„Beschnittene Männer masturbieren anders als unbeschnittene“

Rashid erzählt, warum es deutsche Frauen aufregend finden, dass er beschnitten ist – und warum im Ramadan die Versuchung besonders groß ist, zu masturbieren.
Protokoll von Alexander Gutsfeld
sex auf arabisch beschnittene maenner

In dieser Folge „Sex auf arabisch“ erzählt Rashid über Beschneidung und seine Lust während des Ramadans.

Illustration: jetzt

Potente Machos und prüde Jungfrauen. Über arabische Männer und Frauen gibt es viele Vorurteile. In der Kolumne „Sex auf arabisch“ reden sie über Geschlechterrollen, Liebe und Sex – und ihr Verhältnis zu Deutschland. Rashid (Name geändert), 29, ist Palästinenser. Er erzählt:

„Als Mann beschnitten zu sein, ist in Palästina das Normalste auf der Welt. Ich wusste als Kind nicht mal, dass ich beschnitten bin – meine Eltern haben mit mir nicht über meine Beschneidung als Säugling geredet. Außerdem waren die Penisse, denen ich beim Sportunterricht in den Duschen der Umkleidekabinen begegnete, alle beschnitten, egal ob sie zu Muslimen oder Juden gehörten. Es kam mir also gar nicht in den Sinn, dass ihnen oder mir etwas fehlen könnte. Erst als ich zum ersten Mal mit einer deutschen Frau geschlafen habe, wurde mir klar, dass es in Deutschland ungewöhnlich ist, dass mein Penis keine Vorhaut hat. Und dass es einen Unterschied macht, ob man einen beschnittenen oder einen unbeschnittenen Penis mit der Hand befriedigt.

Da ich mich an meine Beschneidung nicht erinnern kann, kann ich nur erzählen, was mir mein Vater gesagt hat: Ein dafür ausgebildeter Arzt hat meine Vorhaut einen Monat nach meiner Geburt im Haus meiner Eltern in Ost-Jerusalem abgeschnitten. Obwohl ich vorher örtlich betäubt wurde, bin ich mir sicher, dass das ziemlich beängstigend für mich gewesen sein muss: Kurz nachdem man in die Welt geworfen wurde, schneidet einem eine fremde Person zur Begrüßung ein Stück vom Penis ab.

„Mit den Pornos habe ich auch meinen Penis neu entdeckt“

Trotzdem finde ich es gut, dass mein Penis beschnitten ist. Die Beschneidung hat ihn in meinen Augen nicht nur ästhetischer, sondern auch hygienischer gemacht. Das Risiko für Geschlechtskrankheiten und Entzündungen der ableitenden Harnwege kann sich durch eine Beschneidung verringern. Zudem ist es leichter, den Penis zu reinigen, weil sich dort weniger Bakterien anlagern können. Nicht umsonst sagt man in Palästina zur religiösen Beschneidung im Islam auch ,Thoor‘, das heißt auf Deutsch: Reinigung. Als guter Muslim muss man in meiner Heimat bis zum 13. Lebensjahr beschnitten sein, die Beschneidung macht einen erst zu einem vollwertigen Mitglied der muslimischen Gemeinschaft. Muslimische Frauen dagegen werden dort normalerweise nicht beschnitten.

Meinen ersten unbeschnittenen Penis habe ich als Teenager in einem Porno gesehen. Mit den Pornos habe ich auch meinen Penis neu entdeckt, und zwar, indem ich begann, mir regelmäßig einen runterzuholen. Beschnittene Männer masturbieren in der Regel anders als unbeschnittene: Während unbeschnittene Männer ihre Vorhaut hoch und runterziehen, reibe ich nur einen kleinen Teil meines Penissschafts. Damit es nicht wehtut, benutze ich dafür oft Gleitgel. Obwohl ich dabei viel Lust empfinde, glaube ich, dass ich an dieser Stelle weniger sensibel bin als unbeschnittene Männer und deshalb länger brauche, um zum Orgasmus zu kommen. Schließlich ist die Vorhaut des Mannes auch eine erogene Zone.

In der Schule haben wir ständig über Pornos und übers Masturbieren geredet. Obwohl uns beigebracht wurde, dass Masturbieren im Islam haram ist, also verboten, haben es ab einem gewissen Alter alle Jungs in meiner Klasse gemacht. Wenn jemand das Gegenteil behauptet hat, war klar: Diese Person lügt entweder oder ist der Nachfolger des Propheten Mohammed höchstpersönlich. Ein wirkliches Tabu wurde Masturbieren zumindest in meinem Umfeld nur im Ramadan. Während des islamischen Fastenmonats sind tagsüber nicht nur das Essen und Trinken verboten, sondern auch Sex und Selbstbefriedigung. Wenn man dieses Gebot ohne guten Grund bricht, begeht man als Muslim eine Sünde, für die man zur Wiedergutmachung entweder 60 Tage länger fasten, Essen oder Geld an arme Menschen spenden oder einen Sklaven befreien muss. Ich habe öfter gegen diese Regel verstoßen. Einen Sklaven habe ich bis heute nicht befreit.

Gerade weil Masturbieren während des Ramadans verboten ist, habe ich in dieser Zeit umso mehr an Sex gedacht. Jedes Mal habe ich aufs Neue erfahren: Die Versuchung, sich selbst zu befriedigen, wird erst dann richtig groß, wenn es nicht erlaubt ist. Und nichts ist aufregender und intensiver, als gegen dieses Verbot zu verstoßen. Natürlich ist es noch schwerer, tagsüber nichts zu trinken und zu essen, als nicht zu masturbieren.

Trotzdem ist es mir passiert, dass ich alleine vor meinem Computer saß und auf eine Pornoseite geklickt habe. Irgendwann konnte ich mich dann nicht mehr zusammenreißen. Nach dem Orgasmus fühlte ich mich jedes Mal schlecht, meine Sünde habe ich trotzdem immer verheimlicht. Heute kann mir so was nicht mehr passieren. Seitdem ich mit 19 aufgehört habe, an Gott zu glauben, faste ich auch nicht mehr. Nur mein beschnittener Penis erinnert mich heute noch daran, dass ich als Muslim geboren wurde.

Mit Mitte 20 bin ich zum Studieren in eine mittelgroße Stadt in Deutschland gezogen. Als ich hier das erste Mal mit einer Frau geschlafen habe, merkte ich, dass sie mit meinem beschnittenen Penis überfordert war. Anders als meine Ex-Freundin wusste sie beim Vorspiel nicht, dass man ihn nicht so hart reiben darf wie einen unbeschnittenen Penis. Mir war es unangenehm, ihr das zu sagen, also habe ich ihre Hand genommen und versucht, ihr zu zeigen, wie es angenehm für mich ist. Obwohl es für alle Frauen, mit denen ich in Deutschland geschlafen habe, zuerst ungewohnt war, dass ich beschnitten bin, glaube ich, dass es mich auch interessant gemacht hat. Ich hatte das Gefühl, dass sie es spannend fanden, dass mein Penis anders aussieht als die der meisten Deutschen. Vielleicht hat das für sie sogar den Reiz erhöht, mit mir zu schlafen.“

Anm. der Redaktion: Beschneidungen werden gelegentlich aus medizinischen, häufiger aus religiösen Gründen vorgenommen: Sowohl im Islam als auch im Judentum hat die männliche Beschneidung (Zirkumzision) Tradition. 2012 verabschiedete der Deutsche Bundestages das Beschneidungsgesetz: Seither dürfen die Erziehungsberechtigten ihre Kinder gemäß Paragraf 1631d BGB beschneiden lassen – vorausgesetzt der Eingriff findet nach den „Regeln der ärztlichen Kunst“ statt und das Kindeswohl ist nicht gefährdet. In der Regel ist eine Beschneidung ein komplikationsarmer Eingriff. Dennoch kann es, wie bei jedem ärztlichen Eingriff, zu unerwarteten Komplikationen wie beispielsweise allergischer Reaktion, Schmerzen oder Blutungen kommen. Unter anderem deswegen wird die männliche Beschneidung aus religiösen Gründen von Ärzt*innen immer wieder kritisiert. Es wird zudem teils angeführt, dass sie psychisch belastend sein könne. Ob eine Beschneidung das Sexualleben beeinträchtigen oder auch positiv beeinflussen kann, ist umstritten und sehr individuell.

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