„Ich dachte, dass meine Freundin meine Seele stehlen will“

Anna ist schizophren – eine Diagnose, mit der sie nie gerechnet hätte. Inzwischen hat sie aber gelernt, damit zu leben.
Illustration: FDE

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Triggerwarnung: Die Inhalte dieses Textes könnten auf Leser*innen traumatisierend oder retraumatisierend wirken.

In unserer monatlichen Reihe „Talking Minds“ berichten Menschen von ihren Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen. Ihre Geschichten, Gedanken und Symptome können dabei individuell sehr unterschiedlich sein, deshalb findest du am Ende auch allgemeinere Informationen zum Thema.

Anna ist 25 Jahre alt und lebt in Dresden. Sie hat die Diagnosen paranoide Schizophrenie und wiederkehrende Depression. Hier erzählt sie von ihrem Leben mit psychischer Erkrankung und warum es ihr wichtig ist, öffentlich über Schizophrenie zu sprechen:

„Mit sechzehn Jahren hatte ich meine ersten psychotischen Symptome: Ich hörte Stimmen und dachte, dass meine Freundin meine Seele stehlen, mich töten und ersetzen will. Der Grund: Sie benutzte dieselben farbigen Stifte wie ich. Für Gesunde hört sich das nach Science-Fiction oder Thriller an. Für mich war das die Realität.

Ich erkrankte nach dem Tod meiner Oma, zu der ich ein sehr enges Verhältnis hatte, und nachdem ich lange in der Schule gemobbt worden war. Ich war deshalb zwar schon mit 14 in psychologischer Behandlung, aber die paranoide Schizophrenie wurde noch nicht diagnostiziert. Die Symptome verschwanden nach einer Zeit von allein, erst in der stressigen Abiturphase tauchten die Stimmen wieder auf. Ich wusste zwar, dass es die Krankheit Schizophrenie gibt, hätte aber nie gedacht, dass ICH das haben könnte. Stattdessen vermutete ich einen Tinnitus. Nach meinem Schulabschluss zog ich für ein Studium nach Dresden. Dort bekam ich meine bisher schwerste Psychose: Ich hatte starke Halluzinationen sowie Angst- und Panikattacken. Daraufhin wurde ich in die Psychiatrie eingewiesen und mit Schizophrenie diagnostiziert. Das war 2015. Seitdem habe ich etwa einmal im Jahr eine psychotische Phase.

Viele Menschen glauben, dass Betroffene gefährlich seien oder viele Persönlichkeiten hätten. Dabei stimmt beides nicht

Anfangs erzählte ich niemanden von meiner Erkrankung, weil ich selbst nicht verstand, was mit mir los war. Heute gehe ich damit sehr offen um. Die seelische Behinderung ist nun einmal ein Teil meines Lebens – hätte ich eine körperliche Behinderung und würde in einem Rollstuhl sitzen, würden das ja auch alle sehen. Ich möchte zeigen, dass wir Betroffene auch nur ganz normale Menschen sind. Aufgrund von mangelndem Wissen und weil die wenigsten nachempfinden können, wie sich Menschen mit Schizophrenie fühlen, erlebe ich viel Unverständnis und Vorurteile. Viele Menschen glauben zum Beispiel, dass Betroffene gefährlich seien und viele Persönlichkeiten hätten. Dabei stimmt beides nicht. Es ist mir deshalb wichtig, mit meiner Erfahrung in die Öffentlichkeit gehen, um aufzuklären und weil das Thema immer noch tabuisiert wird. Ich wünsche mir, dass eines Tages über Schizophrenie genauso geredet werden kann wie über einen Knochenbruch oder eine Depression.

„Ich vergleiche die akuten Phasen der Schizophrenie mit einem Albtraum“

Es gibt Bereiche, zum Beispiel in der Arbeit oder bei der Wohnungssuche, in denen man als Mensch mit Schizophrenie stark stigmatisiert wird. Es ist noch ein langer Weg, bis Betroffene frei sagen können, dass sie schizophren sind, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Trotzdem ermutige ich andere Betroffene, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen. Die Symptome zu ertragen, ist schon schwer genug, da sollte man sich nicht auch noch verstellen müssen.

Da ich mittlerweile schon viele Psychosen hatte, bemerke ich ihre ersten Anzeichen: Ich beginne dann, mich viel mit Verschwörungstheorien zu beschäftigen. Meine Gedanken sind unlogisch, driften ständig ab und oft vergesse ich die Hälfte von dem, was ich schon gesagt habe. Außerdem habe ich visuelle Halluzinationen: Ich sehe, wie Wände zusammenschrumpfen und wie Häuser sich bewegen. Aber letztlich merke ich nicht, wann die Wahnvorstellungen beginnen. In einer nicht akuten Phase weiß ich, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass der BND ausgerechnet mich beobachtet. In der akuten Phase der Schizophrenie kann ich das rational nicht mehr einordnen. In diesen Phasen stehe ich neben mir und kann nicht mehr unterscheiden, was Realität ist und was nur in meinem Kopf passiert.

Ich vergleiche die akuten Phasen der Schizophrenie mit einem Albtraum: Ich höre Stimmen, die mir sagen, dass ich mich verletzen oder umbringen soll; sehe Schattengestalten vor dem Fenster, die aussehen wie Dementoren; oder habe das Gefühl, dass tausend Ameisen meine Beine hochklettern. Außerdem fällt es mir schwer, zwischen mir und meiner Umwelt zu unterscheiden: Ich glaube dann, dass man mir schlechte Gedanken eingibt, so als würde sie mir jemand mit einer Spritze in mein Gehirn spritzen. Außerdem kann ich Therapeuten und Ärzten nicht mehr in die Augen schauen, weil ich der Überzeugung bin, dass sie dann wissen, was ich denke.

In diesen Phasen komme ich oft tagelang nicht aus meinem Bett; selbst einen Tee zu machen, ist dann zu anstrengend. Ich bin einerseits müde und geschafft, andererseits angespannt, nervös, aufgeregt und ängstlich. Manche Menschen mit Schizophrenie haben manische Psychosen. Sie denken zum Beispiel, sie seien der auferstandene Jesus und müssten die Welt retten. Meine Psychosen sind immer negativ. Ich glaube dann, dass meine Nachbarn mich aus dem Haus ekeln wollen, meine Schwester mich bedroht oder mein Freund mit dem BND unter einer Decke steckt. Obwohl ich meine Familie, meinen Freund und meine Freunde liebe und ihnen vertraue, kann ich ihnen in einer Psychose aufgrund von zu viel Angst und Misstrauen nicht glauben. Es ist sehr schwierig mit einem psychotischen Menschen umzugehen, deshalb habe ich auch schon viele Freunde verloren.

„Das Belastendste an der Schizophrenie ist, aus der Psychose aufzuwachen“

Das Belastendste an der Schizophrenie ist, aus der Psychose aufzuwachen und zu realisieren, dass die letzten Wochen oder Monate, die ich erlebt habe, nur in meinem Kopf existiert haben. Die Zeit ist an mir vorbeigeflossen. Meiner Familie oder meinem Freund gegenüber tut es mir dann auch leid, wenn ich während der Psychose der festen Überzeugung war, dass sie mir etwas Böses wollen würden. Oft verfalle ich deshalb, wie viele andere Betroffene auch, nach akuten Phasen der Schizophrenie in eine schwere Depression.

Die Stimmen begleiten mich fast immer, auch in nicht akuten Phasen der Schizophrenie. In letzter Zeit höre ich sie wieder verstärkt. Aber mittlerweile kann ich besser mit ihnen umgehen. Ich versuche, sie nicht zu ernst zu nehmen oder mich abzulenken. Manchmal sind die Stimmen wie ein Radio, das im Hintergrund läuft. Ich höre jemanden reden, kann aber nicht genau sagen, um was es geht. Ich habe zwei Stimmen, die ich fast immer höre: Die eine ist weiblich, ich nenne sie Eva. Manchmal sagt sie zusammenhangslose Dinge, ruft meinen Namen oder gibt Anweisungen. Die zweite Stimme ist männlich, heißt Demian und klingt teilweise wie mein Freund. Neulich hörte ich, dass er um Hilfe rief. Dabei lag mein Freund im Bett und schlief. Einmal kam mir beim Spaziergang ein tuschelndes Pärchen entgegen. Die eine Stimme sagte dann ‚zieh der blöden Kuh an den Haaren‘, die andere: ‚wenn du das machst, dann musst du in die Forensik!‘. Zeitweise sind die Stimmen so laut, dass ich kaum mehr denken kann. Wenn ich in einem Raum mit vielen Menschen bin, kann ich manchmal nur schwer unterscheiden, ob wirklich jemand etwas sagt, oder ob das meine Halluzinationen sind.

Als ich mit neunzehn Jahren in der Psychiatrie in Dresden die Diagnose paranoide Schizophrenie bekam, dachte ich, mein Leben sei zu Ende. Man hört immer, dass Schizophrene gefährlich seien, nicht arbeiten und ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen würden. Das machte mir Angst! Aber andererseits war ich froh, endlich zu wissen, was ich habe und dass ich nicht die Einzige bin. Außerdem bekam ich von da an die Hilfe, die ich brauche. Ich werde heute noch in derselben Klinik betreut, mittlerweile in der psychiatrischen Institutsambulanz, wo Menschen mit schweren und chronischen Verläufen behandelt werden. Ich bekomme dort Psychotherapie und Medikamente. Dank der Medikamente sind meine psychotischen Phasen und die Depressionen seltener und weniger stark ausgeprägt als zuvor, aber ganz weggehen werden sie wohl nie.

Ich musste einige Ausbildungen, Praktika, Probearbeiten und mein Studium aufgrund meiner Erkrankung abbrechen und litt lange darunter, dass ich keinen akkuraten Lebenslauf habe. Ich sah meine ehemaligen Schulkameraden, die alle irgendetwas Tolles machen, während ich zuhause oder in einer Klinik hockte. Mein Leben kam mir bedeutungslos vor. Aber seit Anfang des Jahres habe ich eine Anstellung, die mir viel Selbstbewusstsein gibt. Zusätzlich mache ich eine Ausbildung zur Genesungsbegleitung mit Erfahrungsexpertise, um anderen Betroffenen helfen zu können. Außerdem habe ich einen großen Freundeskreis und bekomme viel Unterstützung. Heute weiß ich: Auch mit seelischer Behinderung kann man ein erfülltes Leben führen.

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Hintergrundwissen zum Thema Schizophrenie

Schizophrenie ist eine chronisch verlaufende psychische Erkrankung. Sie setzt meist in der späten Pubertät oder im frühen Erwachsenenalter ein, verläuft phasenweise und hält ein Leben lang an. Etwa ein Prozent der Weltbevölkerung ist von der Krankheit betroffen; Männer und Frauen etwa gleich häufig.

Laut dem statistischen Manual für psychische Erkrankungen (kurz DSM–5) erleben Betroffene Psychosen (gekennzeichnet durch Realitätsverlust), Halluzinationen (beispielsweise Stimmen hören), Wahrvorstellungen (etwa Verfolgungswahn), unorganisiertes Sprechen und Verhalten (zum Beispiel zerfahrene Rede oder bizarre Verhaltensweisen), eingeschränkte emotionale Reaktionen und kognitive Defizite (etwa die Unfähigkeit Probleme zu lösen). Die Symptome schränken das berufliche und soziale Leben der Betroffenen erheblich ein.

Etwa 80 Prozent der Menschen mit Schizophrenie haben mindestens einmal in ihrem Leben eine Depression. Viele Betroffene leiden unter erheblichen Selbstmordgedanken; etwa 20 Prozent begehen mindestens einen Selbstmordversuch; fünf bis sechs Prozent sterben durch Suizid.

Schizophrenie wird mit Medikamenten, Rehabilitation und Psychotherapie behandelt. Die Chancen auf Behandlungserfolg sind umso besser, je früher die Diagnose gestellt und die Erkrankung behandelt wird.

Möchtest auch du von deiner psychischen Krankheit oder darüber, wie du die Symptome überwunden hast, erzählen? Dann melde dich gerne via info@jetzt.de. Mit deinen Informationen gehen wir selbstverständlich vertraulich um.

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