen Veranstaltungsreihe „Black History Weeks“ in Erlangen, die den Beitrag von Afrikanern*innen und Schwarzen aus der Diaspora würdigt. 

Wie stehen Sie zu „Black Lives Matter

Die Bewegung hat eine Dimension angenommen, die erfreulich ist. Das zeigt, wie sich Europa verändert hat. Vor allem, weil bei den Demos nicht nur Schwarze waren. Bei dem Protest in Nürnberg habe ich vor 5000 Personen und in Erlangen vor über 500 Menschen gesprochen – und es waren sehr viele junge weiße Menschen dabei. Damit hätte ich nicht gerechnet und es hat mich sehr gerührt. Sie haben endlich verstanden, dass das ein Kampf ist, der uns alle angeht. Ich hoffe, dass das nicht nur ein Strohfeuer gewesen ist, sondern weitergehen wird. 

Viele Weiße haben sich in den vergangenen Wochen gefragt, wie sie gute Verbündete für Schwarze sein können. Welche Antwort würden Sie ihnen geben?

Um ein guter Verbündeter zu sein, muss ich wissen, mit wem ich mich verbünde – und dafür muss ich lernen, erst mal zuzuhören. Es gibt Weiße, die sagen: „Wir sind eure Verbündeten und wir organisieren das hier jetzt mal!“ Sie haben gute Ideen, sind engagiert, zeigen guten Willen, machen aus ihrer Sozialisation heraus aber manchmal Fehler. Weiße Menschen müssen erstmal Schritt für Schritt aus dem unbewussten Zustand in einen rassismuskritischen gelangen. Sie müssen erkennen, dass der antirassistische Kampf der Kampf einer Minderheit ist, den weiße Menschen begleiten – dass es gleichzeitig aber auch ein Befreiungskampf für sie selbst ist. Wir sind jetzt auf dem Weg, einen fruchtbaren Dialog zu führen, und das macht mich sehr glücklich. Vielleicht werde ich das Ende des Rassismus noch erleben – oder zumindest das Ende der schlimmen Konfrontation und der Gewalt. Das wäre ein Traum. 

„Wenn wir von #Metoo sprechen, sollten wir bedenken, dass diese Bewegung von einer Schwarzen Frau angestoßen wurde“

Der Welt haben Sie kürzlich allerdings gesagt: „Der Rassismus kommt zurück.

Einerseits machen wir Fortschritte, andererseits hören wir heute Parolen im Bundestag oder im Europaparlament, die wir vor einiger Zeit nicht für möglich gehalten hätten. Der Rechtsruck ist spürbar. In letzter Zeit gab es viele Entgleisungen von Menschen in Machtpositionen. Es gibt zum Beispiel Politiker, die das N-Wort verwenden. Vor 15 Jahren hätte man da noch mehr Hemmungen gehabt.

„Entgleisungen“ klingt so, als würde das aus Versehen passiert. Oft ist das doch einfach bewusste Provokation, oder?

Ja, und danach entschuldigt man sich. Aber dann wurde es ja schon gesagt.

Sie setzen sich auch für Feminismus und Frauenrechte ein. Schwarze Frauen und Women of Color kritisieren häufig, der Feminismus sei zu weiß. 

Es ist eine Tatsache, dass die Lebensrealitäten von Migrantinnen, Schwarzen Frauen, aber zum Beispiel auch von queeren Menschen im Feminismus oft wenig sichtbar sind.

Wie ließe sich das ändern?

Indem man die Arbeit dieser Frauen anerkennt! Wenn wir zum Beispiel von Intersektionalität oder von #Metoo sprechen, sollten wir bedenken, dass diese Bewegungen von Schwarzen Frauen angestoßen wurden. #Metoo wurde von Tarana Burke gestartet, hat aber erst Beachtung gefunden, als weiße Schauspielerinnen sich das angeeignet haben. Schwarze Frauen werden beiseite geschoben und nicht wertgeschätzt. Das ist ein großes Problem, denn sie müssen die Anerkennung immer in sich selbst finden, von sich aus den Wert ihrer Arbeit erkennen und akzeptieren. Aber gerade ändert sich etwas: Auf vielen feministischen Demonstrationen in Deutschland und auch bei „Black Lives Matter“ konnte man Plakate sehen, auf denen stand: „Kein Feminismus ohne Antirassismus“ oder „Only intersectional feminism is real feminism“. Wir müssen verstehen, wie die sich gegenseitig stärkenden Systeme von Heteronormativität, Rassismus und Sexismus wirken, und sie dekonstruieren. Damit wir dann die Gesellschaft aufbauen können, die wir haben wollen. 

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