„Die meisten Eltern verstoßen ihre Kinder“

Stefanie de Velasco verließ die Zeugen Jehovas – und veröffentlicht nun einen Roman, der vom Aufwachsen in der religiösen Gemeinschaft handelt.
Interview von Nadja Schlüter

Stefanie de Velasco ist selbst bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen und wurde als Teenagerin aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Foto: Joachim Gern

Ein ostdeutsches Dorf kurz nach der Wende: Die 16-jährige Esther wurde von ihren Eltern aus ihrem bisherigen Leben gerissen, um in der alten Heimat des Vaters mit der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas einen neuen Königreichssaal bauen. Esther vermisst ihre Freundin Sulamith, mit der sie seit der Kindheit in der Siedlung am Rhein alles geteilt hat: die Fresspakete bei den Sommerkongressen, die Predigtdienstschule, Gefühle und Geheimnisse. Doch Sulamith zweifelt zunehmend an dem Glaubenssystem, in dem die beiden Freundinnen aufgewachsen sind. Das führte in den Tagen vor Esthers Umzug zu verhängnisvollen Entwicklungen. Während Esther herauszufinden versucht, was mit Sulamith geschehen ist, stößt sie auf einen Teil ihrer Familiengeschichte, der bislang vor ihr geheim gehalten wurde.

„Kein Teil der Welt“ ist nach „Tigermilch“ der zweite Roman von Stefanie de Velasco. Die Autorin ist selbst bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen. Im Interview erzählt sie, wie die Angst vor dem Ende der Welt auf Kinder wirkt, warum sie die Zeugen Jehovas manchmal auch bewundert und wieso in ihrem Buch so viele Werbeslogans vorkommen.

jetzt: Du bist, wie deine Protagonistinnen Esther und Sulamith, in einer Gemeinde der Zeugen Jehovas im Rheinland groß geworden. Inwiefern ist dein Roman autobiografisch?

Stefanie de Velasco: Ich habe natürlich einen Bezug zu diesem Universum und wollte es schon immer gerne mal schildern. Meine eigene Geschichte ist aber eine ganz andere als die von Esther und Sulamith. Ich hätte es auch nicht besonders spannend gefunden, darüber zu schreiben.

„Ich hatte keine Lust, eine klassische ‚Aussteigergeschichte‘ zu erzählen“

Warum nicht? 

Ich hatte keine Lust, eine klassische „Aussteigergeschichte“ zu erzählen, und wollte das auch nicht pseudotherapeutisch aufarbeiten. Ich glaube eh nicht an Schreiben als Therapie.

Also bist du auch nicht nach der Wende vom Rheinland nach Ostdeutschland umgezogen, so wie Esther?

Nein. Aber ich habe als Kind in den Achtzigern mitbekommen, dass viele Zeugen Jehovas in den Ostblockstaaten verfolgt wurden. Wir wurden auch immer wieder aufgefordert, Briefe an die dortigen Regierungen zu schreiben. Als die Mauer fiel, sind viele Glaubensbrüder aus dem Westen rübergegangen, um dort Gemeinden zu gründen. Das fand ich interessant. Der Buchtitel, „Kein Teil der Welt“, ist ja das Credo der Zeugen Jehovas, weil Jesus zu seinen Jüngern gesagt hat: „Ihr sollt kein Teil der Welt sein, so wie ich kein Teil der Welt bin.“ Gleichzeitig ist die Geschichte der Zeugen Jehovas in Deutschland aber weltlich angebunden, weil sie sowohl im Nationalsozialismus als auch in der DDR verfolgt wurden.

Sulamith und ihre Mutter flüchten aus Rumänien nach Deutschland und finden bei den Zeugen Jehovas eine Heimat. Ich musste daran denken, dass ich die Zeugen oft vor Flüchtlingsunterkünften stehen sehe. Glauben sie, dort am ehesten jemanden überzeugen zu können?

Ich glaube, die Zeugen Jehovas machen sowas nicht mit Berechnung. Die sagen nicht: „Hah, heute gehen wir wieder auf Menschenfang!“, sondern denken tatsächlich, dass ihr Glaube der wahre ist, und dass diese „Wahrheit“ – so nennen sie das ja auch – der einzige Weg ist, glücklich zu werden. Und sie stehen ja wirklich überall, nicht nur vor der Flüchtlingsunterkunft, sondern auch vor McDonald’s oder am Flughafen.

In deinem Buch wird Cola, ein verwahrlostes Mädchen, bei den Zeugen Jehovas aufgenommen und fühlt sich dort dann sehr wohl. Gibt es bestimmte Voraussetzungen, um für so eine Gemeinschaft empfänglich zu sein?

Diese Frage beschäftigt mich bis heute und der Roman konnte sie mir auch nicht so richtig beantworten. Auf jeden Fall hat es erstmal nichts mit den religiösen Inhalten zu tun. Ich glaube, es reicht auch nicht, sich einfach nur alleine zu fühlen, sondern man muss das Gefühl haben, von der Welt missverstanden zu werden. Das ist bei den fundamentalistischen Konvertiten, die als Dschihadisten in den Heiligen Krieg ziehen, ja auch so.

„Ich wollte von einem weißen, religiösen Fundamentalismus erzählen“

Islamisten und Zeugen Jehovas sind sich ähnlich?

Ich wollte zumindest von einem weißen, religiösen Fundamentalismus erzählen, der nicht ansatzweise so marginalisiert wird, wie wir das mit den muslimischen Deutschen machen – von denen die meisten ja völlig moderat sind. Jeden Tag steht in der Zeitung dass muslimische Mädchen nicht zum Schwimmunterricht dürfen, dass in den Familien extrem archaisch-patriarchale Strukturen herrschen und zu Recht wird darüber kritisch diskutiert, aber auch viel pauschalisiert und polarisiert. Dass auch bei den Zeugen Jehovas ein Patriarchat herrscht und Kinder von der Mehrheitsgesellschaft ferngehalten werden, spielt nicht ansatzweise eine Rolle. Das finde ich rassistisch und ignorant.

Auch, wenn du nicht darüber schreiben willst: Wann und warum bist du bei den Zeugen Jehovas ausgestiegen? 

Mit 15 – ich feiere im Oktober meinen 25-jährigen Ausschluss. Es ging mir in der Gemeinschaft nicht mehr gut und mir kam das alles falsch vor, ohne, dass ich die Lehre groß hinterfragt hätte. Es kam dann zum Konflikt in der Familie, der ist irgendwann eskaliert und ich wurde aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Als ich später den Film „Die Truman Show“ gesehen habe, war das eine totale Offenbarung für mich, ich dachte: Krass, genau so war es bei den Zeugen Jehovas! Irgendwas kriegt einen kleinen Knacks und dann wird der immer größer und größer.

Sind nach deinem Ausschluss alle Kontakte zur Gemeinschaft abgebrochen?

Nein, ich habe weiterhin zu Hause gewohnt und meine Familie redet zum Glück bis heute mit mir. Aber die meisten Eltern ziehen das echt durch und verstoßen ihre Kinder. Mit allen anderen Leute von damals habe ich seitdem nicht mehr gesprochen.

„Meine Lehrer hatten große Berührungsängste, weil sie viel zu wenig über die Zeugen Jehovas wussten“

Im Buch halten verschiedene Emotionen und Kräfte die Mädchen in der Gemeinschaft: Angst, Zugehörigkeitsgefühl, Glaube, Scham. Was davon wirkt am stärksten?

Ich glaube, die Mischung macht’s. Als Kind ist aber vor allem die Angst besonders groß, ausgelöst durch die Geschichte, die das ganze System trägt: Harmagedon, Satan, die Dämonen. Das ist sehr traumatisch und man kann dieses „Alarmsystem“ danach nie wieder richtig abschütteln.

Warum rebelliert Sulamith gegen die Gemeinschaft, ihre Freundin Esther aber nicht?

Sie sind zwei verschiedene Temperamente. Esther ist keine Revoluzzerin wie Sulamith, sie will einfach nur ihre Ruhe haben und dass alles so bleibt, wie es ist. Ein weiterer Unterschied ist der Glaube: Esther ist es egal, an wen sie glauben soll, solange sie nicht aus ihrem Umfeld gerissen wird. Aber Sulamith nimmt den Glauben wahnsinnig ernst, sie sympathisiert mit den Protagonisten aus der Bibel, und wenn sie bestimmte Sachen nicht nachvollziehen kann, stellt sie unangenehme Fragen. 

Sulamith bekommt auch Unterstützung von außen. Kann ein Ausstieg ohne solche Hilfe überhaupt funktionieren?

Es ist sehr schwierig. Meine Erfahrung war, dass zum Beispiel meine Lehrer große Berührungsängste hatten, weil sie viel zu wenig über die Zeugen Jehovas wussten und sich nicht getraut haben, mal nachzuhaken. Das ist für die betroffenen Kinder ein großes Problem. Man sollte viel mehr darauf schauen, wie es den Leuten im eigenen Umfeld geht. 

„Fernsehen war bei den Zeugen Jehovas nicht verboten – nur, wenn sich Leute zu lange geküsst haben, hat meine Mutter umgeschaltet“

Du erzählst in deinem Roman auch von der Verfolgung der Zeugen Jehovas durch die Nationalsozialisten. Wolltest du deutlich machen, dass sie nicht nur „Täter“, sondern auch Opfer sind?

Absolut. Dass sie damals und auch in der DDR verfolgt wurden, ist eine riesige Ungerechtigkeit. Die sind ja auch ganz große Pazifisten, sie haben im KZ nicht mal Patronentäschchen genäht. Und wenn man ihnen Blutwurst in die Suppe geschnitten hat, haben sie das nicht gegessen. Ich bewundere das – auch wenn es natürlich ein bisschen gaga ist, das für so einen Jehova zu machen.

In deinem Buch tauchen immer wieder Produkte und Werbeslogans der Neunziger auf. Warum spielen die eine so wichtige Rolle?

Weil es mir Spaß gemacht hat! Und weil ich früher einfach so viel geglotzt habe, Fernsehen war bei den Zeugen Jehovas nicht verboten – nur, wenn sich Leute zu lange geküsst haben, hat meine Mutter umgeschaltet. Gleichzeitig will ich damit aber auch etwas zeigen: Die Zeugen Jehovas leben nicht auf einer einsamen Insel, sondern in der gleichen Umgebung wie wir alle. Das ist ja das Interessante daran: Wie man diesen Glauben so abgeschieden leben kann, obwohl man mittendrin ist.

Was passiert eigentlich, falls Zeugen Jehovas dein Buch lesen?

Ach, das Buch ist ja keine Abrechnung, sondern ich wollte einfach diese Welt einfangen. Wie die Zeugen Jehovas darauf reagieren, ist mir ehrlich gesagt egal. Ich rede gerne mit allen – aber die reden ja nicht mehr mit mir.

Cover: Kiepenheuer & Witsch

Stefanie de Velasco: Kein Teil der Welt

Roman, Kiepenheuer & Witsch

433 Seiten

22 €

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