Mein ägyptischer Pass macht mich noch lange nicht zum Araber

Illustration: jetzt

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Potente Machos und prüde Jungfrauen. Über arabische Männer und Frauen gibt es viele Vorurteile. In der Kolumne „Sex auf arabisch“ reden sie über Geschlechterrollen, Liebe und Sex – und ihr Verhältnis zu Deutschland. In der letzten Folge erzählt der Autor Alexander Gutsfeld, was er bei der Arbeit an der Kolumne auch über sich und seine eigene arabische Identität gelernt hat.

Meine Name ist Alexander Gutsfeld und ich bin Araber. Ich habe sowohl einen deutschen als auch einen ägyptischen Pass. Meine Mutter ist als Tochter eines Ägypters und einer Deutschen in Kairo geboren. Wenn ich durch Downtown Kairo gehe, habe ich das Gefühl, angekommen zu sein. Das Marktschreien des Zuckerrohr-Verkäufers und die Rufe des Muezzins sagen mir, dass ich zuhause bin. Dieses Heimatgefühl ist der Grund, warum ich als Journalist über arabische Themen schreibe. Zum Beispiel eben in der Kolumne „Sex auf Arabisch“ bei jetzt.

Das ist eine Version meiner Geschichte. Die andere geht so:

Mein Name ist Alexander Gutsfeld und ich bin so deutsch wie das Butterbrot, das ich mir heute Morgen geschmiert habe. Ich bin in München am Gärtnerplatz aufgewachsen. Mein Lieblingsessen ist Schweinsbraten mit Kartoffelknödel. Wenn ich durch Downtown Kairo gehe, habe ich das Gefühl, an einem aufregend fremden Ort zu sein. Das Marktschreien des Zuckerrohr-Verkäufers und die Rufe des Muezzins sagen mir, dass ich ihren Sinn nie ganz verstehen werde. Dieses Gefühl von Fremdheit ist der Grund, warum ich immer ein weißer Europäer bleiben werde, der über Araber*innen schreibt.

Nach einem der ersten Interviews für „Sex auf arabisch“ geriet mein arabisches Selbstverständnis ins Wanken

Lange dachte ich, dass beide Geschichten wahr sind. Dass ich sowohl Ägypter als auch Deutscher bin, oder – je nach Stimmung und Situation – mal das eine und mal das andere. Ich dachte, dass ich meine Identitäten wechseln kann wie andere ihr Profilbild auf Instagram. Seit meiner Kindheit bin ich froh, einen arabischen Hintergrund zu haben. Er macht mich irgendwie interessanter. Und wenn ich ihn betone, fühlt sich das manchmal an wie ein politisches Statement gegen den Hass, der vielen Araber*innen in Deutschland die Luft zum Atmen nimmt. Obwohl mein Arabisch nicht besonders gut ist, fühlte ich eine tiefe Verbindung zu dieser Region. Doch als ich begann, für diese Kolumne mit arabischen Menschen über Sex zu sprechen, lernte ich, dass mein ägyptischer Pass mich noch lange nicht zum Araber macht.

Meine Kolumne sollte zeigen, dass arabisch zu sein alles mögliche bedeuten kann: Islam, Flucht und Patriarchat genauso wie Atheismus, Berghain und Queer-Feminismus. Eine farbenfrohe Collage arabischer Vielfalt sollte das eintönige, von kolonialen Fantasien und rassistischen Vorurteilen geprägte Bild arabischer Sexualität überstrahlen. Dabei spiegeln die Erlebnisse meiner Interviewpartner*innen immer auch gesellschaftliche Konflikte wider. Wenn ein schwuler Aktivist aus Ägypten flieht, weil er dort wegen seiner Sexualität bedroht wird, und dann in Deutschland mit ganz anderen Vorurteilen konfrontiert wird, sagt das viel über den politischen Zustand beider Länder aus. Das bestärkte mich in meiner Überzeugung, dass Sex immer auch politisch ist. Doch die Kolumne hatte auch einen Effekt, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Nach einem der ersten Interviews, die ich für „Sex auf arabisch“ geführt hatte, geriet mein eigenes arabisches Selbstverständnis ins Wanken.

Ich hatte mit einer Ägypterin gesprochen, die ein paar Jahre jünger ist als ich und doch viel mehr erlebt hat: Während ich an der Uni in München für meine erste Politikklausur lernte, demonstrierte sie als Jugendliche auf dem Tahrir Platz, besprühte Häuserwände mit feministischen Tags und half dabei, einen Diktator zu stürzen. Um für ihren politischen Kampf nicht ins Gefängnis zu kommen, verließ sie Kairo und ging nach Deutschland. Fasziniert schrieb ich ihre Geschichte auf. Ich wählte die Überschrift „Ich hatte Angst, dass ich ins Gefängnis komme, wenn ich weiter für Demokratie und Frauenrechte demonstriere“ und schickte ihr das fertige Protokoll zur Freigabe.* 

Ich kann mir aussuchen, wann ich meine ägyptischen Wurzeln betone

Eine Stunde später rief sie mich an. Sie sagte, dass ihr der Text nicht gefallen habe und bat mich, ihn nicht zu veröffentlichen. Die Überschrift lasse sie wie ein passives Opfer aussehen und die Geschichte erwecke den Eindruck, ihr politischer Kampf sei umsonst gewesen. Zum Schluss sagte sie noch einen Satz, der mir bis heute nicht aus dem Kopf geht: „Du verstehst nicht, wie sehr wir Araber*innen kämpfen müssen.“

Ihre Kritik an dem Text traf mich. Nicht nur, weil das Protokoll nicht veröffentlicht werden konnte. Sondern auch, weil sie vor allem in einem Punkt Recht hatte: Ich weiß weder, wie es ist, das eigene Leben für Demokratie und Menschenrechte zu riskieren, noch, wie es sich anfühlt, auf der Straße angestarrt zu werden, weil man ein Kopftuch trägt, oder zum Jobinterview nicht eingeladen zu werden, weil man einen arabischen Namen hat. Dank meines deutschen Namens und meiner hellen Haut kann ich meine arabische Identität ablegen, wenn mir danach ist. Ich kann mir aussuchen, wann ich meine ägyptischen Wurzeln betone (auf einer Hausparty in Kreuzberg) und wann ich sie lieber verschweige (bei einer Passkontrolle am Flughafen). Die feindseligen Blicke der deutschen Mehrheitsgesellschaft treffen mich nicht, weil sie mich gar nicht zum Ziel haben. Denn als weißer Akademiker bin ich selbst Teil dieser Mehrheit.

Es kam mir vor, als würde ich einen gekauften Doktortitel tragen

Mit jedem Interview verstand ich besser, dass meine Interviewpartner*innen bei all ihren Unterschieden eines gemein hatten: Anders als ich können sie es sich zumindest in Europa nicht aussuchen, ob sie Araber*innen sein wollen oder nicht. Die Blicke der anderen machen sie automatisch zu solchen. Denn neben einer gemeinsamen Sprache und Kultur ist Arabisch-Sein in Deutschland auch eine Zuschreibung, der man nicht entfliehen kann. Und die mit Vorurteilen und Erwartungen einhergeht. Arabische und arabisch gelesene Menschen müssen in diesem Land immer erst beweisen, dass sie keine religiösen Fanatiker und Antisemitinnen sind, keine Frauen hassenden Machos oder von Männern unterdrückten Ehefrauen. Wie andere diskriminierte Menschen müssen Araber*innen ständig über ihren kulturellen Hintergrund reden und sich dazu positionieren. Viele meiner Gesprächspartner*innen erzählten mir, wie schlimm es ist, immer wieder mit dem rassistischen Blick ihrer Mitmenschen konfrontiert zu werden.

Meine Realität ist eine andere. Ich bin in meinem Leben noch nie diskriminiert worden und habe den Luxus, mir aussuchen zu können, ob und wann ich über meine arabischen Wurzeln spreche. Während des Interviews mit der Ägypterin erwähnte ich sie etwa, auch um Vertrauen aufzubauen. Weil ich dieses Vertrauen mit meinem Artikel wieder verspielt hatte, stellte ich meine arabische Identität in Frage. Es kam mir auf einmal falsch vor, mich als Araber zu bezeichnen. Als würde ich einen gekauften Doktortitel tragen. Manchmal finde ich diesen Gedanken übertrieben. Schließlich habe ich eine enge Beziehung zur Region und einen ägyptischen Pass. Reicht das nicht aus, um Araber zu sein? Doch wenn ich dann mein Leben mit dem meiner arabischen Freund*innen vergleiche, wird mir wieder klar, wer ich wirklich bin: ein weißer Europäer, der zwar gerne Araber wäre, aber das First World Problem hat, dafür viel zu wenige Probleme zu haben.

*Anm. d. Red.: Bevor ein Protokoll veröffentlicht wird, ist es üblich, der protokollierten Person den Text, der aus ihrer Perspektive formuliert ist, zur Freigabe zu schicken. Diese Autorisierung soll mögliche inhaltliche Fehler verhindern und sicherstellen, dass sich die protokollierte Person richtig wiedergegeben fühlt.

  • teilen
  • schließen