Das ändert sich durch den Brexit für deutsche Studierende

Viele Studierende träumen von einem Auslandsstudium in Großbritannien. Durch den Austritt des UK aus der EU ist so ein Studium schwieriger geworden.
Von Anna-Sophie Barbutev
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Studieren in UK ist für deutsche Studierende durch den Brexit schwieriger und teurer geworden.

Illustration: jetzt

„Jetzt oder nie“, dachte sich Hanna Ruhsert, als sie sich im vergangenen Jahr für ein Master-Studium am University College London entschied. Vor dem Ende der Brexit-Übergangsphase am 31. Dezember 2020 war das voraussichtlich die letzte Gelegenheit, um noch zu EU-Bedingungen im Vereinigten Königreich zu studieren. 

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Hanna zog der Liebe wegen nach London und studiert nun dort.

Foto: privat

Seit 2019 lebt die 25-jährige Psychologiestudentin gemeinsam mit ihrem britischen Freund in der englischen Hauptstadt. Für ihn zog sie nach ihrem Bachelorabschluss in Psychologie nach Großbritannien. Sie ist eine von Tausenden Deutschen, die derzeit im Vereinigten Königreich studieren. Großbritannien ist nach Österreich und den Niederlanden das drittbeliebteste Land für ein Auslandsstudium. 15 300 Studierende aus Deutschland waren 2018 an einer britischen Universität eingeschrieben. Diese Zahl dürfte künftig deutlich sinken. 

Bis zum Austrittsabkommen zwischen der EU und Großbritannien war unklar, welche Aufenthaltsbedingungen künftig für Studierende wie Hanna Ruhsert gelten würden. 2016 stimmten die Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union. Seit Ende Dezember vergangenen Jahres ist die Übergangsphase vorbei, das Vereinigte Königreich ist endgültig raus aus der EU. Für deutsche Studierende ändert sich dadurch einiges: Sie brauchen ab August 2021 ein Visum, bekommen schwieriger eine Arbeitserlaubnis und die Studiengebühren steigen. 

Bis 2023 werden bewilligte Studienaufenthalte im Vereinten Königreich noch durchgeführt

Auch mit Erasmus ist nach mehr als 30 Jahren Schluss. Vielen Studierenden ermöglichte das Austauschprogramm der Europäischen Union ein Auslandssemester. Statt der britischen Studiengebühren zahlten sie den Semesterbeitrag der deutschen Universität. Mehr als 3400 Studierende verbrachten 2018 ein Erasmussemester in Großbritannien. Bis 2023 werden bereits bewilligte Studienaufenthalte im Vereinigten Königreich noch durchgeführt, seit diesem Jahr ist eine Bewerbung für das Erasmus-Programm nicht mehr möglich. 

Für ihren einjährigen Master bezahlt Hanna Studiengebühren in Höhe von 10 500 Pfund, umgerechnet etwa 12 200 Euro. Würde sie dasselbe Studium ein Jahr später beginnen, wäre es fast dreimal so viel, nämlich 28 500 Pfund (rund 33 000 Euro). Denn bislang bezahlten Studierende wie Hanna die „Home Fees“, dieselben Studiengebühren, die auch Briten bezahlen. Ab August fallen EU-Studierende in die „Overseas“-Kategorie. Für Selbstzahler waren schon die Home Fees eine Herausforderung, nun rückt der Traum vom Auslandsstudium in Großbritannien weiter in die Ferne.

Auch Hanna hätte sich ein Studium zu Oversea-Konditionen in diesem Jahr nicht mehr leisten können. Wenn der Brexit nicht gewesen wäre, hätte sie sogar über ein Teilzeitstudium nachgedacht: „Dann hätte ich fast Vollzeit arbeiten und die Studiengebühren leichter stemmen können“, sagt die 29-Jährige. Denn auch die Finanzierung eines Studiums in Großbritannien wird künftig schwieriger. 

Hanna finanziert ihr Studium durch einen Kredit der britischen Regierung. Bislang konnten sich EU-Studierende für das britische Student Financing bewerben und sich im Rahmen des Master’s Loans zum Beispiel bis zu 11 222 Pfund vom britischen Staat borgen. Sobald Absolventinnen und Absolventen eine Arbeit haben und eine bestimmte Einkommensgrenze überschreiten, beginnen sie mit der Rückzahlung in Höhe von sechs Prozent ihres Einkommens plus Zinsen, die auf den Kredit angerechnet werden. Auch das ist nicht mehr möglich. Eine Ausnahme sind nur Studierende wie Hanna, die vor dem Ende der Übergangsphase in Großbritannien gelebt haben. 

Finanzielle Unterstützung durch BAföG ist künftig nicht mehr möglich

Studierende, die ab diesem Jahr ein Studium in Großbritannien beginnen, müssen ein Studierendenvisum beantragen, wenn sie länger als sechs Monate bleiben möchten. Das kostet 348 Pfund, umgerechnet sind das etwa 400 Euro. 

Hinzu kommt, dass eine finanzielle Unterstützung durch BAföG künftig nicht mehr möglich ist. Besonders hart trifft das Bachelorstudierende, die einzig auf eines der begehrten Stipendien hoffen können, die direkt von britischen Universitäten ausgeschrieben werden. Masterstudierende, Promovierende und Forschende können sich hingegen weiterhin für eine Förderung des Deutschen Akademischen Dienstes bewerben. 

Im Bachelor in Deutschland paukte Hanna für Klausuren, in England schreibt sie Essays als Prüfungsleistung: „Kritisches Denken wird viel stärker bewertet und ich kann tief in ein Thema eintauchen“, sagt die Studentin. Ihr gefällt die Mischung aus Lehre und Selbststudium, die eigenständiges Denken fördert. Obwohl sie die meisten ihrer Kommilitonen nur als Zoom-Kacheln kennt, ist sie trotz Pandemie froh über die Entscheidung für das Masterstudium.

Bald beginnt sie mit der Jobsuche: „Das wurde vom Career Center der Uni empfohlen“, sagt sie. Während der Pandemie sei es nicht einfach, einen neuen Job zu finden. Arbeitserfahrung in Großbritannien hat sie bereits, mit ihrem Aufenthaltsstatus darf sie mindestens drei weitere Jahre im Vereinigten Königreich leben und arbeiten. 

Absolventinnen und Absolventen, die nach dem Studium in Großbritannien arbeiten möchten, müssen sich künftig für die Graduate Route der britischen Regierung bewerben. Bachelor- und Masterabsolventen können dann für maximal zwei Jahre, PhD-Absolventinnen für maximal drei Jahre im Vereinigten Königreich leben und arbeiten. Für ihr Visum müssen erfolgreiche Bewerberinnen und Bewerber dann 700 Pfund (ungefähr 815 Euro) bezahlen.

Auch für eine Promotion ist Großbritannien ein beliebtes Ziel. Für Daniel Frey aus Freising war klar, dass er nach dem Master promovieren würde: „In der Biochemie promovieren die meisten“, sagt der 24-Jährige. Dass es direkt mit der ersten und einzigen Bewerbung auf ein Promotionsprogramm klappen würde, damit hatte er nicht gerechnet. 

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Daniel finanziert seine Promotion durch ein Stipendium.

Foto: privat

Seit Oktober vergangenen Jahres promoviert er an der prestigeträchtigen Universität Oxford, einer der besten Universitäten der Welt. Sein Studium finanziert er durch ein Stipendium der Wellcome-Trust-Stiftung. Auch für sein Promotionsprogramm haben sich die Gebühren mehr als verdreifacht. Pro Jahr kostet das auf vier Jahre ausgelegte Programm nun 27 460 Pfund, alle erfolgreichen Bewerber bekommen weiterhin ein Vollstipendium. Ein Glück, denn andere Stipendien beinhalten nur die britischen Home Fees, die Differenz müssen Stipendiaten dann selbst bezahlen oder durch ein weiteres Stipendium ausgleichen.  Auch Daniel hätte sich vielleicht nicht für ein Studium in Großbritannien entschieden, wenn er die teuren Oversea-Gebühren bezahlen müsste, obwohl seine Eltern ihn unterstützen würden, erzählt er.

Ausschlaggebend war für den Doktoranden nicht der Ruf der Elite-Universität, sondern das Programm: An seinem DPhil-Studium in zellulärer Strukturbiologie schätzt er die Ausstattung, die internationale Atmosphäre im Labor und den Programmaufbau. Im ersten Jahr stehen zwei Orientierungspraktika auf dem Plan, danach liegt der Fokus auf dem eigenen Forschungsprojekt.

In Oxford zu studieren ist für Daniel Frey zur Normalität geworden: „Am Anfang war ich sehr ehrfürchtig“, sagt der Doktorand. Die Leute, die er hier kennengelernt habe, seien aber alle sehr bodenständig. Besonders gefällt ihm das College-System seiner Universität: Viele Studierende wohnen auf dem Campus in einem der 39 Colleges der Universität. Perfekt, um neue Leute kennenzulernen.

Fast jeder dritte internationale Studierende kommt aus der EU

Laut einer Untersuchung des britischen Bildungsministeriums verlieren britische Universitäten infolge des Brexits  62,5 Millionen Pfund an EU-Studiengebühren, das sind umgerechnet 72,9 Millionen Euro. Die Zahl EU-Studierender an britischen Studierenden wird sich voraussichtlich mehr als halbieren. Ein schwerer Schlag für viele britische Universitäten, die durch die Pandemie bereits in der Krise stecken. Obwohl die meisten internationalen Studierenden in Großbritannien aus China kommen, kam bislang fast jeder dritte internationale Studierende aus der EU.

Der Weg an eine britische Uni ist nach wie vor nicht unmöglich, obwohl die Zahl deutscher Studierender bereits 2018 um knapp drei Prozent zurückging. Ein weiterer Rückgang ist zu erwarten. Hanna Ruhsert ist optimistisch: „Wenn man den Traum hat, in Großbritannien zu studieren, dann gibt es auch nach dem Brexit Wege.“

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