Studierende haben eine Alarmanlage für Obdachlose gebastelt

Wetterfest, lange Batterie-Haltbarkeit, leicht: Die kleine Alarmanlage wurde für Menschen ohne Wohnung entworfen.
Foto: RUB, Kramer

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Wenig zu besitzen bedeutet nicht, dass einem das Wenige nichts bedeutet. Oder anders ausgedrückt: Auch Obdachlose haben Angst, bestohlen zu werden. Jacke, Schlafsack, Schuhe – das sind überlebenswichtige Dinge, wenn man auf der Straße lebt. Und es kommt immer wieder vor, dass diese Sachen geklaut werden. Deswegen haben Studierende der Uni Bochum eine Mini-Alarmanlage für Obdachlose entwickelt, mit der die Menschen ihr Hab und Gut schützen können.

„Clochard Alert“ heißt das kleine Gerät, das vier Studierende in einem Projekt-Kurs im Laufe eines Semesters gebaut haben, und es sieht so aus: Ein acht Zentimeter langer Zylinder (ein bisschen wie ein sehr großer Lippenstift), an den ein langes Sicherungskabel angesteckt ist. In dem Gehäuse stecken Batterie und Elektronik. Mit dem dünnen Sicherungskabel kann die wohnungslose Person ihren Besitz verschnüren. Wird das Kabel gewaltsam herausgezogen oder durchtrennt, ertönt ein Alarm, der „hoffentlich den Dieb erschreckt, den Obdachlosen aufweckt und das Interesse weiterer Passanten erregt“, wie es in einer Presseerklärung heißt.

Die Idee für das Gerät kam vom Obdachlosenverein „Unsichtbar“, der in NRW sitzt. „Wir gehen raus und reden mit den Leuten“, sagt dessen erster Vorsitzender Holger Brandenburg zu jetzt am Telefon. „Nicht nur: Du armer Mensch, ohje ohje. Sondern über deren Alltag, deren Lebenssituation, was sie brauchen.“ „Unsichtbar“ ist ein ehrenamtlicher Verein, der seit 2015 Obdachlosen und finanzschwachen Menschen hilft, der Webseite nach leben knapp 280 000 Menschen ohne Wohnung in Deutschland (Stand 2018). Als dann der Universitätsdozent Christoph Baer und sein Team beim Verein anfragten, wie man wohnungslosen Menschen das Leben erleichtern könne, war die Alarmanlage naheliegend.

Björn kann wegen der Alarmanlage wieder besser schlafen

Das Traurige sei, erzählt Brandenburg, dass es längst nicht nur Obdachlose seien, die andere Obdachlose beklauen. Klar, wenn jemand eine bessere Jacke hat, dann gäbe es da schon Neid. „Aber es kommt auch vor, dass Menschen, die es gar nicht nötig hätten, vorbeigehen und sehen: Ah da schläft einer, dann nehmen wir dem mal das Handy weg.“ 

Gerade während sie schlafen, seien die Obdachlose schutzlos. „Wenn man frisch auf der Straße lande, hat man deswegen einen unheimlich leichten Schlaf“, sagt Brandenburg. „Und wer hätte nicht Schiss in den ersten Nächten“, überall gäbe es Geräusche, lauerten potentielle Gefahren. Da könne die Alarmanlage immens helfen. Natürlich sei eine Alarmanlage keine Garantie, dass nicht auch so gesicherte Gegenstände gestohlen werden, Piepgeräusch hin oder her. Aber sie schenke zumindest etwas Ruhe.

Björn, 35 Jahre alt, lebt seit etwa drei Jahren auf der Straße in Wuppertal. Er war die erste Person, die Holger Brandenburg zufolge den Clochard Alert getestet hat. Auch ihm wurden einmal seine Koffer gestohlen, in denen sein ganzer Besitz untergebracht war. Die Alarmanlage habe in dem Testzeitraum jetzt zwar noch nicht piepsen müssen, aber sie habe ihm einen ruhigeren Schlaf beschert, erzählt Brandenburg. Und wie viel das Wert sein kann, muss man nicht erklären.

Möglich gemacht hat das Projekt Christoph Baer, der in Bochum an der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik lehrt und forscht. Er hat nicht nur 2018 den deutschen Ableger einer humanitären Organisation für Ingenieure gegründet (SIGHT Deutschland), sondern versucht eben auch seine Studierende durch Kurse für das Thema zu gewinnen. Der 35-Jährige erzählt jetzt am Telefon, dass junge Menschen durch das Ingenieurstudium bereits sehr ausgelastet seien, insbesondere, wenn sie noch einen Nebenjob hätten. Deswegen sei es wichtig, Angebote zu schaffen, damit die Studierenden auch den sozialen Aspekt als mögliches Aufgabengebiet kennenlernen würden. 

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Die Studierenden, Christoph Baer (vorne Mitte) und Holger Brandenburg (vorne rechts).

Foto: RUB / Zei­tel

Auch Christoph Baer hat Björn getroffen, der dem Wissenschaftler über seine Erfahrungen mit dem Alarmgerät berichtet hat. Der Obdachlose sei gerührt gewesen, dass die Studierenden ihm helfen wollten. Und er habe sich dann auch selber helfen wollen, und sei zum ersten Mal seit langen wieder zum Amt gegangen. „Und wenn es nur das gebracht hat, dann war es das schon wert“ sagt Baer. 

Die Ingenieur*innen von der Uni und die Obdachlosen-Organisation, das ist eine Kooperation, bei der es keine Verlierer*innen zu geben scheint: Björn schläft besser, „Unsichtbar“ konnte helfen, die Universität bekommt gute Presse, und die Studierenden konnten in Eigenverantwortung ein eigenes Projekt umsetzen. Eine klassische Win-Win-Win-Win-Situation. Und wie geht es damit jetzt weiter? Es werden noch mehr Test-Alarmanlagen verteilt und Baer ist auch in Gesprächen mit Unternehmen, die sich vorstellen könnten, eine größere Stückzahl herzustellen. Außerdem arbeiten sie bereits an einer weiteren Idee von „Unsichtbar“: einem Wärmepad, das man über eine Powerbank wieder aufladen kann.

mpu

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