Ich studiere in Indonesien und fühle mich faul

Meine einheimischen Kommilitonen gründen alle schon ihre eigenen Unternehmen.
Von Klara Weidemann

Illustration: Julia Schubert

Ich bin 24 und der Karrierezug scheint abgefahren. Zumindest, wenn ich meiner indonesischen Freundin Dinar glauben darf: „Du willst weiter studieren? In deinem Alter? Und wann willst du anfangen zu arbeiten?“ Ungläubig starrt sie mich an. Sie hat gerade mit 21 ihr Studium beendet. Also, den Bachelor. Jetzt geht sie nach Bali, um als Assistentin eines Strandclubmanagers zu arbeiten – nur so lang, bis sie genug Erfahrung hat, um ihr eigenes Business zu gründen, versteht sich.

„Master macht hier sowieso niemand“, erklärt sie mir. Weil das niemand verlange. Dass das auch finanzielle Gründe hat, braucht sie nicht zu erwähnen. In Indonesien kostet ein Studium für Post-Graduierte nämlich schon mal um die 45 Millionen Rupiah pro Semester (umgerechnet circa 2800 Euro). Bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt von 4 Millionen Rupiah (knapp 250 Euro) unbezahlbar.

Ich studiere in Yogyakarta, einer Stadt mit drei Millionen Einwohnern. Im Vergleich zum Mega-Moloch Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, ist das ein echtes Dorf. 200 Universitäten soll es hier geben, genaue Zahlen hat keiner, da die Definition von „Universität“ sehr locker gehandhabt wird. Die Region gilt als das kulturelle und akademische Zentrum Indonesiens. Javanische Kultur lässt sich hier noch hautnah zwischen Reisfeldern, Vulkanen und Jahrtausende alten Tempeln erleben. So charmant Yogya auf Touristen wirkt, so wenige berufliche Perspektiven bietet die Region. Die allermeisten relevanten Firmen sitzen in Jakarta.

In Deutschland gibt es oft selbst im letzten Dörfchen einen Arbeitgeber. Die Wirtschaft konzentriert sich nicht nur auf eine Region, wir können von so gut wie überall arbeiten. In Indonesien bedeutet ein smoother Berufseinstieg, durchs halbe Land (und eine der drei indonesischen Zeitzonen) umzuziehen, das Zuhause und die Familie hinter sich zu lassen. Oder eben das Wagnis einzugehen, etwas Eigenes zu starten.

Vor eineinhalb Jahren kam ich für ein Praktikum nach Indonesien – und bin geblieben. Weil mich genau diese Mentalität, der eigene Boss sein zu wollen, von Anfang an faszinierte. Während meine deutschen Freunde davon träumten, eines Tages für ihr Lieblingsunternehmen zu arbeiten, kämen meine Freunde hier gar nicht auf die Idee, einen einzelnen Arbeitgeber anzuhimmeln – was vielleicht daran liegt, dass es kaum Strukturen gibt.

Der Spirit: Es gibt keine guten Arbeitgeber für Menschen wie mich? Dann werde ich halt selbst einer

Das hält viele junge Indonesier jedoch nicht davon ab, von einer besseren und vor allem reicheren Zukunft zu träumen. Gerade wächst eine neue Generation gut ausgebildeter Studierender heran. Auch Kinder aus Nicht-Akademiker-Haushalten haben inzwischen leichteren Zugang zu Bildung. Dabei spielen staatliche Unterstützungs-Angebote eine wichtige Rolle: So ist es beispielsweise üblich, dass Jugendliche aus ganz Indonesien ihre Heimatinsel verlassen, um auf Java zu studieren. Ihre Lokalregierungen stellen dann kostenlosen Wohnraum in den jeweiligen Städten zur Verfügung.

Auch die Globalisierung leistet ihren Beitrag. Fließendes Englisch gehört in Indonesien bei über zwölf Millionen Touristen jährlich zum alltäglichen Leben. Solche Kenntnisse ermöglichen ganz neue Wege, mein Kumpel Alex hat hier zum Beispiel Kommunikation studiert und eröffnet gerade sein drittes Hostel. Mit 16 kam er nach Yogya – alleine, als Waisenkind. Er lebte auf der Straße, schlief zwischen den Unterkünften auf der Touristenmeile der Stadt. Mithilfe von Youtube und Backpackern lernte er Englisch, jobbte, bis er sich die Uni leisten konnte. Sein Spirit: Es gibt in meiner Stadt keine guten Arbeitgeber für Menschen wie mich? Gut, dann werde ich halt selbst einer.

„Ich betreibe seit einem Jahr einen Youtube-Kanal“, erzählt mein Kommilitone Hassan. Kurzer Online-Check: 590.000 Abonnenten

So viel Unternehmergeist kann eine mit geradlinigen Laufbahnen sozialisierte, deutsche Studentin erstmal überfordern. An meinem ersten Uni-Tag in Yogya stellten sich meine Kommilitonen vor: Name, Alter, Herkunftsland. Bis auf eine Niederländerin und eine Mexikanerin war ich mit 24 die älteste im Raum. Und wo unsere Interessen so lägen? „Ich betreibe seit einem Jahr neben dem Studium einen Youtube-Kanal“, erzählt mein indonesischer Kommilitone Hassan ganz entspannt. Ein kurzer Online-Check: 590.000 Abonnenten. „Ich brauche aber mehr ausländische Klicks, bringt mehr Geld“, sagt der 21-Jährige. Gerade wurde er von 9Gag nach Kalifornien eingeladen, um seinen Kanal vorzustellen. In Deutschland kannte ich genau zwei Jungs, die mal bei einem Gründerwettbewerb der Uni mitgemacht haben. Nach der Abschlussveranstaltung landete die Idee in der Schublade, es war eher ein Spaßprojekt. Inzwischen streben beide eine Karriere bei großen Unternehmen an.

Auch Ifa ist so ein Beispiel unter meinen indonesischen Freunden: Sie sah die Netflix-Serie „Girlboss“ und stellte fest, dass in Indonesien keinerlei Second-Hand-Kultur besteht. Seither vermarktet sie hübsch aufgemachte, gebrauchte Kleidung auf ihren Social-Media-Kanälen und startet einen eigenen Online-Shop. Ich arbeitete während meiner Semesterferien in Deutschland auf dem Oktoberfest, um mir Reisen nach Asien zu finanzieren. Wurde es finanziell doch mal eng, gab es immer das bequeme Auffangkissen namens Eltern.

Woher nehmen die die Energie für all diese Jobs und Projekte, frage ich mich. Eine Beobachtung: Alkohol ist aufgrund der hohen Steuern in Indonesien unbezahlbar und allgemein, aufgrund der Religion, kulturell wenig verwurzelt. Nachtleben gehört also kaum zum Studierendenalltag. Die einzigen öffentlichen Orte, die bis spät in die Nacht geöffnet haben, sind Coffeeshops. Kein zeitfressendes, ausgiebiges Katern in indonesischen WGs also. Irgendwie auch schade, eigentlich. Gehört nicht gerade das zu den schönen Seiten des Studiums?

Aber mal ganz abgesehen von der Partykultur: Die Ausgangslage – und daher auch die Motivation – ist hier einfach ganz anders, so mein Eindruck. Da ist einerseits der Druck der Familien: Bist du hier die erste Person in deiner Familie, die auf die Universität geht, herrscht eine extrem hohe Erwartungshaltung. Werden meine Freunde finanziell von ihrer Familie unterstützt (was schon wegen der hohen Studiengebühren oft unumgänglich ist), bestehen die meisten Eltern darauf, in jede Entscheidung eingebunden zu werden. Wohnung und Fächerwahl sind Sache des Familienrats. Somit wird die Abhängigkeit von den Eltern nach dem Auszug sogar noch größer.

Sind die Studierenden auf sich selbst gestellt, muss aufs Geld geachtet werden. Schon ein schnelles Kaffee-Date am Nachmittag kann dabei zur finanziellen Herausforderung werden (ein Cappuccino im Backpacker-Café kostet 35.000 Rupiah, rund zwei Euro, so viel wie drei durchschnittliche Mittagessen auf der Straße), weshalb sich viele mit unzähligen kleinen Nebenjobs über Wasser halten. Das kann so weit gehen, dass einfach selbst gegründet wird, sollte gerade kein passender Studentenjob verfügbar sein. Das Risiko bleibt dabei nämlich oft recht gering: Dank Social Media werden kleine Dienstleistungen wie Fotoshootings einfach und kostenlos an die Followerschaft gebracht – ohne Startkapital. Insofern halten sich Schulden auch stets im Rahmen – Kredite sind sowieso kaum zu bekommen und viel hat niemand zu verlieren.

In Deutschland war ich für Hochschulgruppen aktiv, hatte einen Nebenjob an der Uni und machte Praktika. All diese Tätigkeiten kommen mir inzwischen wie Luxusentscheidungen vor – ich wollte meinen Lebenslauf aufpimpen, also noch ein kleines Praktikum reinschieben. Unbezahlt natürlich. Meine indonesischen Freunde hätten sich auf so einen Deal niemals einlassen können. Nach zwei Monaten Uni in Indonesien entschied ich, mich auch auf diesen Aspekt der indonesischen Kultur einzulassen und Konsequenzen zu ziehen: Ich machte mich auf die Suche nach Freelance-Jobs. Hier eine zweiwöchige Assistenz-Stelle, dort ein Artikel für einen Reiseblog. Nichts Unbezahltes mehr. Ich versuchte, mir Strategien von meinem Umfeld abzuschauen: Nutze jeden Kontakt,den du hast, suche dir ein Thema, das dich begeistert, und unterscheide nicht zwischen Frei- und Arbeitszeit. Denke außerhalb von Strukturen. Sieh jede Begegnung und Erfahrung als Chance. Denn die Gründer-Euphorie ist ansteckend: Auch ich wollte endlich mal eigene Ideen vorstellen können. Mich vollkommen in ein Projekt stürzen, hinter dem ich zu 100 Prozent stehe. Und nicht nur die Ideen anderer nachleben.

Ich bin froh um diese neuen Eindrücke und Inspirationen, die ich in Indonesien gewinnen konnte. Ich sage nicht, dass die dortige Studierendenschaft der deutschen voraus ist (dafür herrscht noch viel zu viel soziale Ungerechtigkeit und strukturelle Ungleichheit). Deutsche Studierende könnten sich meiner Meinung nach aber ruhig etwas vom dortigen Gründergeist und Mut abschneiden.

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